Während in Berlin unter grosser Medienaufmerksamkeit und bisher überraschend erfolgreicher Diskretion über eine Ampelkoalition verhandelt wird, gibt es hier um die Ecke in Rheinland-Pfalz schon lange eine, seit 2016. Die wurde in diesem Sommer durch die Starkregenkatastrophe im Ahrtal auf eine harte Probe gestellt. Das betrifft nicht nur missratenes Katastrophenmanagement, dem bisher nur ein einzelner Landrat in Ahrweiler zum Opfer gefallen ist, sondern noch mehr die Lehren und Konsequenzen aus den katastrophalen Ereignissen. Auch da sieht es nicht gut aus. Und lässt, wenn es sich auf Bundesebene so ähnlich wiederholen sollte, Schlimmes befürchten.
Mich hat es recht unverwandt berührt, dass die strengsten Leviten, die ich dazu wahrnahm, der rheinland-pfälzischen Landesregierung vom Korrespondenten der grosskapitalnahen FAZ Julian Staib gelesen werden müssen. Aufgepasst: der hat in Moskau studiert, und noch weiter östlich. An anderer Stelle hatte die FAZ schon von Erkenntnissen der Bonner Geographen Thomas Roggenkamp und Jürgen Herget berichtet.
Tagesschau.de bot einen in Bonn geborenen Biologen, Wolfgang Büchs, auf, der im Auftrag des Landesamts für Umwelt in Rheinland-Pfalz eine Ahrtal-Monographie mitverfasst hat – komplett online verfügbar!
Die genannten Wissenschaftler wollen sich verständlicherweise nicht als Überbringer böser Botschaften betätigen, sondern ordnen diese Aufgabe zurecht “der” Politik zu. Die aber, wie schon beim Katastrophenmanagement, institutionell zu versagen droht. Während der Katastrophe selbst erwiesen sich insbesondere die bürokratischen und hierarchischen Strukturen deutscher Landkreise als untauglich. Wenn der Chef auf Fortbildung ist, trauen sich Untergebene nicht zu arlamieren oder gar zu evakuieren. Dann bleibt “das” eben bis Montagmorgen liegen.
Jetzt ist es so, dass Kommunalpolitiker*innen sich nicht trauen, durch die Schäden sowieso schon traumatisierten Menschen gegenüberzutreten und offen heraus mitzuteilen, dass ihr Haus an dieser Stelle nicht wiederaufgebaut werden könne. Die Landesregierung wiederum zuckt mit den Schultern: Planen und Bauen sei kommunale Aufgabe (Audio 5 min). “Da bin ich nicht dabeigewesen”, als alles wieder falsch gemacht wurde.
Wenn ich die oben genannten Bonner Geographen richtig verstehe, wäre die Ahrkatastrophe durch noch so viele Retentionsflächen nicht zu verhindern gewesen. Es war einfach zu viel Wasser auf einmal. Allenfalls Linderung wäre möglich, der eine oder andere der vielen Meter über Normal. Ob der Klimawandel uns die Starkregen von 1804, 1910 und 2021 demnächst regelmässiger bringt, wissen wir nicht. Kann aber sein.
Hausbau an gleicher Stelle ist eine Wette. Ich würde sie nicht wagen. Und bessere, ehrlichere, mutigere Ratgeber*innen wünschen. Gäbe es einen weniger traumatisierenden Immobilienmarkt in diesem reichen Land, wäre schon viel gewonnen.