Prozess gegen Ghislaine Maxwell: Christiane Heil und Frauke Steffens berichten für die FAZ. Die Aufmerksamkeit, die die FAZ-Damen damit schaffen, ist gut. Dennoch fürchte ich, dass der Prozess den Kern des Epstein-Systems mehr verhüllen als offenlegen wird.
Insbesondere im Bericht von Steffens ist bereits erkennbar, dass die Opfer und Zeuginnen in einen diffamierenden Kreuzgang gezwungen werden könnten. Mag sein, dass sie ein paar Dollars verdiente Entschädigung einheimsen, wenn sie anwaltlich gut beraten sind. Das hätten sie für ihren Mut auch verdient. Sie werden die Branche der sexualisierten Gewalt damit nicht zum Einsturz bringen, aber wenigstens die “Preise” für die Gewalttäter etwas in die Höhe treiben.
Sicher ist Mrs. Maxwell ein “Sündenbock”, wie die Überschrift bei Frau Steffens andeutet (oder heisst es Sündenböckin? oder Sündenziege?). Maxwell muss kalkulieren, wie sie am besten – und anders als Epstein – am Leben bleiben kann. Würde sie wie ein Singvogel die Kundenkartei von Epstein offenlegen, hätte sie keine Sicherheit mehr. Sie kann damit drohen. Sobald sie gesungen hat, kann sie mit nichts mehr drohen. Sie muss an einem Deal interessiert sein.
So sind es auch das Gericht und die Anklage. Sie werden ein Symbol für die interessierte Öffentlichkeit setzen wollen, das wie Gerechtigkeit aussieht. Sich mit allen beteiligten Politikern, Regierungen, Ländern und Systemen anzulegen, wäre für sie ein paar Nummern zu gross. Wenn sie sehr, sehr ehrgeizig sind, wollen sie für sich einen juristischen Held*inn*enstatus als Kämpfer*in für Gerechtigkeit (mit anschliessender Beförderung oder Politkarriere) erarbeiten – auch dafür werden sie zu Kompromissen bereit sein müssen.
Das Kerngeschäft Epsteins wird so kein Thema. Mag sein, dass der Kerl die Ausübung sexualisierter Gewalt und Herrschaft auch persönlich genossen hat. In erster Linie aber hat er Informationen gewonnen und gesammelt, und auf diese Weise eine Menge mächtiger Leute “in die Hand” bekommen. Diese Geschäfte der Mächtigen und Superreichen untereinander beruhen auf der Währung Vertrauen und Diskretion. Ich vermute, Mr. Epstein starb, weil er zu viele “falsche” Informationen an die “falschen” Leute/Stellen weiterverkauft hat.
Wenn in diesen Kreisen Konflikte ausbrechen, kann es schnell blutig werden. Niemand weiss das besser als Mrs. Maxwell.

Über den/die Autor*in: Martin Böttger

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
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