Wer bis 2021 auf RTL Formel 1-Rennen geschaut hat, weiss, was ich meine: während die RTL-Kommentatoren sich Mühe geben, beispielsweise einen spannenden Kampf um Platz drei zwischen Sebastian Vettel und Valtteri Bottas zu kommentieren und analysieren, zeigt das Fernsehbild minutenlang irgendeinen Neunt- oder auch schon mal Siebzehntplazierten. Warum ist das so? Herrin der Bilder ist nämlich nicht RTL als Sportpresse, sondern eine Formel-1-eigene Bildagentur und eine dazu gehörige Bildregie, die entscheidet, welche Bilder gezeigt und vermarktet werden. Da kann es schon mal wichtiger sein, einen russischen Piloten auf Platz 17 zu zeigen, weil man gerade in Sotschi gastiert oder eben das Auto auf Platz neun, weil der Sponsor des Rennstalls Extrazeit bezahlt hat. Bekannt von der Formel 1 auch für Schnipsel des Funkverkehrs zwischen Box und Fahrer, die zum Teil völlig zusammenhanglos zeitversetzt eingeblendet werden.

Zensur von Funksprüchen und Meinungsäußerungen?

Im Prinzip ist das nichts anderes, als Zensur. Bei den Funksprüchen argumentiert die Formel 1 damit, zeitgleiche Veröffentlichung könne Rennställen unnötig Aufschlüsse über den aktuellen Zustand der Konkurrenzfahrer erlauben. Das ist Unsinn – wenn etwa Flüche von Lewis Hamilton und Co. mit Piepsern unkenntlich gemacht werden, kommt die wahre Absicht zutage. Was bei einem Autorennen noch als unangenehme Nebenerscheinung erscheinen mag, weitete sich beim gestrigen Länderspiel Frankreich-Deutschland zu massiver Zensur aus. Als ein Aktivist von Greenpeace per E-motorgetriebenem Paraglider unfreiwillig kurz vor Beginn des Länderspiels auf dem Rasen notlanden musste, blendete – tja wer eigentlich – demonstrativ die Mannschaftsaufstellungen ein, damit so die Bilder der Aktion und vor allem der Schriftzug auf dem Gleitschirm nicht an die Öffentlichkeit gelangen konnten. Ursprünglich hatte Greenpeace einen mit dem Slogan “Kick out Oil” versehenen Riesenball vom Gleitschirm aus auf das Spielfeld abwerfen wollen. Gemeint war der Hauptsponsor der DFB-Elf Volkswagen wegen seines zögerlichen Umstiegs auf Elektrofahrzeuge. Wegen technischer Probleme mit dem E-getriebenen Gleitschirm kam es zu einer Notlandung, bei der zwei Zuschauer verletzt wurden. Greenpeace, das für noch gefährlichere Aktionen bekannt ist, entschuldigte sich danach für den nicht geplanten Verlauf.

ZDF oder Uefa-Bildregie verantwortlich?

Abgesehen davon, dass sich Greenpeace schon fragen lassen muss, inwieweit durch Aktionen Gesundheit und Leben von Aktivisten oder gar Unbeteiligten in Mitleidenschaft gezogen werden, stellt sich eine ganz andere Frage an die Fernsehagentur der Uefa und ihre Bildregie. War es diese oder war es gar das ZDF, von dem ja das Millionenpublikum glaubt, dass es die Partie übertragen hat? Wer war für diesen offensichtlichen Zensurakt verantwortlich? Ist doch eine spannende Frage. Dass sich Veranstalter wie die Uefa, die Fifa oder auch die DFL anmassen, Bilder über Sportereignisse, bei denen zudem ein großes überregionales öffentliches Interesse besteht, zu unterdrücken und zu zensieren, ist so naheliegend wie unzulässig. Denn gestern ging es ja offensichtlich nicht um den Schutz der Persönlichkeitsrechte eines verletzten Spielers, wie vor einigen Tagen etwa beim Zusammenbruch des dänischen Fußballprofis, Christian Eriksen.

Verletzung der Informationsfreiheit

Gestern abend ging es um das Recht der Zuschauer*innen, zu erfahren, was sich da im Stadion ereignete, zumal es sich offensichtlich um eine politische Meinungsäußerung handelte. Diese zu unterdrücken, bedeutet, Informationen der Öffentlichkeit vorzuenthalten und das nennt man zurecht Zensur. “Eine Zensur findet nicht statt.” heisst es lapidar und klar in Artikel fünf Absatz eins Satz drei des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland. Absatz Schließlich gewährleistet Art. 5 Absatz 1 GG die Informationsfreiheit. Hiernach hat jedermann ein Recht darauf, sich aus allgemein zugänglichen Informationsquellen ungehindert zu unterrichten. Beschränkt werden diese Rechte durch die allgemeinen Gesetze sowie den Jugend- und den Ehrschutz. Solche standen aber einer Berichterstattung aus dem Münchner Stadion nicht entgegen.  Ein klarer Grundrechtsverstoss also.

Das Schweigen der Sender

Befremdlich, dass weder das ZDF als dem Grundgesetz und dem Informationsanspruch der Öffentlichkeit verpflichtete Sendeanstalt, noch andere Medien so gut wie kein Wort über den Vorgang verloren. Was heisst das für die Bundesliga und alle anderen Ligen, für jede Sportberichterstattung überhaupt? Werden künftig jegliche Äußerungen – etwa die von kritischen Fans – herauszensiert? Meinen die Fußballfunktionäre etwa, das ohnehin zweifelhafte Recht, die Bilder von Spielen kommerziell zu verkaufen, gebe ihnen auch das Recht, diese nach Belieben zu manipulieren? “Liberty dies by inches” sagt ein alter Spruch der Bürgerrechtsbewegung. ARD und ZDF scheinen bereits vor der Zensurmacht der Fußballfunktionäre kapituliert zu haben. Oder hatte das ZDF bei der Einblendung der Aufstellung gar selbst die Hände im Spiel?