Niemand erwartet, dass beim ersten Treffen des neuen US-Präsidenten Joe Biden mit Russlands Wladimir Putin viel herauskommt. Vielleicht trügt das.
Wenigstens schüttelten sich „Sleepy Joe“ und der „Killer“ kurz die Hände, als sie vor Beginn ihres Gipfeltreffens heute am frühen Nachmittag vor der prächtig herausgeputzten „Villa La Grange“ am Genfer See für die zahlreichen TV-Teams und Fo­to­gra­f:in­nen aus aller Welt posierten.

Das erste Treffen zwischen Russlands Präsidenten Wladimir Putin und dem neuen US-Präsidenten Joe Biden hat begonnen, und angesichts all der pessimistischen Prognosen über Verlauf und Ausgang dieses Gipfels und des zumindest bislang als sehr belastet geltenden Verhältnisses zwischen den beiden mächtigsten Männern aus Washington und Moskau schüren bereits solche Gesten vorsichtige Hoffnung.

Vielleicht wird bei dem Treffen ja doch zumindest der Grundstein gelegt für eine Deeskalation der tiefen Spannungen zwischen Russland und den USA. Der historische Tagungsort liefert dafür hoffnungsmachende Beispiele: auf einer Konferenz in der Villa La Grange im Jahr 1864 unter Leitung des Rotkreuz-Gründers Henri Dunant wurde mit der Unterzeichnung der ersten Genfer Konvention zum Schutz von im Krieg verwundeten Soldaten der Grundstein gelegt für das humanitäre Völkerrecht.

Auch die äußeren Umstände könnten nicht besser sein: Fände der Gipfel in Wien statt, worum der dortige Kanzler vergeblich bei Putin geworben hatte, würde man sagen „es herrscht Kaiserwetter“. Keine Demonstration „stört“ das Gipfeltreffen.
Die Botschafter-Frage
Dennoch gilt in der gesamten Stadt höchste Alarmstufe. Tausende Polizisten und Soldaten aus der Schweiz und dem benachbarten Frankreich sind im Einsatz. Der Luftraum über der Großregion am Nordufer des Genfer Sees wurde gesperrt wie die Brücke über die Rhone, über die an normalen Tagen rund 70.000 Autos fahren.

Nach Auskunft von Ver­tre­te­r:in­nen beider Seiten sollen die Gespräche vier bis fünf Stunden dauern. Dabei sind auch die Außenminister Sergej Lawrow und Antony Blinken. Gemeinsam mit den Russen essen wolle man nicht, hieß es im Vorfeld aus der US-Delegation. Aber derartig frostige Ankündigungen wurden auch bei früheren derartigen Treffen schon über den Haufen geworfen.

Zu den Gesprächen zeitweise hinzugezogen werden sollen auch der US-Botschafter in Moskau und sein russischer Counterpart in Washington. Beide wurden in den letzten Wochen wegen der eskalierenden Spannungen von ihrer Gastgeberregierung zur unerwünschten Person erklärt und des Landes verwiesen. Die Korrektur dieser Maßnahmen könnte einer der wenigen oder gar die einzige konkrete Entscheidung sein, die die beiden Präsidenten nach Ende des Gipfels auf – getrennten – Pressekonferenzen verkünden könnten. Diese Hoffnung schürte zumindest ein hochrangiger Vertreter der Biden-Administration gegenüber Journalist:innen.
Update der Redaktion abends: ARD-USA-Korrespondentin Claudia Buckenmaier gab US-Präsident Biden mit den Worten wieder: “Wir haben versucht Bereiche zu finden, in denen wir in Zukunft zusammenarbeiten können.” Dann dürfte es ja kein Problem sein, wenn die Bundesregierung das Gleiche versucht.

Über den/die Autor*in: Andreas Zumach

Andreas Zumach ist seit 1988 UNO- und Schweizkorrespondent der taz mit Sitz in Genf und freier Korrespondent für andere Printmedien, Rundfunk-und Fernsehanstalten in Deutschland, Schweiz, Österreich, USA und Großbritannien. Seine Beiträge sind in der Regel Übernahmen von taz.de, mit freundlicher Genehmigung von Autor und Verlag.