Es gibt einen Denkpanzer (“Thinktank”) in Berlin, der schon von zahlreichen früheren Bundesregierungen jährlich zugeführte institutionelle Subventionen erhielt. Er wird von ehemaligen Grünen und noch ehemaligeren “Maoisten” geführt, die sich aktuell als “moderne Liberale” bezeichnen. Das ist ideal, um von allen deutschen Medien, die ausreichend schlecht informiert sind, immer wieder gerne als Welt- oder doch zumindest als Ukraine-Deuter*in genommen zu werden.
Jan Böhmermann hat ja bereits gestern Abend aufs Unschönste erklärt, wie wenig den Deutschen an sich die Welt da draussen interessiert, so lange er nur in Ruhe gelassen wird. Wenn die da drausen nicht so doof, und so schwarz, gelb oder rot wären, könnten sie es schliesslich auch so gut haben wie er.
Das beklagen die “modernen Liberalen” ja auch immer: dieses “Beiseitestehen”. Ihnen geht es, im Gegensatz zur Mehrheit der Deutschen, ums Beglücken der Welt an “unserem” Demokratie- und Menschenrechte-Wesen. Und dafür werden sie nicht müde zu trommeln – dafür gut ausgestattet von den Bundesregierungen. Das Volk ausserhalb von Berlin-Mitte hat andere Sorgen, aber die niedergesparten Medien, in denen niemand mehr Zeit zum recherchieren oder gar zum Lesen hat, nehmen solche Zuarbeit, die keinen Ärger mit Vorgesetzten macht (nur den bösen Russen), gerne an.
Ja gut, dazu hätte ich zwei Vorschläge.
Der Brite an sich säuft noch mehr als wir. Seine Eliten sind noch fauler und hedonistischer als unsere. Egomanischer, selbstbezogener, weltherrschaftssüchtiger. Letzteres kommt vom Entzug. Wohl kein Imperium ist in der jüngeren Menschheitsgeschichte so zerzaust worden, wie das britische. Aber was mann*frau diesen Kolonialverbrecher*inne*n lassen muss, ist, dass sie mehr von der Welt gesehen haben und wissen.
Das bezeugen auch ihre Wissenschaftler, in der Disziplin politische Intelligenz deutschen Möchtegernliberalen (wenn das Genscher noch erleben müsste!) weit überlegen.
Hier Adam Tooze/Berliner Zeitung: Russland verstehen: Wie sich die Russen als Weltmacht behaupten wollen – Adam Tooze, Wirtschaftshistoriker an der Columbia University, erklärt, wie Russland nach 1990 stark wurde. Und was die Stärke mit der Ukraine-Krise zu tun hat.” Dieser Teaser-Text ist offensichtlich von der deutschen Redaktion gedichtet. Tooze bestätigt Bill Clintons alte These “It’s the economy, stupid!” und es geht ihm zuvörderst auch ums Verstehen der objektiven Lage der (und in der) Ukraine.
Ebenso Richard Sakwa, Professor für russische und europäische Politik an der University of Kent und Autor von »Frontline Ukraine: Crisis in the Borderlands«, im Jacobin-Interview mit David Broder (Übersetzung Alexander Brentler): Die Eskalation in der Ukraine ist unnötig und gefährlich – Die Lage im Ukraine-Konflikt ist komplexer als oft dargestellt: Putin will die Sowjetunion nicht neu errichten und die Ukraine ist selbst uneins in der NATO-Frage. Nur eine gesamteuropäische Sicherheitsordnung kann den Frieden garantieren.”
Update 1.2.: wie ich erst heute feststelle, hat die Berliner Zeitung den hier empfohlenen Text von Adam Tooze zwischenzeitlich digital eingemauert. Wenn Sie ihn dennoch lesen möchten, kann ich Ihnen auf persönliche Anfrage helfen (oder Sie zahlen an den Verlag).

Über den/die Autor*in: Martin Böttger

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
Sie können dem Autor auch via Fediverse folgen unter: @martin.boettger@extradienst.net