Mutmachendes aus der Springer-/Reichelt-/Ippen-Affäre
Eigentlich hat sich “nur” Alltägliches ereignet. Ein übergriffiger Chefredakteur. Eine Verlagsspitze, die das nicht juckt. Eine junge Investigativredaktion, die von ihrem Arbeitgeber ausgebremst wird. Ein Kartell von Grossverlegern in ihrem sektenartigen Interessenverband. Es war doch immer so. Warum jetzt diese Aufregung? Antwort: Informationen fliessen dank der Digitalisierung freier, und sind durch ihre “Besitzer” kaum mehr kontrollierbar. Das ist es, was der 81-jährige Dirk Ippen nicht mehr versteht, und selbst den scheinbar intellektuelleren Mathias Döpfner hat es auf dem falschen Fuss erwischt. Weil er auch nur ein alter Mann ist.
Selbst die “moderne” US- und profitorientierte Expansionsstrategie des von Döpfner geführten Springerkonzerns hat noch ein völlig veraltetes Strategiemotiv: Informationsherstellung und -verbreitung zusammenzukaufen, um sie dann aus einer Monopolstellung heraus zu verknappen. Döpfner kauft Politico, um die dort hergestellten Informationen veredeln und dann teuer an solvente Eliten zu verkaufen. Die sind natürlich nur zahlungsbereit, wenn sich nicht jeder billige Tuppes daran gütlich tun kann. Es geht ja um den Informationsvorsprung gegenüber dem ungebildeten Pöbel.
Auf der anderen Seite steht die Klasse der abhängig beschäftigten aber unabhängig arbeiten wollenden Journalist*inn*en, in der Regel weit jüngeren Alters. Die haben nun von Ippens Investigativredaktion beispielhaft vorgestellt bekommen, wie Klassenkampf von unten geht. Die stärkste Waffe in diesem Kampf ist die Mobilisierung von Öffentlichkeit. Ich kann mich nicht erinnern, wann zuletzt eine vergleichsweise kleine aber intelligente Gruppe von Lohnabhängigen sich so effizient gegen einen Boss gewehrt hat. Geholfen hat ihr dabei ihre globalisierte Vernetzung. Der spektakuläre NYT-Text, der ihr half, war von einem ehemaligen Buzzfeed-Kollegen von Daniel Drepper, Ben Smith verfasst. Drepper ist ausserdem Aktivist im deutschen Netzwerk Recherche, in dem mann*frau sisch kennt und bisweilen sogar hilft.
Wichtig: nicht nur der Netzwerk-Aktivismus, sondern auch handwerkliche Gründlichkeit und Liebe für die eigene Arbeit, Sach- und Fachkenntnis für den inhaltlichen Gegenstand des Konflikts, den Schutz von weit mehrheitlich Frauen vor sexualisierter Gewalt. Darin sind diese Beschäftigten ihrem Boss um Lichtjahre voraus. So ist der Kampf zu gewinnen.
Der nächste Schritt wäre, wenn so einem Verlegeroligarchen die Möglichkeit zur Informationsunterdrückung schlicht aus der Hand genommen würde. Solange es keine entsprechenden Gesetze gibt, was höchste Zeit wäre, müssten es die Beschäftigten selbst besorgen. Denn es ist ja nicht der Herr Ippen, der Druckmaschinen stoppt oder an der Online-Tastatur sitzt. Er muss noch Knechte haben, die sein vorgestriges Weltbild im Betrieb umsetzen. Was denken die sich wohl dabei?
Ippen könnte seine frechen Investigativleute immer noch feuern. Die Macht hätte er. In Wahrheit werden sich bei ihnen längst internationale Jobangebote stapeln. Sie, Daniel Drepper, Juliane Löffler, Katrin Langhans, Marcus Engert u.a. haben sich erfolgreich zur “Marke” gemacht. Sie surften, geschickt, wie es sich für gute Surfer*innen gehört, auf der internationalen #metoo-Bewegung, und sorgten gleichzeitig dafür, dass sie endlich auch hierzulande mal angemessen zur Kenntnis genommen wird.
Stark.
Lesen Sie ergänzend auch diese Geschichten aus der altdeutschen Zeitungsmännerwelt von Thomas Knüwer/indiskretionehrensache.de, berufserfahrungsgesättigt.

Über Martin Böttger:

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
Sie können dem Autor auch via Fediverse folgen unter: @martin.boettger@extradienst.net