Wie nachhaltig kann Kulturarbeit in Krisengebieten wie Afghanistan sein? Die documenta in Kabul 2012 steht nachträglich im Zentrum eines aktuellen Streits um Kunst und Macht
Tagelöhner, Krüppel, Soldaten. Als William Kentridge im Sommer 2012, vor mehr als neun Jahren, seine Arbeit „Shadow Procession“ im Queens Palace von Kabul zeigte, verstand das Publikum sofort, worum es ging. Das Scherenschnitt-Video schien wie aus dem Alltag der Af­gha­n:in­nen gegriffen.

Auch elf Jahre nach der US-Militäroperation „Enduring Freedom“ als Vergeltung für den Anschlag von 9/11 war das Leben am Hindukusch für die Menschen eine Last. Nach dem desaströsen Abzug des Westens würde die Arbeit des südafrikanischen Künstlers heute wieder in die gepeinigte Metropole eines verwundeten Landes passen.

„Collapse and Recovery – Zusammenbruch und Wiederaufbau“ – unter dieses Motto hatte Carolyn Christov-Bakargiev den Standort ihrer documenta 13 gestellt. Die Analogien zwischen dem im Zweiten Weltkrieg zerstörten Kassel und der afghanischen Hauptstadt erschienen der italienisch-amerikanischen Kuratorin so zwingend, dass sie hier einen Außenposten ihr Weltkunstschau platzierte.

Heute ist Bakargiev Direktorin des Castello di Rivoli, dem riesigen Verbund für zeitgenössische Kunst in Turin. In der Liste der hundert wichtigsten Persönlichkeiten der Kunstszene rangiert sie immer noch auf den vorderen Plätzen. Wer sie nach ihrem afghanischen Abenteuer fragt, hat eine zutiefst verstörte Frau am Telefon. „Ich bin unendlich traurig“, sagt die 63-Jährige mit einem vernehmbaren Seufzer.

Richtig sauer ist sie über die Amerikaner. „Das war mal wieder eine Lektion in Realpolitik.“ Dass ausgerechnet US-Vizepräsidentin Kamala Harris mit indisch-afghanischen Wurzeln sich mit ihrer führenden Rolle bei dem überstürzten Abzug gebrüstet habe, erbittert sie besonders. Ändern an dem Drama konnte Bakargiev natürlich nichts. Immerhin ist es der Kunsthistorikerin zusammen mit der italienischen Regierung nach fieberhaften Bemühungen gelungen, den afghanischen Künstler und Professor an der Universität Kabul, Rahraw Omarzad, samt seiner Familie aus Kabul herauszuholen.

Omarzad gründete 2004 in Kabul das Zentrum für Zeitgenössische Kunst (CCAA) und die Kunstzeitschrift Ganahma-e Hunar. Bei der documenta 2012 half die Schlüsselfigur der afghanischen Kunstszene Bakargiev als Scout. Jetzt soll er in Turin als Kurator arbeiten.

Die documenta am Hindukusch erregte damals großes Aufsehen, 27.000 Besucher sahen die Schau, viele Künst­le­r:in­nen wie William Kentridge, der argentinische Bildhauer Adrián Villar Rojas oder die polnisch-britische Künstlerin Goshka Macuga waren stolz, dabei zu sein.
War der documenta-Ausflug nach Kabul nur der spektakuläre und letztlich zynische Egotrip der Kuratorin Carolyn Christov-Bakargiev?
Nach der neuerlichen Eroberung Kabuls durch die Taliban regt sich freilich erneut die Kritik, die diese documenta als spektakulären Egotrip einer Kuratorin abgetan hatte, der dem Land nichts brachte. Und mit einem massiven Militäraufgebot geschützt werden musste.

Der Kritiker Mohammad Salemy, Gründer des internationalen Online-Thinktanks „The New Center for Research and Practice“, rührte in dieser alten Wunde, als er kürzlich in den sozialen Medien Bakargievs Schau als „lächerlichen Satelliten“ unter dem Schirm des US-Militärs und Aschraf Ghani, den geflüchteten afghanischen Präsidenten, als „CIA-Spion“ geißelte.

Der ehemalige UN-Diplomat, damals noch nicht Präsident, mittlerweile 72 Jahre alt, hatte Bakargiev bei der Schau unterstützt. Dass dessen Tochter Mariam, eine in den USA lebende Filmemacherin, damals mit Mitarbeitern des nationalen Filmarchivs Afghanistans arbeiten und eine Video-Arbeit in der documenta 13 präsentieren konnte, war für Salemy ein Ausdruck von Privilegien der regierenden Klasse.

Salemy sprach Mariam Ghani die künstlerische Glaubwürdigkeit generell ab. In den sozialen Medien tobt ein Glaubenskrieg um sie. Reporter der New York Post hatten die 43-jährige Künstlerin vor ihrem Loft in Brooklyn zur Rede gestellt und ihre Verbindungen zu den US-Demokraten und George Soros ausgebreitet.

Bakargiev reagiert auf diese Kritik wütend: „Das sind alberne Plattitüden.“ Aschraf Ghani sei eine „großzügige Person“ und „extrem hilfsbereit“ gewesen. Tochter Mariam verteidigt Bakargiev als Künstlerin „aus eigenem Recht“. Viele Kol­le­g:in­nen „bewunderten“ ihre Hilfe für Ausreisewillige. Ein weiteres eindrucksvolles Gegenbeispiel ist Michael Rakowitz. Schon Jahre vor der Eröffnung der Schau hatte der amerikanische Künstler in Workshops mit afghanischen Stu­den­t:in­nen in der Nähe der von den Taliban 2001 zerstörten Buddhastatuen von Bamiyan die Technik des traditionellen Steinhandwerks wiederzubeleben versucht.

„Die Erfahrungen, die ich mit den Menschen in Afghanistan gemacht habe, waren einer der Gründe, warum ich überhaupt als Künstler weitergemacht habe“, erinnert sich Rakowitz, der an der Northwestern University in Chicago lehrt, im Gespräch. „Die documenta in Kabul war auch kein Teil des Nation Building à la USA, im Gegenteil“, weist er die Kritik zurück, die documenta habe mit den Besatzern kollaboriert.

Was die Zukunft der Kunst in Afghanistan betrifft, konstatiert Bakargiev „keine gute Situation“. Was aus der von ihr 2012 unterstützten Kunstschule für Frauen oder der Pension geworden ist, in der der Arte-Povera-Künstler Alighiero Boetti in den 70er Jahren abstieg, als er in Kabul seine berühmten Weltkarten weben ließ, weiß sie nicht.

Bakargiev hatte sie von dem mexikanischen Künstler Mario García Torres renovieren lassen. Ihre Idee, Boettis One Hotel als italienisches Kulturerbe zu schützen, gar als Kunstresidenz zu nutzen, zerschlugen sich. So beobachten jetzt alle die neuen Machthaber.

Ajmal Maiwandi, Projektmanager des Aga Khan Kultur Trust, noch ein Helfershelfer der documenta damals, berichtet, dass die Taliban, als sie Ende September den zusammen mit der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) restaurierten Chihilsitoon-Garten der Mogul-Kaiser inspizierten, die Waffen am Eingang abgegeben hätten.

Im selben Monat stoppten sie die Zerstörung einer antiken Festungsanlage in der über tausend Jahre alten Stadt Girishk. Andererseits erließen sie nach ihrem Sieg ein Musikverbot.

Trotz der historischen Rolle rückwärts in Afghanistan derzeit, war die documenta aber nicht umsonst. Sie bleibt für viele Bewohner eine Erinnerung an die Möglichkeiten der Kunst. Sie taugt auch nicht als Beleg für die Doppelmoral des Kunstbetriebs.

Die Rufer nach dem Boykott der aktuellen Havanna-Biennale sind nicht unglaubwürdig, weil sie, so Salemys Vorwurf, damals nicht gegen die documenta in Kabul protestierten.

Schließlich verschaffte Bakargiev den örtlichen Machthabern keinen Prestigeerfolg wie die deutschen Museen, die 2011 die „Kunst der Aufklärung“ in Peking zeigten und 2016 Farah Dibas Kunstsammlung aus Teheran an die Spree holen wollten.

Wenn es eine Lehre aus dem documenta-Abenteuer gibt, dann die der fehlenden Nachhaltigkeit. „Die Idee war gut“ beharrt Carolyn Bakargiev auf dem Sisyphos-Ansatz, Demokratie und Zivilgesellschaft mithilfe der Kunst zu initiieren.

„Ich habe aber ein Schuldgefühl, dass ich nach der documenta dort nicht weitergemacht habe.“ Ihre Schuld ist es aber nicht, dass der Circulus vitiosus von „Collapse und Recovery“ sich weiterdreht.
Dieser Beitrag ist eine Übernahme von taz.de, mit freundlicher Genehmigung von Autor und Verlag.

Über den/die Autor*in: Ingo Arend