Schwarze Menschen finden solche Begrifflichkeiten in der Regel nicht amüsant. Die Psychologin Alice Miller definierte die gemeinte Pädagogik so: “Erziehung, die darauf ausgerichtet ist, den Willen des Kindes zu brechen, es mit Hilfe der offenen oder verborgenen Machtausübung, Manipulation und Erpressung zum gehorsamen Untertan zu machen“. Ist kein so griffiges Label, aber damit wissen wenigstens alle, was gemeint ist. Zuletzt durch die Affäre um den Bonner Psychiater Winterhoff aufgeklärt, weiss die interessierte Öffentlichkeit, dass diese in Fachkreisen auch “Pädagogik der (bürgerlichen) Aufklärung” genannte Praxis kein Phänomen eines reaktionären Gestern, sondern weltweit verbreiteter Teil des real existierenden Kapitalismus von heute ist. Dazu ein Beispiel aus der Geopolitik und eins aus der individuellen Psycho-Praxis.
Thomas Pany/telepolis berichtet über eine Bilanz des Watson Institut der US-amerikanischen Universität Brown. Derzufolge hat der soeben in Afghanistan ruhmreich verlaufene “War On Terror” zwischen 49 und 60 Mio. Menschen zur Flucht gezwungen (= “Fluchtursachen”!). Allein in Afghanistan waren es 6 Mio., im Irak 9 und in Syrien 7. Pany deutet richtig, dass es nicht um die Frage geht, wer daran “schuld” war und ist – es liesse sich ja auch mit einiger Berechtigung den Taliban, Saddam Hussein oder dem Assad-Regime in die Schuhe schieben. Aber wann, wenn nicht endlich jetzt, ist es an der Zeit zu problematisieren, welche Politik die richtige ist, um die Welt nicht unsicherer sondern sicherer zu machen? Mit Panys Worten: “Die politischen Diskussionen im Westen nehmen die eigene Rolle bei der Entstehung von Konflikten nicht genug wahr. Das zeigte sich in Libyen, in Syrien, bei der Ukraine-Krise und das zeigt sich auch bei der Analyse des Afghanistan-Schlamassels, wo die Unterstützung der Dschihadisten strategisch schon vor dem Einmarsch der sowjetischen Armee begann. Da könnte doch langsam eine Umorientierung, das Mitbedenken der eigenen Rolle, in Gang kommen? Das wird sich bei der nächsten Diskussion über Auslandseinsätze zeigen, wo mit einer ‘gewachsenen Verantwortung’ argumentiert wird.” Bravo und Danke an den Autor.
Dito an Stephan Schleim, der sich “Psychologeek”, ein Informationsangebot der Psychologin Pia Kabitzsch für “funk” vornimmt. “funk” ist ein gemeinsam von ARD und ZDF gegründetes und betriebenes Netzwerk mit Angeboten für die Menschen, die kein TV mehr glotzen: die “14-29-jährigen”. Es war und ist eine der wenigen guten und wichtigen Ideen, die diese Anstalten in den letzten Jahren hervorgebracht haben. Darum ist das, was Schleim hier kritisiert, keine nebensächliche Nische, sondern wichtig, “relevant”. Er stösst dabei auf ein Phänomen, das auch mich in vergleichbaren Fällen immer wieder “auf 180” bringt: wenn Leute, die es (professionell) wissen müssen, keine 5 Minuten Zeit mehr für eigene Faktenrecherche aufbringen, nur um ihre Storyline nicht zu zerstören.
Es wäre lustig, und Anlass für zynischen Sarkasmus, wenn es nicht die zahlreichen betroffenen Kinder wären, die unter diesen Klischees und ihrer populären Verbreitung leiden müssen. Ganz ähnlich, wie bei Dr. Winterhoff.
Es wäre also Zeit, neben der Bilanzierung von Einschaltquoten, Klickzahlen, Bekanntheitsumfragen und Verweildauerstatistiken, mal etwas ganz revolutionär-progressives einzuführen: Qualitätscontrolling.