WMs waren schon immer ein deutscher Medienkrieg – 1994 von Springer gegen den konservativen Hans-Hubert Vogts – hauptsache ein Opfer

Hans-Hubert Vogts war vielleicht der wichtigste Spieler in der über 125-jährigen Geschichte von Borussia Mönchengladbach. 1965-1979 spielte er nur für diesen Verein, darin dem legendären, beliebten und gefeierten Uwe Seeler ähnlich, der – mit materieller Hilfe des Adidas-Konzerns – nie seinen HSV verliess. Ich gestehe: auch ich war eher der Netzer/Heynckes-Fan, und wusste immerhin, dass wir einen wie Vogts eben auch immer brauchten. Erst als Aussenverteidiger Vogts bei der Abwehrarbeit die nur annähernd ähnlich starken Innenverteidiger Sieloff und Müller (“Luggi”) zur Seite bekam, wurden die Stars und die Arbeiter zusammen deutscher Meister (1970). Und das in den 70ern fünfmal. War ‘ne schöne Zeit.

Vogts machte mich auch deswegen nie an, weil sein öffentlicher Auftritt damals und bis heute immer betont konservativ war. Er war – übrigens ähnlich wie der dies öffentlich bekennende Fussballgott Hennes Weisweiler – durchgehend CDU-verdächtig. Mit so einem konnte ich noch nie was anfangen. Es machte ihn so unpopulär, dass sogar die CDU-Hetzpresse des Springerkonzerns, als er es als besonders nötig erachtete, in ihm ein dankbares Sündenbock-Opfer erkannte. Der hatte halt keine Waffen und Seilschaften, um sich wirkungsvoll zu wehren. Und so geschah es 1994. Bei der WM in den USA.

Der rechte DFB glaubte in Vogts seinen geeigneten Repräsentanten, einer der nicht öffentlich aus der Reihe tanzt, wie es zehn Jahre später Jürgen Klinsmann (“Man muss den ganzen Laden auseinandernehmen”) tat. Und so war es. Er litt still und ergeben. Und nachdem ihn alle öffentlich geteert und gefedert hatten, trainierte er das Team 1996 zum Europameistertitel – in England, 30 Jahre nach dem legendären Wembley-Gegentor mit dem ikonisch-traurigen Uwe Seeler (das Foto datierte von anderer Gelegenheit, aber Fakten waren schon damals egal).

Ich hatte bei der WM 1994 meinen Spass. Wir waren auf Fahrradtour von Bonn an die Mosel. Zum entscheidenden Viertelfinalspiel machten wir Station in einem Dorf in der Eifel, es hätte das fiktive “Hengasch” sein können, es war aber Monreal, es war Schützenfest, Public Viewing und ein sehr, sehr heisser Sommer. Das Ausscheiden Deutschlands gegen Bulgarien feierten wir ausgiebig, weil wir uns ein Ausbremsen des damals schon grassierenden rassistischen Mobs erhofften. Ich delektierte mich am Fussball Brasiliens und der Niederlande.

In der Unzahl der jetzt auf uns abgeworfenen “Fussballdokus” scheint nach dieser Rezension der FR die über 1994 herauszuragen. Ich werde sie auf jeden Fall ansehen:

WM 1994 – Elf Helden, ein Albtraum – Zur Fußball-WM 94 trat Deutschland als Favorit und Titelverteidiger an, schied jedoch im Viertelfinale aus. Interne Konflikte, mediale Kampagnen und Häme gegen Trainer Berti Vogts hatten dazu geführt, dass sich die vermeintlichen elf Freunde – Spieler wie Lothar Matthäus, Jürgen Klinsmann, Stefan Effenberg, Bodo Illgner, Matthias Sammer – in wenigen Wochen in einen kollektiven Albtraum manövrierten. ‘Elf Helden – Ein Albtraum’ wirft einen Blick hinter die Kulissen des für Deutschland denkwürdigen WM-Turniers und zeigt, wie eines der stärksten deutschen Teams aller Zeiten spektakulär scheiterte.” Verfügbar 5 Jahre. 4 Teile a 45 min.

Das wiederkehrende Motiv dieser Dokus, und das macht sie zu medienpolitischer Geschichtsschreibung, ist die Arschloch-Rolle, die die sog. Journalisten des Springerkonzerns dabei spielen. Und sie genieren sich nicht eine Sekunde dafür. It’s the economy, stupid! Und in der Welt ausserhalb des Fussballs funktionieren sie exakt genauso.

Frage für Ihre Hausaufgaben mit oder ohne Fusballgucken: warum funktionierte es damals? Und warum heute immer noch?

Bemerkte ich schon, dass ich noch keine WM-Sekunde gesehen habe? Brasilien-Marokko würde ich gucken. Aber 0 Uhr kommt für mich nicht infrage.

Über Martin Böttger:

Avatar-FotoMartin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
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