Der US-Konzeptkünstler und Fotograf Dan Graham ist am Samstag in New York gestorben. Seine Rauminstallationen machten ihn weltberühmt.
Zwei rechteckige, gegeneinander versetzte Quader aus grünsilbrigem Glas, die Kanten mit glänzenden Stahlträgern eingefasst, die Scheiben goldeloxiert. Auf den ersten Blick würde man das „Café Bravo“, das Café im Hof der Berliner Kunstwerke (KW), für das typische Hipster-Café halten, zu dem es qua Publikum oft tatsächlich wird. Seine Wände taugen so schön für Selfies, reflektieren den Himmel.

Das doppelt verspiegelte Glas lässt aber auch ein Gefühl von Überwachung aufkommen, weil die Café-Insassen zwar von innen nach außen, aber nicht richtig von außen nach innen schauen können. Architektur und Wahrnehmung, mit diesen beiden Formeln ließe sich das Werk des 1942 in der Kleinstadt Urbana im US-Bundesstaat Illinois geborenen Dan Graham vielleicht beschreiben, von dem das Werk stammt.

Die gläsernen Pavillons, mit denen er in den siebziger Jahren begann, zählen zu seinen bekanntesten Werken. Von Düsseldorf bis zur Stadt Inhotim in Brasilien finden sich ähnliche wie der in Berlin. Vorausgegangen waren den Bauten Performances, bei denen Graham ein vor großen Spiegeln sitzendes Publikum beobachtete und ihm seine Bewegungen beschrieb.
Die Macht des Blicks
Dass er über Sartres Idee zur Macht des Blicks in seinen Werken „Die geschlossene Gesellschaft“ und „Sein und Nichts“ zu diesen Arbeiten fand, wissen die wenigsten. „Wenn Sie das Publikum definieren, wird der Darsteller zu dem, was das Publikum will. Politiker machen das ständig“, beschrieb er die politische Idee hinter der Arbeit einmal dem US-Magazin Interview.

Stereotyp wird Graham gern als „einer der einflussreichsten Konzeptkünstler“ bezeichnet. Das klingt bedeutend, drückt aber einfach die Schwierigkeit aus, sein Werk auf ein Genre festzulegen. Kein Wunder: Graham arbeitete als Fotograf, scheiterte als Galerist, der als erster den Minimalisten Sol LeWitt ausstellte, lehrte als einer der Ersten am kanadischen Nova Scotia Art College Videokunst.

Ein klassischer Bewohner des Kunstelfenbeinturms war Dan Graham dennoch nicht. „Meine Leidenschaft war nie die Kunst. Es war schon immer Architektur, Tourismus und Rock ’n’ Roll und Rock-’n’-Roll-Schreiben“, gestand er dem „Oral-History“-Projekt im New Yorker Museum of Modern Art einmal. „Rock My Religion“ heißt eine Video-Assemblage von 1984, in der er den Zusammenhang von Rockmusik und religiöser Musik von den Shakern bis Patti Smith ergründet hatte.
Science-Fiction und Philosophie
Graham liebte Science-Fiction-Filme, im Sternzeichen des Widder geboren, interessierte er sich brennend für Astrologie. Prätention war Graham fremd. „Academic bullshit“ nannte der Autodidakt, der Philosophie studiert, aber nie ein Studium beendet hatte, gleichwohl wie ein Schwamm philosophische Werke von Claude Lévi-Strauss, Margaret Mead, Jean Paul Sartre oder Walter Benjamin aufnahm, einmal die Konzeptkunst sarkastisch in einem Interview.

Vielleicht war es diese respektlose Haltung, die ihn zum gefragten Künstler werden ließ, worüber er sich gern lustig machte. Am Samstag ist der fünfmalige documenta-Teilnehmer im Alter von 79 Jahren in New York gestorben.
Dieser Beitrag ist eine Übernahme von taz.de, mit freundlicher Genehmigung von Autor und Verlag. Einige Links wurden nachträglich eingefügt.

Über den/die Autor*in: Ingo Arend