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Mit Ehrgeiz und Charme – Wolfgang Ischinger leitet 2022 zum letzten Mal die Münchner Sicherheitskonferenz. Eine Würdigung
Was für Zeiten, welche Erlebnisse – und auch: was für Leistungen, welches Erbe. In der Person Wolfgang Ischingers bündeln sich Epochen der Zeitgeschichte: Der Kalte Krieg mit seinem Ost-West-Gegensatz, das Ende der Blockkonfrontation mit der Vereinigung Deutschlands, die Hoffnung auf ewigen Frieden mit ihren Enttäuschungen, die Globalisierung mit ihren neuen – oder doch ganz alten? – Konflikten.

Wolfgang Ischinger, der nun zum letzten Male die Münchner Sicherheitskonferenz leitet, war aktiver Teil von deutscher, europäischer und weltweiter Politik und Diplomatie. Als Referent, als maßgeblicher Beamter, als Botschafter, als Berater der Politik, als Organisator, als kunstaffiner Gastgeber, als Publizist. Vor allem aber war – und ist – er ein Mensch, dem es Freude macht, Menschen, wenn schon nicht als Freunde zusammenzuführen, dann wenigstens in Kontakt und ins Gespräch miteinander zu bringen. Ehrgeiz gehört dazu, Chuzpe und auch das Ertragen von Schicksalsschlägen. Vor allem aber die Fähigkeit, Krisen als Herausforderungen und Herausforderungen als Chancen zu begreifen, alte Bahnen mit ihren hergebrachten Gewissheiten zu verlassen und neu zu denken.

In der Rückschau erscheint es, als habe es nicht anders kommen können. Geboren 1946 auf der Schwäbischen Alb, als Gymnasiast Austauschschüler in den Vereinigten Staaten, Studium der Rechtswissenschaften in Bonn und in Genf, des Völkerrechts und Internationaler Wirtschaftsbeziehungen in Harvard. Dass er als junger Mann in den 1970er-Jahren für kurze Zeit als Mitarbeiter im Kabinett von Kurt Waldheim, dem damaligen Generalsekretär der Vereinten Nationen, in New York tätig war, mag ihm prägend die Augen geöffnet haben, in weltpolitischen Zusammenhängen denken zu wollen. Am Regierungssitz in Bonn trat er 1975 in den Auswärtigen Dienst ein, als Hans-Dietrich Genscher (FDP) Außenminister war. Politische Planung gehörte zu seinen Aufgaben, bald auch die Tätigkeit im direkten Umfeld Genschers – als Persönlicher Referent und als Leiter des Parlaments- und Kabinettsreferates. Genscher, in all seinen politischen Unbestimmtheiten, die damals mit dem Wort „Genscherismus“ umschrieben wurden, war ein Lehrmeister. Das Wichtigste: dem Gesprächspartner immer einen Ausweg zu lassen und sich nie auf Gedeih und Verderb so festzulegen, dass nicht doch andere Lösungen als die zunächst angedachten möglich sind. Das Tertium non datur entsprach Genschers Schulung nicht, jedenfalls nicht für die Höhen der Diplomatie.

Ischinger war nicht der Einzige aus Genschers engster beruflicher Umgebung, der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes wurde, als der FDP-Politiker schon nicht mehr dessen Chef war, was freilich auch mit den Bräuchen des Hauses zusammenhängt. Parteipolitische Nähe (oder auch deren Vermutung) hat nicht jenes Gewicht anderer Ministerien. Joschka Fischer von den Grünen machte sich Ischingers Erfahrungen zunutze. Die hatte Ischinger gesammelt – unter anderem, als er zusammen mit Richard Holbrooke, dem amerikanischen Sonderbeauftragten für den Balkan, am Dayton-Friedensvertrag für Bosnien-Herzegowina beteiligt war. Ischingers Rolle war größer, als es eigentlich dem Gewicht der Bonner Bundesregierung zukam. Holbrooke pflegte als Botschafter in Bonn hochfahrend aufzutreten – wie der Vertreter einer Weltmacht eben. Die Erzählung gibt es, Ischinger habe zum Abschied Holbrookes ein Abendessen ausgerichtet, in dessen Verlauf er dem Amerikaner als Andenken eine Fahne in Schwarz-Rot-Gold vermacht habe.

Fünf Jahre, von 2001 bis 2006, war Ischinger deutscher Botschafter in Washington. Herausforderungen sondergleichen kamen auf ihn zu: Gleich zu Beginn mit dem Amtsantritt dort die Terroranschläge vom 11. September in New York und Washington – mit Ischingers Ratschlag an Bundeskanzler Gerhard Schröder, die Formel von der „uneingeschränkten Solidarität“ Deutschlands mit den Vereinigten Staaten zu verwenden. Später dann, nach Schröders Nein zum Irak-Krieg, hatte er als Botschafter eines bündnistreuen Deutschlands aufzutreten und der amerikanischen Bevölkerung die unverbrüchliche Partnerschaft Deutschlands zu versichern: in Interviews und Talkshows, bei Veranstaltungen und mit der Organisation deutsch-amerikanischer Freundschaftswochen. Nicht oft kommt es vor, dass ein Abgesandter des Auswärtigen Dienstes mit Botschaften des guten Willens in Erscheinung zu treten hat – um Sympathie werbend, nicht trotz, sondern wegen der Nichtbeteiligung Deutschlands am Irak-Krieg und wegen der auch persönlichen Verwerfungen zwischen den Verantwortlichen beider Länder. Jahre seiner größten beruflichen Herausforderung waren es und wohl auch der Höhepunkt seiner Tätigkeit im Auswärtigen Dienst.

In der Rückschau erscheint es, als sei seine Zeit in Washington die Vorbereitung für das gewesen, was danach kam. Als Jahre später, 2012, Bundespräsident Christian Wulff zurückgetreten war, wurde in Teilen der schwarz-gelben Koalition erwogen, bei der Suche nach einem Nachfolger über eine Voranfrage an Ischinger hinauszugehen. Da hatte er aber schon eine neue Aufgabe gefunden.

Mit seinem Ausscheiden aus dem Auswärtigen Dienst 2008, seiner Tätigkeit als „Generalbevollmächtigter für Regierungsbeziehungen“ für die Allianz SE in München und der Übernahme der Leitung der Münchner Sicherheitskonferenz schlug Ischinger einen neuen, aber stimmigen Weg ein. Als Nachfolger von Horst Teltschik, des vormaligen Sicherheitsberaters von Bundeskanzler Helmut Kohl, betrat der beamtete Diplomat die Bühne weltpolitischer Gesprächs­zusammenhänge. Er fand seine Berufung. Den zeithistorischen Entwicklungen entsprechend formte er aus den Veranstaltungen, die die transatlantischen Beziehungen und die Ost-West-Verhältnisse zum Schwerpunkt hatten, ein Podium mit zusätzlichen globalen Sichtweisen und Themen: die Beherrschung regionaler Konflikte, die Verteilung des Reichtums in der Welt etwa. Die Zahl der Teilnehmer wurde vervielfacht, die Prominenz aber blieb: Präsidenten, Kanzler, Minister, Demokraten und Autokraten. Wo sonst, außer vielleicht bei den Vereinten Nationen in New York, begegnen sich unter einem Dach Vertreter so unterschiedlicher Provenienz wie bei der Munich Security Conference?

Dass neue Herausforderungen anstehen, zumal in den Zeiten von Corona-Beschränkungen, war absehbar. Womöglich aber ist die Übergabe der Leitung der Münchner Sicherheitskonferenz an Christoph Heusgen für Ischinger kein Ende, sondern eher eine weitere Zwischenstation. Ischinger bleibt ihr verbunden – nun als Präsident ihres Stiftungsrates.

Über den/die Autor*in: Günter Bannas (Gastautor)

Günter Bannas ist Kolumnist des Hauptstadtbriefs. Bis März 2018 war er Leiter der Berliner Redaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Seine Beiträge sind Übernahmen aus "Der Hauptstadtbrief", mit freundlicher Genehmigung.

Ein Kommentar

  1. Gernot G. Herrmann

    Ein paar Sätze über “Agora” und “side events” hätten das Bild vervollständigt. Näheres lässt sich bei Markus Decker in der FR vom Wochenende nachlesen (auch im KStA). Geldverdienen an sich ist ja nicht unbedingt unmoralisch, aber sagen sollte man es schon.

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