mit Update nachmittags
Russland hat als Lieferant der USA Medaillenrang
Wäre ich Verschwörungstheoretiker, ginge es ungefähr so: die USA wussten so genau von Russlands Invasionsabsichten, weil sie mit ihnen abgesprochen waren. Es geht darum, in der KO-Runde vor dem Weltherrschafts-Finale mit China Europa auszuschalten. Das gelingt fabelhaft. Die USA und Russland können voll zufrieden sein. China beobachtet das etwas unverwandt. Warum bekommt es das ökonomisch marode Oligarchen-Russland von den USA so offensiv als Schützling untergeschoben? Mglw. eine entscheidende Schwächung. Nachdem China mit ökonomischer statt militaristischer Expansion global in weiten Bereichen schon an den USA vorbeigezogen ist.
Wie komm ich drauf? André Ballin schreibt in Deutschland u.a. für Handelsblatt und Wirtschaftswoche, die ich beide nicht regelmässig aufsuche. Über eine medienpolitische Linkliste des Kollegen Heiko Hilker entdeckte ich seinen Bericht für den österreichischen “Standard”. Der ist dort ein Äquivalent der deutschen SZ, mit einem offensichtlich weit besser geführten Auslandsressort (bei der SZ verbockt das Stefan Kornelius). Tja, hätten Sies gewusst? Wie entwickelt sich der Ölpreis in Krieg-Krisen? Wie wirkt sich das auf russische Devisenreserven aus? In welcher Währung begleichen die USA ihre Rechnung? Die Antworten schaffen Sie auch. Verschwörung? Oder einfach nur Politik?
Wie ein Land – unter weit härteren Sanktionen – klarkommt, das analysiert hier aus aktuellem – und was die Atomverhandlungen betrifft erfreulichem (!) Anlass – Andreas Mihm/FAZ. Und, was meinen Sie? Trifft es die Richtigen?
Zum besseren Verständnis der innergesellschaftliche Situation in Russland empfehle ich Kerstin Holm/FAZ und das Interview der Berliner Zeitung mit Wladimir Kaminer (machen Sie schnell, könnte eingemauert werden). Die Pathologisierung und Dämonisierung Wladimir Putins, die hierzulande ja auch gepflegt wird, wie sonst nur die Ausbreitung des Coronavirus, ist in meinen Augen Ausdruck analytischer und politischer Hilflosigkeit. Dass sich dämonenhafte Despoten zu – demokratisch gewählten – Repräsentanten des Systems aufschwingen können, hat neben den seit 150 Jahren hinlänglich bekannten Missetaten des Grosskapitals vor allem mit dem Versagen. der Bündnis- und Diskursunfähigkeit Linker und Liberaler in den entsprechenden Ländern zu tun, unseres inbegriffen.
Den Jüngeren unter Ihnen, und allen Älteren zur notwendigen Auffrischung, empfehle ich Karl Kraus: Die letzten Tage der Menschheit, hier in einer Video-Version von 1965 mit Helmut Qualtinger – über 2 Stunden, so viel Strafe muss sein. Bitte beachten Sie: der Text entstand vor den Atomwaffen.
Update nachmittags: die Berichterstattung der Kolleg*inn*en von telepolis zu diesem Thema finde ich im Angesicht real existierender Alternativen im Gesamtbild journalistisch informativ und Lücken füllend. Hier ist für mich als Talkshow-Abstinenzler zu erfahren, dass die Ältesten derzeit die Coolsten sind. Der Text des Tages ist allerdings von einer jungen, Elsa Koester/Freitag. Da ist nichts falsch, und es ist in schwerer Zeit ermutigend. Wenn Sie Karl Kraus gesund überlebt haben, nehmen Sie das als Nachtisch.

Über den/die Autor*in: Martin Böttger

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
Sie können dem Autor auch via Fediverse folgen unter: @martin.boettger@extradienst.net