Der alte Florian Rötzer bleibt in der Rente wie ich nicht ruhig, sondern lässt uns an seiner Weitsichtigkeit teilhaben. Die ist ja jüngeren Nachfolgern oftmals so nicht vergönnt. So hat er nun eine Zusammenstellung von Projekten veröffentlicht, mit denen Milliardär*inn*e*n bestimmen wollen, was wahre Information ist, und was unwahre. Seine Bitternis teile ich. Aber es ist nicht nur schlecht. Es ist auch eine Frage, was öffentliche Kräfte aus solcher Engagementbereitschaft der Superreichen machen. Mann nennt es Medienpolitik.
Rötzer wird gewiss beipflichten, dass die von ihm aufgezählten Projekte inhaltlich und politisch recht unterschiedlich gelagert und also zu beurteilen sind. Die alten Geschäftsmodelle der Verlegermilliardärsfamilien sterben. Öffentlich-rechtliche Medien, in Deutschland (noch) ungewöhnlich stark und reich, sind von Rechts bedroht, und werden aus berechtigten Gründen von Links kaum verteidigt. Auf diesem Hintergrund müssen neue Modelle gesucht werden, mit denen ein hochwertiger Journalismus noch machbar ist.
Dass es nun Milliardär*inn*en gibt, die relevante Teile ihres Vermögens in solche Entwicklungen investieren wollen, ist nicht verwerflich, sondern ehrenwert. Verwerflich ist, wenn sie solche Projekte mit Herrschsucht und Kontrollwut überziehen, was in Einzelfällen sicher nicht ausgeschlossen werden kann. Es müssten also Modelle entwickelt werden, in denen ihr Geld willkommen ist, ihre Herrschaft aber nicht – Kapital gibt es ja sowieso zu viel; nur die, die viel davon besitzen, sind zu wenige. So würde sich schnell Spreu vom Weizen trennen.
Ich nehme mal als ambivalentes Beispiel die Augstein-Kinder. Zweifellos haben sie aus den Fehlern ihres Vaters – wer sollte die besser kennen als sie? – viel gelernt, und vieles besser gemacht. Aber natürlich sind sie Menschen und machen auch nicht wenig falsch. Im Falle des Spiegel sind sie zwar reich, aber mit unter 25% auch machtlos – wie der Alte es in seinem Testament wollte. Offenlegung: Jakob Augstein kaufte 2008 die Wochenzeitung Freitag; den Rat, ihn zu fragen, hatte u.a. ich den Vorbesitzer*innen (6 Personen, überwiegend Journalist*inn*en anderer Medien, die mit Recht angesichts von Altschulden um ihre Altersversorgung fürchteten) gegeben.
Die Erben von Erich Brost haben sich von der “Funke”-Familie Grotkamp reich aus dem WAZ-Konzern (heute: “Funke-Mediengruppe”) rauskaufen lassen, weil viele von ihnen vermutlich ganz andere Interessen haben, als Verleger*in sein zu wollen, und sich ständig mit anderen Erben herumzustreiten. Viel von ihrem Reichtum steckten sie ehrenwerterweise in eine Erich-Brost-Stiftung. Dass sie Bodo Hombach mit dem Vorsitz betrauten – da neige ich zu der rhetorischen Frage: musste das sein? Dass sie auskömmliches Startkapital (3,3 Mio. 2014-18) für Correctiv lieferten, war, bei aller Kritik die mann im Einzelnen üben mag, zu seiner Zeit sicher eine der besten Ideen.
Es ist also richtig, nach anderen Modellen zu suchen. Das wird nicht dadurch falsch, dass es auch Superreiche tun. Der Fehler ist die fast totale Abwesenheit der Politik, dafür demokratische Rahmen und Spielregeln zu setzen. Sicher: manche Superreiche investieren auch darin, dass das so bleibt. Das ist bekämpfenswert. Ich nenne es Klassenkampf.

Über den/die Autor*in: Martin Böttger

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
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