Die Herrschenden haben Laschet schon aufgegeben
mit Update nachmittags
Es ist nur das Feuilleton, also an dieser Stelle kaum relevant. Im Politikteil wäre Patrick Bahners/FAZ Abhandlung über die Eröffnung der “Academy of International Affairs NRW” in einer Villa in der Bad Godesberger Rheinallee zu einer publizistischen Vernichtung des CDU-Kanzlerkandidaten geraten. Im Hauptberuf ist der Betreffende NRW-Ministerpräsident. Und selbst in diesem Amt kann er, wenn wir Bahners’ Argumentationsführung folgen, seinen katholisch-akademischen Aachener Seilschaften-Provinzialismus nicht verbergen.
Relevanz bekommt diese Feuilleton-Abhandlung erst durch die in Frankfurt recht strategisch bewusste Schlagzeilengebung weiter vorne. Dort lesen wir: “Für Manuela Schwesig läuft es gut”, “Der engagierte Markus Söder”, “Olaf Scholz erntet” sowie “Olaf Scholz in Frankfurt – Halb Kandidat, halb Kanzler”. Fazit der SZ: “Union – Defensiv und mutlos”. Noch Fragen? Diese publizistischen Glocken dienen einem Zweck: dem Herrn Lindner mitzuteilen, wie er zwischen Jamaika und Ampel entscheiden soll. Und jetzt die Preisfrage an Sie: was sagt uns das über den Cum-Ex- und Wirecard-Olaf? Die Mächtigen wissen wohl sehr viel über ihn.
Update nachmittags: zu den “Gefahren”, die für das herrschende System von der sich “Die Linke” nennenden Partei ausgehen, führt Bettina Gaus/Sp-on das aktuell Wesentliche aus. Wenn ich, was ich regelmässig tue, in die Junge Welt schaue, ist diese Oppositionspartei, und zwar alle ihre Flügel und Strömungen (auch die Junge Welt selbst), vorzugsweise damit beschäftigt, in ihrem Inneren Hass und Verachtung zu verbreiten, und damit sich selbst und ihre potenzielle Anhänger*innen*schaft effizient zu demobilisieren.
Verschwiegenheit
Das Oberverwaltungsgericht Münster, weder als Ökolog*inn*en- noch als linke Hochburg bekannt, sprach gestern ein spektakuläres Urteil über ein nicht minder spektakuläres Kohlekraftwerk. Und was machte das WDR-Regionalmagazin “Aktuelle Stunde”? Es vergräbt die Sache in den Kurznachrichten, immerhin kurz vor dem vielgesehenen Wetterbericht. Warum nur? Antwort: weil sich dort die gesamte NRW-Landespolitik, von den Kohleparteien CDU und SPD bis zu den wenig ruhmreichen Grünen blamiert hat. Der Schwarzbau steht und schädigt über weitere Jahre und Jahrzehnte das Klima, und scheisst Kapital für die Aktionäre der Uniper (ehemals Eon), eine würdige Repräsentantin des kohleindustriellen Komplexes NRWs. Hier der Kommentar von Georg Ehring/DLF, ein Wirtschafts- und Umweltjournalist mit Haltung.
Bescheidenheit
Wenn die Tarifforderung einer Gewerkschaft in Medienkommentaren so gelobt wird, wie von Birgid Becker/DLF, ist das dann nicht eher ein schlechtes Zeichen? Meine erste Gefühlsregung: als Tarifergebnis wäre das ok. Aber eine solche Forderung macht so ein Ergebnis in der Dynamik von Tarifauseinandersetzungen faktisch unmöglich. Andererseits weiss ich vom Hören des Senders, dass Frau Becker dort zu jenen mit Verstand gehört. Und die Repräsentanz der Arbeitgeberseite durch einen niedersächsischen Finanzminister in der gestrigen Tagesschau war so schlecht, dass es auf publizistischen Rückenwind für die Gewerkschaften Hoffnung macht.
Aushöhlung des Journalismus
Den “Merkur” habe ich als konservatives Periodikum noch nie gelesen. Der alte Bohrer ist gerade tot, und prompt entfaltet sich dort ein kritisch-fortschrittlicher Diskurs? Diese Ahnung vermittelt mir René Martens/MDR-Altpapier, demzufolge dort Diedrich Diederichsen und Antonia Baum Kluges über den derangierten deutschen Diskurs zu “Cancel-Culture” und “Identitätspolitik” veröffentlicht haben. Martens ergänzt das um sachgerechte Hinweise auf die Demontage journalistischer Standards im Redaktionsalltag. Kluge Leute. Mehr davon!
Update nachmittags: der Link zum Bahners/FAZ-Text war heute vormittag falsch gesetzt. Bitte um Entschuldigung. Ist jetzt korrigiert.