mit Update nachmittags: Clickbaiting-Journalismus / VerfG zur Coronapolitik
“Das Thema Klima (wurde) in allen Triell-Fragen nur als Kostenfaktor hingestellt, das meistgenannte Wort war hier ‘teuer’. Das dahinter stehende Narrativ: Klimaschutz bedeute Verbote und Verzicht und koste die Bürger:innen Unmengen an Steuergeldern. … Statt den Politikern auf den Zahn zu fühlen, wie und was sie gegen die Klimakrise zu tun gedenken, skizzieren die Moderationsteams ein seltsames Horrorszenario: in den Untergang führt nicht die Erderwärmung, sondern der Kampf dagegen.” Das schrieb Jürgen Lessat in der Kontext-Wochenzeitung und fasst damit den selbstreferentiellen Schwachsinn des deutschen Oberflächenjournalismus präzise zusammen.
Das treffende Zitat verdanke ich René Martens und seiner wie immer instruktiven MDR/Altpapier-Kolumne, in der er der Frage nachgeht, wie heute ein lösungsorientierter Klimajournalismus aussehen kann. Definitiv dazu gehört die kritische Selbstuntersuchung des eigenen Handelns, wie es Bernhard Pötter/taz für seine Anreise nach Glasgow offen gelegt hat. Boris Johnson “muss” von London nach Glasgow fliegen, weil die Infrastruktur unten – ganz ohne Weltkrieg – in Trümmern liegt. Ich warne Sie: wenn die neue Bundesregierung nicht sehr schnell handelt, sieht es hier bald so ähnlich aus.
Springer-Affäre
Die beste Analyse der Strategien des Springer-Konzerns, und zwar seit dieser hier, die der verstorbene Kölner Medienjournalist Peter Hanemann seinerzeit enthusiastisch in einem Leserbrief gelobt hat, liefert der alte Kämpe Wolfgang Michal/Freitag. Das passte zum gestrigen “Bombshell” im ZDF (kein Mediathekangebot, pfui!), erste Hollywood-Sahne zu #metoo, Murdoch und sein Fox-Network. Danke.
Update nachmittags
Clickbaiting
Victor Pickard/Jacobin bespricht das Buch All the News That’s Fit to Click: How Metrics Are Transforming the Work of Journalists von Caitlin Petre. Sein Text erinnerte mich an den Müllhaufen im gestern gesendeten Film “Bombshell”, der den Newsroom von Murdochs Fox-Network darstellte. Zahlreiche Menschen, viele blonde Frauen darunter, die für ihren Boss durch Scheisse waten mussten. Das Sinnen und Trachten der Kapitaleigner dieser Müllhaufen ist, diese Menschen eines Tages durch Rechner und Algorithmen zu ersetzen. Das wäre es dann mit Arbeit, Journalismus, Machtkontrolle und Demokratie gewesen: die Zukunft, die sich der 90-jährige Rupert Murdoch erträumt, ein Menschenhasser wie sein Ex-Freund Donald.
Verfassungsgericht sucht Urteil zur Coronapolitik
Das mir vor Augen haltend begreife ich, in welcher demokratischen Idylle wir (noch) hierzulande leben. Michael Maier/Berliner Zeitung sprach mit Heribert Prantl über das noch ausstehende Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur Coronapolitik. Da die “Bundesnotbremse” die übliche Rechtsweggarantie, mit der sich Bürger*innen gegen Verwaltungshandeln wehren können, ausserkraft gesetzt hatte, wurde das Bundesverfassungsgericht als einzig mögliche Instanz mit hunderten Klagen überschwemmt. Vorsichtshalber verzichtete es auf Eilentscheidungen. Prantl hofft für eine bessere Nachvollziehbarkeit, dass das Gericht das Verfahren möglichst öffentlich gestaltet. Spannend. Und wichtig.