Wann, wenn nicht in einer Klimakrise und Pandemie, wäre es angebracht, dass internationale Solidarität und Aussenpolitik im Zentrum eines Bundestagswahlkampfes stehen müssten? Haben Sie es irgendwo bemerkt? Bemerken Sie überhaupt irgendeinen sachlichen Streit? Wenn Sie die beiden letzten Fragen mit Nein beantworten, kennen Sie mein Problem. Das heisst immerhin nicht, dass es das überhaupt nicht gibt. Wer suchet, der findet. Sogar eine den*die Leser*in bereichernde China-Kontroverse, die sich von Vorkriegspropaganda wohltuend unterscheidet.
Organisiert wurde sie von den Kolleg*innen der Informationsstelle Militarisierung (IMI), auf deren Diskussionsbeiträge auch der Beueler Extradienst gelegentlich zugreifen durfte. Und entdeckt habe ich sie in diesem Falle durch Interviews, die telepolis-Chef Harald Neuber mit den Kontrahenten Andreas Seifert und Jörg Lang führte.
Ich bekenne offen, dass ich Seiferts Sicht näher stehe. Langs Kategorisierung zwischen Imperialismus und Antiimperialismus finde ich zwar nicht unzeitgemeäss, allerdings in diesem Falle unzutreffend, eher vulgarisiert. Er desavouiert damit mehrere seiner bedenkenswerten Argumente und sachlichen Feststellungen. Meine Meinung.
Aber lesen Sie selbst.
Andreas Seifert hier.
Jörg Lang hier.
Und Dank an alle Beteiligten für diese Gabe an uns Hungernde und Dürstende nach intellektuell satsfaktionsfähhigem öffentlichem Streit.
PS: dass solcher Streit in der breiten – vermachteten – deutschen Öffentlichkeit nicht stattfindet, zeigt die ganze diskursive Rückständigkeit unseres Zwergstaates in der globalisierten Welt. Ich kenne Antiimperialisten, die das besser finden, als ein einflussreiches Deutschland. Kann mann aus historischer Perspektive so sehen. Wird aber der Verantwortung in der Klimakrise nicht gerecht. Mein Negativszenario sieht so aus: nächstes Jahr kommt es zum Achsbruch zwischen Frankreich und Deutschland, mit der Abwahl des komplett “laschetartig” derangierten Macron (immerhin ist der schon einmal Präsident geworden, mutmasslich nur dieses eine Mal). Dieser Achsbruch wächst sich in Bezug auf die EU zum Kolbenfresser aus. EU-Europa meldet sich als eigenständiger Faktor zwischen den USA und China ab, lässt sich von den beiden Grossen in Einzelteilen einreihen. Immer noch besser als Weltpolizist werden. Einerseits. Andererseits: der Planet gibt der Menschheit keine Zeit mehr für das Männerspielchen, wer den Längsten hat.

Über den/die Autor*in: Martin Böttger

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
Sie können dem Autor auch via Fediverse folgen unter: @martin.boettger@extradienst.net