Mögen Parteifreunde – so wie das am Ende einer Ära immer ist – auch quengeln, weil sie nach Jahren an der Macht nun in der Opposition gelandet sind. Angela Merkel ist in die deutsche Zeitgeschichte eingegangen: Die erste Frau im Amt des Bundeskanzlers, die erste, die in der ehemaligen DDR aufgewachsen ist, die erste Naturwissenschaftlerin, die erste, die – im Rahmen des in der Politik Möglichen – selbstbestimmt aufhörte, die Jüngste bei Amtsantritt, die genauso lange durchhielt wie die Machtmaschine Helmut Kohl und länger als der Parteigründer Konrad Adenauer. Sechzehn Jahre ohne Skandale, ohne Machtmissbrauch, ohne Selbstbereicherung. Kartoffelsuppe statt Hummer. Aus Kohls Mädchen wurde Mutti, aus Mutti wurde Mater Patriae. Chapeau!

Katharina die Große, die Deutsche auf dem russischen Zarenthron, heißt es, sei ihr Vorbild gewesen. Entschlossenheit, Fleiß, Pflichtgefühl, Machtbewusstsein. Was Umstände des Aufstiegs beider Frauen angeht, sollte man Gleichsetzungen vermeiden, auch wenn sie in karnevalistischen Umtrieben, denen Merkel abhold war und ist, als Männer mordende Schwarze Witwe karikiert wurde.

Außer Friedrich Merz waren am Scheitern alle selbst schuld. Eine Parallele gibt es doch: das Wissen um die Begrenztheit der Macht. Die Zarin trat als Reformerin Russlands in Erscheinung. An die Abschaffung der Sklaverei aber traute sie sich – der Interessen und der Unterstützung des Adels wegen – nicht heran. Merkel achtete auf die Stimmungen im Volk und deren Potential für den Ausgang von Wahlen. Positionswechsel waren die Folge. Der Ausstieg aus der wirtschaftlichen Nutzung der Kernenergie mag als Beispiel genügen – wobei anzufügen ist: Schon, als sie noch pro Kernenergie war, erkannte sie den verbreiteten Widerstand der AKW-Bewegung als deren Pferdefuß.

Merkel wollte sich nicht verkämpfen. Ein freundlicher, aber zurückhaltender Umgang mit den Medienleuten gehörte dazu. Dass die mit Brosamen zufrieden zu stellen sind, lernte sie zu Beginn ihres Einstiegs in die Politik als stellvertretende DDR-Regierungssprecherin. Zum Ende ihrer Amtszeit äußerte sie in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung: „Es ist ja überhaupt eine große Tugend in der Politik, wenn nicht alles in der Zeitung steht. Es muss vieles in der Zeitung stehen, aber nicht alles.“

Was bleibt? Kanzler können Treibende sein, die ihre Ziele gegen Widerstände und Alternativen durchsetzen. Adenauer, Marktwirtschaft und Westbindung. Brandt, Ostpolitik und reformerischer Aufbruch. Kohl, deutsche Einheit und der Euro. Schröder setzte seine Kanzlerschaft durch Sozialreformen aufs Spiel. Kanzler können auch Getriebene sein – hineingeworfen in Krisen und hervorgetreten nicht als Gestalter, sondern als Moderatoren und Manager derselben. Schmidt, Ölkrise, Terrorismus. Merkels Kanzlerschaft wird als eine Abfolge von Krisen beschrieben: Finanzkrise, Euro-Krise, Fukushima, Flüchtlinge, Ukraine und am Ende auch noch Corona. Jede Zeit, jede Generation hat „ihren“ Kanzler. Merkels Zeit ist nun beendet. Ob sie später einmal trotz allem als friedlich-goldene Jahre beschrieben werden? Darüber befinden andere.