von Gert Eisenbürger
1978 wurde eine WM-Kampagne von Bonn aus koordiniert

Seit Monaten gibt es immer mehr Proteste gegen die Fußball-WM 2022 in Katar. Erst jüngst haben verschiedene Fan-Intiativen zum Boykott des Turniers aufgerufen. Viele machen dafür die forcierte Kommerzialisierung des Fußballs und insbesondere der FIFA verantwortlich. Doch die begann nicht erst mit der Vergabe der WM an den Wüstenstaat. Auch in der Vergangenheit gab es umstrittene WM-Turniere. Das galt besonders für das 1978 in Argentinien. Dort ließ eine Diktatur Tausende von Oppositionellen entführen und ermorden. Ähnlich war die Situation in Chile, dessen Team an der WM 1974 teilnahm. In beiden Fällen gab es Proteste und Aktionen. Die Kampagne „Fußball ja – Folter nein“ zum Turnier 1978 in Argentinien wurde sogar von Bonn aus koordiniert.

In Chile hatte am 11. September 1973 das Militär gegen die Regierung des Sozialisten Salvador Allende geputscht. Danach gab es Massenverhaftungen. Weil die Gefängnisse nicht ausreichten, errichteten die Militärs provisorische Lager, in denen Häftlinge verhört und gefoltert wurden. In der Hauptstadt Santiago wurden dafür auch Sportstätten benutzt, etwa das Nationalstadion, wo bis Anfang November 1973 mehrere tausend Männer inhaftiert waren, während die Frauen in dem zum gleichen Komplex gehörenden Schwimmbad festgehalten wurden.
Deshalb wurde bereits die Qualifikation des chilenischen Teams für die WM 1974 zum Skandal. An dem Turnier konnten aus Europa und Südamerika neben der DFB-Auswahl als Gastgeber und Titelverteidiger Brasilien elf Teams teilnehmen. Zehn wurden direkt in Qualifikationsgruppen in Europa und Südamerika ermittelt. Um den letzten Platz sollte es zwei Entscheidungsspiele zwischen den Tabellenersten der 9. Europagruppe (Sowjetunion) und der 3. Südamerikagruppe (Chile) geben. Nach dem Hinspiel in Moskau am 26. September (Endstand 0:0) war das Rückspiel am 21. November im Estadio Nacional in Santiago angesetzt, dem Stadion, in dem kurz zuvor noch Gefangene gequält worden waren. Da das Team der Sowjetunion sich weigerte dort anzutreten, wertete die FIFA, die mit dem Ort kein Problem hatte, die Partie mit 2:0 für Chile, das damit qualifiziert war.
Nach dem Militärputsch hatten sich in allen größeren bundesdeutschen Städten Chile-Komitees gegründet, die die Verbrechen der Diktatur anprangerten und die Verfolgten unterstützten. Das chilenische Team musste seine Vorrundenspiele gegen die BRD, die DDR und Australien in Westberlin austragen. Auch dort gab es viele in der Chile-Solidarität aktive Menschen. Beim Spiel zwischen Chile und der BRD am 14. Juni protestierten sie mit Sprechchören und Transparenten im Stadion gegen die Diktatur. Bei der Partie Chiles gegen Australien am 22. Juni liefen zehn Leute auf das Spielfeld, provozierten eine Unterbrechung und entrollten eine riesige chilenische Fahne mit der Aufschrift Chile Socialista. Da das Spiel in Chile live übertragen wurde, erfuhren viele Menschen dort zum ersten Mal davon, dass es in Europa Aktionen gegen die Militärherrschaft in ihrem Land gab.
Die nächste WM fand 1978 in Argentinien statt. Dort wütete seit März 1976 eine Diktatur. Anfang 1977 gab es bei verschiedenen deutschen Lateinamerikagruppen erste Überlegungen zu möglichen Aktionen. Dann trat die argentinische Menschenrechtsorganisation CADHU (Comisión Argentina de Derechos Humanos) mit konkreten Vorschlägen für eine Kampagne an die Bonner Informationsstelle Lateinamerika (ila) heran.
Bei den ersten bundesweiten Treffen wurde kontrovers diskutiert, ob man zu einem Boykott der WM aufrufen oder das erwartente Interesse genutzt werden sollte, um möglichst viele Leute auf die täglich von der Regierung Argentiniens begangenen Verbrechen gegen die Menschlichkeit aufmerksam zu machen. Die Entscheidung fiel auf Letzteres und das Motto „Fußball ja – Folter nein“. Vor allem die Exil-Vertreter der größten argentinischen Widerstandsgruppen hatten sich bei den Treffen gegen einen Boykott ausgesprochen. Sie hofften – in Verkennung der eigenen Stärke – während der WM mit spektakulären Aktionen in Argentinien der Weltöffentlichkeit zu zeigen, dass mit ihnen zu rechnen sei. Zudem erwarteten sie, dass sich in den Stadien Unmut über die Diktatur Luft machen würde, weil die Leute wegen der weltweiten TV-Übertragungen weniger Angst vor Repressalien der Militärs haben mussten. Beide Hoffnungen erwiesen sich als Illusion. Weder waren die Widerstandsgruppen in der Lage im hochgesicherten Umfeld der WM Aktionen durchzuführen, noch gab es in den Stadien größere Unmutsbekundungen. Sprechchöre hörte man zuhauf, aber die Leute riefen Argentina Campeón (Argentinien Weltmeister) und nicht etwa Abajo la Dictadura (Nieder mit der Diktatur).
Für die Kampagne in der Bundesrepublik erwies sich das Motto „Fußball ja – Folter nein“ hingegen als Glücksgriff, weil die WM tatsächlich mehr Leute dazu brachte, sich mit der Lage in einem Land auseinanderzusetzen, das sie ansonsten kaum interessiert hätte. Die Kampagne erreichte nicht nur die Solidaritätsgruppen und die „linke Szene“, sondern fand auch viel Resonanz in Kirchen und Gewerkschaften. Die Materialien, vor allem die Pläne, in denen auf der einen Seite alle Spieldaten und auf der anderen Infos zu den Menschenrechtsverletzungen standen, stießen auf großes Interesse. Mehrere zehntausend Menschen unterschrieben einen Aufruf an die Bundesregierung, 500 argentinische politische Gefangene als Flüchtlinge aufzunehmen. Besondere Aufmerksamkeit erregte die Tatsache, dass sich unter den in Argentinien „Verschwundenen“, also von den Militärs Entführten, auch zwei junge Deutsche befanden, der Student Manfred Zieschank, der wegen eines Praktikums nach Argentinien gereist war, und die Studentin Elisabeth Käsemann, die in einem Armenviertel von Buenos Aires in einem Sozialprojekt arbeitete und sich einer linken Widerstandsgruppe angeschlossen hatte.
Große Resonanz gab es auf eine Fernsehpredigt des evangelischen Pfarrers und damaligen Generalsektretärs der deutschen Sektion von Amnesty International, Helmut Frenz, am 25. Juni 1977. In der jeden Samstag nach den beliebten Quizshows der ARD ausgestrahlten fünfminütigen Sendung „Das Wort zum Sonntag“ sprach Frenz über die schweren Menschenrechtsverletzungen in Argentinien und über politische Verantwortung. Dann bezog er sich direkt auf ein Testspiel der DFB-Auswahl gegen das argentinische Team drei Wochen zuvor, am 5. Juni 1977 in Buenos Aires: „Es war ja ein ‘Freundschaftsspiel‘! Freundschaft! Wer sind denn unsere ‘Freunde‘ dort? Die Unterdrücker oder die Unterdrückten?“
14 Tage vor besagtem „Freundschaftsspiel“, am 24. Mai, war Elisabeth Käsemann von den argentinischen Militärs, die sie bereits im März 1977 entführt hatten, erschossen worden. Was Helmut Frenz damals noch nicht wusste: Es war deutschen Stellen bekannt, dass die junge Frau im April/Mai noch lebte. Mit dem Spiel hätte man ein Druckmittel gehabt, sie zu retten, denn die Drohung seitens des DFB, nicht anzutreten, wäre für die argentinische Diktatur ein propagandistisches Debakel gewesen, das die ganze WM in Frage gestellt hätte. Das meinte rückblickend auch Karl-Heinz Rummenigge, der damals auf dem Platz stand. In einem in der ARD am 5. Juni 2014 ausgestrahlten Dokumentarfilm über Elisabeth Käsemann („Das Mädchen“ von Eric Friedler) erklärte er: „Wenn wir gemeinsam, die Nationalmannschaft mit dem DFB und mit der deutschen Politik, da Druck gemacht hätten: Es wäre sicher möglich gewesen, dass man die Frau befreit hätte.“
Doch daran hatte der DFB kein Interesse. Stattdessen beschwerte sich dessen damaliger Präsident Hermann Neuberger am 1. Juli 1977 in einem empörtem Brief beim Intendanten des Saarländischen Rundfunks über Helmut Frenz: „Wir wären Ihnen dankbar, wenn Sie die Äußerungen des Herrn F., die wir Ihnen in Fotokopie beifügen, überprüfen und veranlassen könnten, dass solche Dinge sich nicht wiederholen.“
Dieser Beitrag ist eine Übernahme aus dem Buch Bernd-M. Beyer, Dietrich Schulze-Marmeling: Boykottiert Katar 2022!, mit freundlicher Genehmigung der Herausgeber und des Autors.

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Unter dem Namen "Gastautor*inn*en" fassen wir eine Reihe ganz verschiedener und oft unregelmäßig erscheinender Autor*inn*en und Quellen zusammen. Hierbei kann es sich um individuelle Personen, aber auch Institutionen handeln. Wir bedanken uns sehr für die freundliche Genehmigung zur Übernahme der Beiträge!