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Umwelt vor acht statt Börse vor acht

Fünfmal in der Woche wird im ersten Programm der ARD zur Prime-Time vor Beginn der “Tagesschau” die Zuschauer*innenschaft fünf Minuten lang mit einem anachronistischen Überbleibsel der späten neunziger Jahre gequält: “Börse vor Acht” hat nicht einmal den Unterhaltungswert der zwei Alten aus der Muppets-Show und keinen Informationswert. Denn die verschwindend kleine Zahl der Zuschauer*innen die sich für Kapital an der deutschen Börse interessieren, informieren sich mittags in entsprechenden Spartenkanälen, im Internet oder leisten sich eine Tageszeitung. Über die wichtigste wirtschaftliche Entwicklung, die tägliche Vernichtung von Kapital in Form von Umwelt und Ressourcen wird jedoch nicht berichtet. Dass die teuerste Sendezeit derart verschwendet wird, ist ein Skandal.  Es bedarf einer Zeitenwende.

Die Sendung, die seit dem Jahr 2000, zunächst als “Börse im Ersten” gestartet wurde, folgte dem damaligen neoliberalen Trend, den Bürgerinnen und Bürgern die Aktie als Geldanlage schmackhaft zu machen. Mit einem nie gekannten Werbeaufwand wurde ab 1996 die T-Aktie der Deutschen Telekom vermarktet, die letzte Tranche 2000, die in den ersten Jahren, insbesondere beim Crash am sogenannten “Neuen Markt” ins Bodenlose fiel und viele kleine Privatanleger in den finanziellen Ruin trieb. Die Börsenberichterstattung von “Börse vor Acht” leistet jedoch seit ihrer Existenz keinen wirklichen Aufklärungswert über das Börsengeschehen und seine Hintergründe.

Kein Informationswert für Anleger, kein Verbraucherschutz

Weder der Crash am “Neuen Markt” 2002, noch die Lehman-Pleite und ihre Folgen 2008/2009, noch etwa die Hintergründe der Cum-Ex-Geschäfte oder des Wirecard-Skandals wurden oder konnten in einem drei Minuten-Format hinreichend recherchiert oder analysiert werden. Auch für die Warnung von Anleger*inne*n vor risikoreichen Geschäften ist “Börse vor Acht” nahezu wertlos. Für eine qualifizierte Erklärung des Börsengeschehens sind kontinuierliche Betrachtungen von Branchen und Einzelwerten erforderlich – allein das Sendeformat erlaubt es aber lediglich, den DAX und ggf. seinen Verlauf zu betrachten und triviale Pauschalaussagen wie “es geht der Wirtschaft gut oder weniger gut” “Die Autobauer rutschen wegen Chipmangels in eine Krise” oder “Bayer drohen große Verluste durch den Kauf von Monsanto” zu treffen – letztlich Binsenweisheiten.

Gerade dieses Sendeformat gestattet es den Journalist*innen um Anja Kohl und Co. eben nicht, solide recherchierte Wirtschafts- und Finanzberichterstattung zu machen, sondern ständig Wasserstandsmeldungen der Aktien zu produzieren und mal den einen oder anderen Analysten oder Bankenmanager und sein Haus im Interview zu präsentieren. Und das Sendeformat widerspricht fundamental den Einsichten erfolgreicher Börsianer, wie dem legendären André Kostolany, die eine tägliche Spekulationshektik für nicht zielführenden Unsinn halten.

Unser aller Kapital schützen

Deshalb schlägt Dr. Axel Friedrich, weithin bekannter Feinstaub- und Immissionexperte, der seit Jahren die Deutsche Umwelthilfe und viele Regierungen als Gutachter berät, vor, stattdessen eine Sendung “Umwelt vor Acht” über den Stand unseres wichtigsten Kapitals, der Umwelt, zu etablieren. Hier würde aktuelle Berichterstattung weit mehr Sinn machen, über aktuelle Schadstoffwerte – z.B. die täglichen Stickoxid-Werte in 12 deutschen Großstädten, CO² Werte durch Kraftwerke im internationalen Vergleich, das jährliche Wachstum oder die Schrumpfung von Gletschern. Örtlich extreme Temperaturwerte, die in den Zusammenhang mit der langfristigen Entwicklung im Klimawandel analysiert werden, aktuelle Wetterphänomene, aber auch Umweltmessungen z.B. über Schadstoffe, wie sie beim Chemieunfall in Leverkusen 2021 aufgetreten sind. Die Schadenshöhe solcher Unfälle, z.B. aber auch Berichte über den monatlichen Stand des Ausbaus der Windkraft und der Zuwachs an Solarenergie, könnten Gegenstand der Berichterstattung sein – am besten aufgeschlüsselt nach Bundesländern.

Informationen und Redaktionen sind vorhanden

Ein großer Teil der Daten ist ohnehin im Rahmen meteorologischer oder orbitaler Beobachtungen von NASA und ESA vorhanden. Die Wissenschaftsredaktionen gibt es auch, und im Gegensatz zur Börsenberichterstattung würden Ereignisse und Entwicklungen analysiert und erklärt, die nicht nur eine kleine Minderheit, sondern alle Bürgerinnen und Bürger in ihren Auswirkungen betreffen. Und dies wäre im besten Sinne übrigens Berichterstattung über unser Kapital an Umwelt, das täglich ein Stück mehr vernichtet wird. Die kürzlich vorgestellte Bilanz der Münchner Rück-Versicherung hat die zunehmende Kostenexplosion durch Umweltschäden dokumentiert. Jedes Starkregenereignis an sensiblen Stellen ist eine riesige Vernichtung von Kapital. Und wo es passiert, war – wie an der Ahr – keineswegs überraschend: Schon 1995 hat das damalige Umweltbundesamt gemeinsam mit der Deutschen Bahn einen Plan mit Risikogebieten für Überschwemmungen aufgestellt: Darin Rheinabschnitte, die Region um Dresden, Bayern, die Ahr und viele andere Gebiete, wo es in den vergangenen Jahren zu Katastrophen und massiven Schäden gekommen ist.

Klimawandel täglich erfahrbar machen

Denn nahezu unbezahlbare Schäden sind auch das Aussterben von Arten oder das immer größere Insektensterben. Es ist dringend notwendig, angesichts der Energiepreisentwicklung, die jetzt schon wieder Stimmen hervorruft, auf Umweltschutz zu verzichten und dabei noch viel größere Schäden in der Zukunft in Kauf zu nehmen, den täglich fortschreitenden Raubbau natürlicher Lebensgrundlagen  ins Bewusstsein zu rücken. Auch “normale” bürokratische Entwicklungen wie der schleppende Wiederaufbau in Krisenregionen wie dem Ahrtal könnten so kontinuierlich ins Bewusstsein der Öffentlichkeit rücken und Tendenzen wie der schleppenden Bewilligung von Wiederaufbauhilfe entgegenwirken. Ein halbes Jahr nach der Flutkatastrophe im Westen sind die Schäden und Verwüstungen anderswo nahezu aus dem Bewusstsein der Öffentlichkeit verschwunden. Bei der großen Flut 2002 im Osten war es nicht anders. Das können wir uns in Zukunft als Gesellschaft nicht mehr leisten. Und das wird auch der Börse nicht helfen.

 

*Kostolany: „Kaufen Sie Aktien, nehmen Sie Schlaftabletten, und schauen Sie die Papiere nicht mehr an. Nach vielen Jahren werden Sie sehen: Sie sind reich.“ oder „Ich kann Ihnen nicht sagen, wie man schnell reich wird; ich kann Ihnen aber sagen, wie man schnell arm wird: indem man nämlich versucht, schnell reich zu werden.“ 

Über den/die Autor*in: Roland Appel

Roland Appel ist Publizist und Unternehmensberater, Datenschutzbeauftragter für mittelständische Unternehmen und tätig in Forschungsprojekten. Er war stv. Bundesvorsitzender der Jungdemokraten und Bundesvorsitzender des Liberalen Hochschulverbandes, Mitglied des Bundesvorstandes der FDP bis 1982. Ab 1983 innen- und rechtspolitscher Mitarbeiter der Grünen im Bundestag. Von 1990-2000 Landtagsabgeordneter der Grünen NRW, ab 1995 deren Fraktionsvorsitzender. Seit 2019 ist er Vorsitzender der Radikaldemokratischen Stiftung, dem Netzwerk ehemaliger Jungdemokrat*innen/Junge Linke. Er arbeitet und lebt im Rheinland. Mehr über den Autor.... Sie können dem Autor auch im #Fediverse folgen unter: @rolandappel@extradienst.net

2 Kommentare

  1. Heiner Jüttner

    Wie wäre es, wenn beueler-extradienst die Meldung “Umwelt vor acht” übernehmen würde. Vielleicht findet sich ein Gastautor, der das macht. Notfalls käme vielleicht auch “Umwelt am Sonntag” o.ä. infrage.

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