Timo Rieg/telepolis hat heute eine achtteilige Serie zum Thema “Medienkritik zum Corona-Journalismus” abgeschlossen. Ich muss zugeben, dass ich die Reihe nur kursorisch gelesen habe, das heute erschienene Resümee aber vollständig. Nach meinem Eindruck legt er dabei in Einzelfällen Fallstricke, über die er selbst stolpert. Die Begrifflichkeit “der Journalismus” ist nur einer davon.
Binäres Denken und Sportifizierung
Das ist die eigentliche Pest des deutschsprachigen öffentlichen Diskurses. Eine Position tritt gegen eine Gegenposition an. Sie kämpfen gegeneinander. Medien berichten darüber, wie über ein Fussballspiel oder ein Tennismatch. Gestritten wird über Schiri-Entscheidungen, und wer gewonnen und wer verloren hat. Am Ende gibts eine Tabelle/Ranking mit Oberen und Unteren.
Das hat zwei gewaltige Probleme, denen auch Rieg in seiner Darstellung kaum klug ausweicht. Weder soziale Prozesse (Sozialwissenschaften) noch Naturgesetze (Naturwissenschaften), repräsentiert in diesem Einzelfall durch ein Virus, ordnen sich dieser brutal versimpelnden Betrachtungsweise unter.
Warum wird sie dennoch bis zum Überschnappen praktiziert? Die Besitzerinnen und Machtausübenden in den meisten Medien sind der Meinung, sie selbst seien klug genug, die Welt zu verstehen und zu erklären. Nur leider ist das Publikum da draussen doof und debil. Komplexe Tatsachen sind Gegner jedes Mediums, das Nachrichten und Meinungen verkaufen will. Und die wenigen (öffentlichen) Medien, die überhaupt nichts verkaufen sollen und müssen, passen sich dem an, weil sie Angst haben, dass sie sonst keine*r mehr guckt/hört/sieht.
In seinem Ärger übersieht Rieg, dass “die” bösen Medien in Einzelfällen auch rechthaben, Dinge richtig darstellen könnten. Beispiele: das Coronavirus ist (lebens)gefährlich; Impfen ist (meistens) besser als nicht; weltweit betrachtet sollte mehr geimpgft werden, und nicht weniger; Faschisten und Rassisten müssen bekämpft werden, weil sie ein menschenfeindliches Weltbild haben, egal was sie zum Virus meinen.
Das ist mir in Riegs Resümee am negativsten aufgefallen. In seinem Versuch, vermeintlich harmlose Demonstrant*inn*en gegen Vereinfachungen “der” Medien zu verteidigen, unterschlägt er völlig, dass Faschisten und Querdenkunternehmer erfolgreich in die Leerräume gestossen sind, die von ihm selbst kritisierte versimpelnde Propaganda erst geschaffen hat. Der “Sturm” in den Bundestag (Reichstagsgebäude) war eine beabsichtigte Inszenierung, wie wenige Monate später der Kongress-Sturm der Trump-Faschisten in den USA. Und die allermeisten Medien sind brav darauf hereingefallen. Wichtig war nicht, wie “böse” die Aktion bewertet wurde, sondern die maximale Verbreitung ihrer Bilder.
“Harmlose” Demonstrant*inn*en, die vorgebliche “Minderheiten” von Faschisten in ihren Reihen zu ertragen bereit sind, legen in diesem Moment ihre Harmlosigkeit vollständig ab. Sie kennen die deutsche Geschichte, und sind entschlossen alte Fehler zu wiederholen. Wie kann es einem reflektierenden Autor wie Rieg nur passieren, das zu übersehen, oder mindestens in einem achtteiligen Text zu übergehen?
Auch ganz schön dumm: Riegs Betrachtung der Rolle des Fussballs. Und das in einer “Medienkritik”! Die Gespensterspiele des Profifussballs hatten weder mit dem Virus noch mit Gesundheitsprophylaxe etwas zu tun. Die Gladiatoren mussten ran, damit die Medienmaschine weiterdreht, und das debile eingesperrte Volk bespasst werden kann. Hat sich “bewährt”, kommt noch diese Saison wieder. Ganz ohne Fans finden die Oligarchen sowieso besser. Für den Cashflow zu vernachlässigen, und viel weniger Generve.
Fehler der Impfpropaganda
Rieg hat in der Betrachtung recht, dass die Werbung/Propaganda gegen das Virus und für das Impfen komplett überdreht hat, und sich damit selbst ins Knie schoss. Weil sie, wie erwähnt, die Zielgruppe für doof und debil hält, verzichtet sie auf die Erwähnung von Zweifeln, Nachteilen, Unsicherheiten. Nur leider verschwinden die durch Ignorieren nicht.
Langzeitwirkungen z.B. (Kimmich) – kann es noch gar keine Erkenntnisse geben. Wie denn? Die Impfstoffe sind weniger als zwei Jahre alt. Wer will da schon was zur Langzeit wissen? Nur Aufschneider*innen und Scharlatane. Dummerweise hat das Virus dramatische Kurzzeitwirkungen. Und nu? Was lehrt uns das? “Ohne mich!”???
Ist der Grund des allgemeinen Schulterzuckens über die betagten Toten von Grippe- oder Hitzewellen ein gutes Argument, das Schulterzucken fortzusetzen?
Ist der Personal-Engpass auf Intensivstationen ein Argument für Krankenhausschliessungen und die Abwehr gewerkschaftlicher Arbeitskämpfe?
Einer der grössten Crashs war das WDR-TV-Interview mit seinem programmprägenden Tatort-Star Jan Josef Liefers. Das ist es, das Misstrauen und Skepsis nicht bekämpft, wie es scheinbar Absicht des missionierenden Interviewers war, sondern erst richtig düngt. Da hat Rieg recht: die so handeln und arbeiten sind viele. Die andern sind wenige.
Ich empfehle weiterhin, auch wenn die, weil Menschen, selbstverständlich auch nicht fehlerlos sind:
nano/3sat, werktäglich 18.30 h;
Forschung aktuell/DLF, täglich 16.30 h.
Die haben mich bisher gut durch die Pandemie gebracht. Und selbst dpa (David Hutzler), lies und staune, kann es (habe ich bei heise gefunden). Warum nicht vor 1 1/2 Jahren? Und warum nicht immer?

Über den/die Autor*in: Martin Böttger

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
Sie können dem Autor auch via Fediverse folgen unter: @martin.boettger@extradienst.net