„Jeder Bundeskanzler besitzt in der Bundespressekonferenz eine absolute Mehrheit“, ist als kollegiale Schelte des ehemaligen großen Spiegel-Autoren Jürgen Leinemann über den politisch-medialen Komplex in Bonn und Berlin überliefert. Nun also Olaf Scholz, der vom Langeweiler zum einsamen Entscheider stilisiert wird. Doch stellt sich auch die andere Frage: Welche Mehrheit in der Bundespressekonferenz hätten Altkanzler? Leinemann, der ein Gefühl für Stimmungen hatte, käme gewiss zu dem Ergebnis: keine.

Das hängt natürlich auch damit zusammen, dass Kanzler nicht freiwillig gingen, sondern nach Wahlniederlagen (Kiesinger, Kohl, Schröder), wegen eines abtrünnigen Koalitionspartners (Adenauer, Erhard, Schmidt) oder aus Einsicht, die Zeit sei reif dafür, ausscheiden wollten (Brandt, Merkel). Eine Gesetzmäßigkeit scheint es zu geben: Schwer ist es, Kanzler zu werden, und aufreibend, Kanzler zu sein. Das Ärgste aber ist, Kanzler gewesen zu sein. Die Autorität des Amtes ist verblichen. Parteifreunde wenden sich ab. Alte Rechnungen können folgenlos beglichen werden. Leistungen geraten in Vergessenheit. Nebenwirkungen ihres Handelns treten zutage. Neunmalklugheit bestimmt den Diskurs. Die Möglichkeiten, die öffentliche Meinung zu domestizieren, sind dahin. Altkanzler machen Erfahrungen fast biblischen Ausmaßes. Dem „Hosianna“ folgt das „Kreuzige ihn.“ Klugerweise hat Merkel auf den CDU-Ehrenvorsitz verzichtet.

Schuldfragen gibt es auch. Helmut Kohl missachtete Gesetze zu den Parteispenden. Gerhard Schröder machte sich zwar nicht strafbar, warf sich aber – gut besoldet – Gazprom und seinem Freund Wladimir Putin an den Hals und wird nun von Parteifreunden, Ex-Günstlingen und in Medien behandelt wie ein Aussätziger, so als habe er den russischen Überfall auf die Ukraine persönlich angeordnet. Seine Ehrenmitgliedschaft bei Borussia Dortmund ist futsch. Die Ehrenbürgerschaft in Hannover gab er unwiderruflich ab. Ein von ihm finanziertes Kirchenfenster ist unerwünscht – als klebte Blut an der Spende.

Weil sich mit Putins Krieg die Zeiten geändert haben, ist alles falsch, was früher richtig schien? Der von Schröders rot-grüner Regierung vor zwanzig Jahren initiierte und von Angela Merkel vor einem Jahrzehnt durchgesetzte Atomausstieg gilt als kurzsichtig. Billiges Öl und günstiges Gas aus Russland, die jahrelang zum wirtschaftlichen Wohlstand Deutschlands beitrugen, fragwürdig. Die von Merkel und der CSU beschlossene Aussetzung der Wehrpflicht auch. Die einst von Diplomaten gelobten „Strategischen Partnerschaften“ mit Russland und China erscheinen nun als fahrlässig.

Doch welcher Kanzler hätte – in seiner Partei und bei den Wählern – vor Jahrzehnten die Kraft gehabt, ein Ja zu Atomkraftwerken, zu teurer Energie und ein Nein zum Handel mit Russland und China durchzusetzen, weil sich die Zeiten vielleicht ändern könnten? Nicht einmal Merkel, der doch nachgesagt wurde, als Natur­wissenschaftlerin immer alles bis zum Ende durchzudenken. Doch wer weiß, ob Schröder und Merkel morgen besser wegkommen als heute. Geschichte wird nicht nur gemacht. Sie wird – immer wieder neu – geschrieben.

Über den/die Autor*in: Günter Bannas (Gastautor)

Günter Bannas ist Kolumnist des Hauptstadtbriefs. Bis März 2018 war er Leiter der Berliner Redaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Seine Beiträge sind Übernahmen aus "Der Hauptstadtbrief", mit freundlicher Genehmigung.