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Von Helden, Barbaren und Wilden

Dieser Krieg ist, wie jeder andere Krieg, schrecklich, grausam, zynisch und durch nichts zu rechtfertigen. Zu den ersten Opfern gehören Wahrheit, Ethik und Moral. Getötete, verletzte, traumatisierte und ihrer Häuser, Wohnungen und ihres Besitzes beraubte Menschen sind mehr als nur Kollateralschäden jedes Krieges, sie sind das Ziel, so auch Putins verbrecherischer Krieg gegen die Menschen in der Ukraine.

In Deutschland herrscht eine merkwürdige Stimmung. Natürlich Fassungslosigkeit, Entsetzen, Entrüstung. Aber es ist auch so etwas wie Kriegseuphorie wahrzunehmen. Große Zustimmung zur Aufrüstung. 100 Milliarden Neuverschuldung mit Bestandsgarantie per Akklamation ins Grundgesetz vorbei am Bundeshaushalt. Es gibt nichts Wichtigeres als die Freiheit! Hoppla! Vielleicht das Leben? Endlich sind die Fronten wieder klar. Wir sind die Guten. Darüber, wer die Bösen sind, gibt es keine Zweifel. Entspannungs- und Abrüstungspolitik – das war einmal. Zeitenwende oder die Rolle rückwärts zur Logik des kalten Krieges?

Vergessen wird, dass es nach dem zweiten Weltkrieg nie eine europäische Friedensordnung gegeben hat. Europa endet nämlich genau so wenig am Don, wie an der Oder und der Neiße, sondern am Ural. Aus dem mit russischem Gas wohl temperierten Büro lässt sich Selenskyjs Heldenmut leicht rühmen, auch wenn alle wissen, dass dieser Krieg militärisch für die Ukraine nicht zu gewinnen ist und jeder Tag länger, den dieser Krieg dauert, das Leben und die Gesundheit vieler Menschen kostet, beteiligter wie unbeteiligter.
Man drückt sich um die Frage, wieviel Menschenleben es noch kosten darf, bis Selenskyj aufgefordert wird, die weiße Fahne zu hissen. Heldenmut ist vielleicht nicht die wichtigste Tugend in diesem Krieg. We don’t need another hero.

Wohltuend Jürgen Trittin, der sichtlich um Worte ringt und dann aber klar formuliert, dass es bei der Unterstützung der Ukraine darum gehe, möglichst schnell zu einer Waffenruhe und zur Rückkehr an den Verhandlungstisch zu kommen. Anders Springer Chef Döpfner, der via BILD im Namen des Westens gar die NATO zum militärischen Eingreifen auffordert. Unsere Werte werden in der Ukraine verteidigt. Das letzte Mal wurden unsere Werte mit dem bekannten Ergebnis am Hindukusch verteidigt. Diesmal wäre der Preis ein anderer. Albert Einstein soll auf die Frage, mit welchen Waffen der Dritte Weltkrieg geführt werde, geantwortet haben, er sei sich nicht sicher, aber im vierten Weltkrieg werden sie mit Stöcken und Steinen kämpfen.

Julia Werner erinnert in der Süddeutschen vom Wochenende an den freiheitsliebenden deutschen Dichter Friedrich Schiller: „Der Mensch ist ein Wilder, wenn seine Gefühle über seine Grundsätze herrschen, und ein Barbar, wenn seine Grundsätze Gefühle zerstören.“ Ihre Schlussfolgerung: „Der Barbar sitzt im Kreml in Moskau. Und wir dürfen genau jetzt nicht zu Wilden werden.“ Genau!

Über den/die Autor*in: Dr. Hanspeter Knirsch (Gastautor)

Der Autor ist Rechtsanwalt in Emsdetten und ehemaliger Bundesvorsitzender der Deutschen Jungdemokraten. Er gehörte in seiner Funktion als Vorsitzender der Jungdemokraten dem Bundesvorstand der F.D.P. an und war gewähltes Mitglied des Landesvorstands der F.D.P. in NRW bis zu seinem Austritt anlässlich des Koalitionswechsels 1982. Mehr zum Autor lesen sie hier.

Sie können dem Autor auch im Fediverse folgen unter: @hans.peter.knirsch@extradienst.net

Ein Kommentar

  1. Dieter Braecker

    Hallo Herr Knirsch,
    Zwar gehören wir der gleichen Generation an, aber in meiner Umgebung, hier in Bonn, spüre ich in meinem Bekannten- und Freundeskreis nichts von “Kriegseuphorie”. Ganz im Gegenteil. Auch sagt niemand wir seien die Guten. BILD lese ich allerdings nicht. Das war schon in den 60er und 70er Jahren, als ich jung war, ein Verbrecherblatt. Warum also jetzt lesen?
    Allerdings: Die Diskussion über Freiheit/Leben wird in meinem Freundeskreis geführt. Mit unterschiedlichem Eintreten: mal für das eine, mal für das andere.
    Gruß Dieter Braecker

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