Wundersame Bahn LXXV
Mit Norbert Mappes-Niediek habe ich Ende der 70er Jahre in Bonn eine linke ASta-Koalition ausgehandelt; wir beendeten eine lange Vorherrschaft der CDU-Kinder und Burschenschaftler vom RCDS. Stephan Eisel, Gernot Fritz u.a. waren authentische Vorbilder für den heutigen Guido Deus im Stadtrat – Verlierer. Mit Norbert zu dealen war eine Freude. Sein Genosse Christoph Drösser, Mathematiker und heute ein renommierter Wissenschaftsjournalist, wurde Vorsitzender, Harald Jansen aus meinem LHV Öffentlichkeitsreferent. Heute ist Norbert der beste journalistische Kenner der Balkan-Politik, meistens fachkundiger und seriöser als das Bundesaussenministerium.
Er arbeitet und lebt seit Jahrzehnten vom schönen österreichischen Graz aus, und wird dort mittlerweile kommunistisch regiert – in Österreich! Vor einigen Tagen hat er sich für eines der stärksten DLF-Formate, die Reihe “Hintergrund” der Eisenbahnpolitik auf dem Balkan angenommen. Bravo.
Ich selbst habe die Bahn nur im Norden des damaligen Jugoslawien genutzt. Zweimal fuhr ich über Ljubljana nach Rijeka, um dort Fährschiffe Richtung Griechenland zu besteigen. Einmal war das traumatisch, im von Norbert erwähnten Hellas-Express. Ich musste nachts um 4 in Ljubljana umsteigen, durfte also nicht einschlafen und den Ausstieg verpassen. Schlaftrunken vom Bahnsteig aus sah ich entgeistert, dass die Bahnhofskneipe Hochbetrieb hatte, und sich die Gäste fröhlich am dämmernden Morgen die Kante gaben. Das also war der arbeiterselbstverwaltete Kommunismus?
Das zweite Mal fuhr ich umsteigefrei von Beuel aus mit dem TUI-Ferienexpress. Ein totaler Kontrast. Wir gaben uns selbst die Kante im Speisewagen und genossen die an den grossen Fenstern vorbeiziehende Landschaft. Auf der Fähre trafen wir dann zufällig, ohne Verabredung, die schönste Frau aus meiner Abiturklasse aus Gladbeck. Es wurde ein prächtiger Urlaub.
Die südlichen Teile des Balkan-Eisenbahnverkehrs sah ich nur vom vorbeifahrenden Auto aus, Anfang der 80er Jahre. Pristina und Skopje z.B. Oder die griechischen Strecken. Der “Hauptbahnhof” von Athen, eine Metropole grösser als Berlin, hatte eine Atmosphäre, die ich mit dem Dorfbahnhof von Serramanna (Sardinien) vergleichen würde. Der Bahnhof von Piräus ähnlich, ein Nichts im Vergleich zur dortigen U-Bahn-Endstation.
Nun kommt also “der Chinese”, und will dort Hochgeschwindigkeitsstrecken bauen. Wer Fernstrecken im auftauenden Permafrostboden von Tibet bauen kann, für so jemand sind die Schluchten des Balkan eine Kleinigkeit. Und die EU? Sie hatte lange genug Zeit, sich dafür zu interessieren. Das hat sie nun davon. Hat Norbert gut erklärt.

Über den/die Autor*in: Martin Böttger

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
Sie können dem Autor auch via Fediverse folgen unter: @martin.boettger@extradienst.net