Die Bereitschaft, Fake-News zu erfinden, zu verbreiten und zu glauben, ist in den vergangenen Jahren drastisch gewachsen. Auch der Markt für Astrologie, Horoskope, Esoterik und Homöopathie boomt. Man kann schon fast von einer Glanzzeit der Irrationalität sprechen.
Irgendetwas hat sich verändert. Astrologiemagazine veröffentlichen Sonderausgaben, Horoskope per App breiten sich aus und werden in den sozialen Medien gepostet, viele bekennen sich zu ihren spirituellen Überzeugungen und Träumen. Vor allem Frauen wollen wissen, was die Sterne für sie vorhergesehen haben. Darunter sind auch gebildete Menschen, die eigentlich genau wissen, dass es keine wissenschaftlichen Belege für den Wahrheitsgehalt von Horoskopen gibt. Vielleicht kommt die Astrologie deshalb so gut an, weil sie einen wissenschaftlichen Anschein gibt.
Auch die Zahl der Esoterik-Anhänger/innen hat offenbar zugenommen. Zumindest entsteht dieser Eindruck in der Öffentlichkeit. Esoterik ist eng mit der Astrologie verwandt, arbeitet jedoch mit anderen Instrumenten. Offenbar gibt es weder im wissenschaftlichen noch im populären Sprachgebrauch eine allgemein anerkannte Definition von Esoterik. Die Bandbreite esoterischer Handlungen ist nämlich breit: Handlesen und Kartenlegen, spirituelle Sitzungen, Nutzung von Glaskugeln, Pendeln und Strahlungen, Meditieren und Tischerücken, Gespräche mit Verstorbenen und mit Geistern. Der Erfindungsreichtum ist riesig.
Damit sind wir bei der Homöopathie, einer pseudowissenschaftlichen Behandlungsmethode aus der Alternativmedizin. Hier werden Erkrankungen mit verdünnten Substanzen behandelt, die in „normaler“ Dosierung genau jene Symptome hervorrufen, die sie bekämpfen sollen. So sollen die Selbstheilungskräfte des Körpers angeregt werden. Dazu werden die Wirkstoffe pflanzlicher, mineralischer und tierischer Herkunft stark verdünnt einer Zuckermasse beigegeben. Am bekanntesten und beliebtesten sind die Globuli (Kügelchen). Sie sollen vor allem bei Kopfschmerzen und Entzündungen von Hals, Nase und Ohren helfen.
Homöopathie ist stark umstritten. Nicht wenige Mediziner verweisen den Nutzen homöopathischer Medikamente in das Reich der Einbildung und der Placebos. Es ist wohl nur schwer zu verstehen, wie ein Medikament heilen soll, das geradezu bis zum Verschwinden verdünnt wird. Bei den zumeist sehr hohen Verdünnungen sind nicht einmal mehr Moleküle des Wirkstoffes in der Lösung zu finden. Logischerweise kann ein Wirkstoff, der nicht mehr da ist, auch nicht wirken.
In allen vorliegenden wissenschaftlichen Studien gibt es keine hinreichenden Hinweise darauf, dass Homöopathie bei irgendeinem körperlichen Beschwerdebild wirksam sei. Doch den Glauben an die Homöopathie können diese Fakten nicht erschüttern. So ist ein Paradox entstanden: Man bildet sich ein, dass Homöopathie wirkt, obwohl die Mittel keine Wirkung haben. Selbsttäuschung und Glauben sorgen dafür, dass sich Menschen nach dem Konsum von Globuli gesunder fühlen. Es scheint, als habe die Homöopathie den Placebo-Effekt perfektioniert. Immerhin geben deren Anhänger zu, dass ihre Methode keine geschädigten Organe heilen und keine intensivmedizinischen Maßnahmen ersetzen kann.
Viele Krankenkassen übernehmen die Kosten einer homöopathischen Behandlung, wenn ein Kassenarzt mit Zusatzausbildung in Homöopathie die Behandlung ausführt. Begründet wird dies zumeist jedoch nicht mit der Wirkung von Globuli oder Bachblütenessenzen, sondern mit Kundenfreundlichkeit. Ihr Spitzenverband schreibt, dass zwar keine direkten Nebenwirkungen entstehen, es sich letztlich jedoch nur um eine Scheintherapie handele. Gewarnt wird vor der Gefahr, dass sinnvolle und notwendige Behandlungen unterbleiben.
Die Grünen brachten der Esoterik und Homöopathie lange Zeit große Sympathie entgegen. Offenbar sind in der Mitgliedschaft und Wählerschaft viele Anhänger dieser Denkrichtungen vertreten. Im Herbst 2019 tobte dort ein Glaubenskrieg zu diesem Thema. Auslöser war der Antrag „Bevorteilung der Homöopathie beenden!“, in dem „eine wissenschaftlich fundierte, faktenbasierte und solidarisch finanzierte medizinische Versorgung für alle“ gefordert wurde. Darin hieß es: „Die Finanzierung von nachweislich nicht über den Placeboeffekt hinaus wirksamen Behandlungsmethoden ist mit diesem Grundsatz unvereinbar.“
Das Thema wurde vertagt und bei der Verabschiedung des Parteiprogramms im November 2020 wie folgt geregelt: „Leistungen, die medizinisch sinnvoll und gerechtfertigt sind und deren Wirksamkeit wissenschaftlich erwiesen ist, müssen von der Solidargemeinschaft übernommen werden“. Der Bundesvorstand hatte hierzu ergänzend (aber vergeblich) vorgeschlagen, dass die Krankenkassen die Kosten für homöopathische Gesundheitsleistungen über einen Wahltarif erstatten dürfen, und diejenigen, die homöopathische Medikamente bezahlt haben wollen, sie sich entsprechend versichern können. Im Bundeswahlprogramm von 2021 findet sich keine Aussage zur Homöopathie.
Egal, ob es um Astrologie, Esoterik oder Homöopathie geht – Glauben ist unverzichtbar. Er ist offenbar unverändert ein prägendes Element unserer Gesellschaft. Alle Religionen bieten Geschichten an, an die man glauben soll. Überraschend viele Menschen tun dies auch und glauben z.B. an Himmel und Hölle, an Engel und Teufel, an Wunder und ewiges Leben. Die katholische Kirche listete 2004 6650 Personen auf, die selig und heilig gesprochen worden waren, weil sie mindestens ein Wunder vollbracht hatten.
Wem solcher Glauben nicht reicht, dem bietet sich der Aberglauben an. Das kann zu gefährlichen Konflikten führen, aber auch eher harmlos bleiben. Wer z.B. würde gern am Freitag, den 13. heiraten? Warum verzichten manche Hotels auf die Zimmernummer 13 und manche Hochhäuser auf das ganze 13. Stockwerk? Eine schwarze Katze von links bedeutet Unglück, ein vierblättriger Klee und ein Schornsteinfeger bringen Glück. Und wer kennt nicht Bleigießen und Glückskeksbacken?
Doch warum sind die Menschen bereit zu glauben, statt sich auf nachgewiesene Erkenntnis zu stützen? Seit Beginn der Kulturgeschichte der Menschheit entstanden immer wieder Mythen, Sagen, Fantasien und Legenden, um mit dem Unbekannten und Unerklärlichen umzugehen. Alle Religionen beruhen auf angeblichen, aber unbewiesenen Offenbarungen und auf dem, was ihre Begründer erdacht und formuliert haben. Bis ins Mittelalter war unser Leben geprägt von Legenden, Mythen, Visionen und Verschwörungsthesen. Die Erwartung, dass Aufklärung und wissenschaftlicher Fortschritt solchen unerklärlichen und abwegigen Denkweisen und Fiktionen ein Ende bereiten würden, war ein Irrtum. Glauben und Dogmen haben sich als widerstandsfähig erwiesen.
Offenbar sind Zeiten gesellschaftlicher Umwälzungen besonders geeignet, Irrationalitäten zu erzeugen und zu verbreiten. Die Popularität der Esoterik kommt in Wellen. Immer wieder, wenn die Gesellschaft verunsichert ist, taucht sie verstärkt auf. Beispielsweise in der Weltwirtschaftskrise oder in der Phase, als Angst vor atomarer Aufrüstung und einem Einsatz dieser Waffen herrschte.
Auch heute dürften Zukunftsangst und Verunsicherung maßgeblich sein. Corona-Pandemie, Klimawandel und Naturkatastrophen, weltweite Ungerechtigkeiten und kriegerische Auseinandersetzungen, steigende Energiekosten und Inflationsangst erzeugen sowohl persönliche wie gesellschaftliche Betroffenheit. In solchen Zeiten liegt es offenbar in der Natur des Menschen, sich höheren Mächten zuzuwenden. Laut Weltgesundheitsorganisation sind Depressionskrankheiten seit dem Corona-Ausbruch um 25% gestiegen.
Manche Menschen wenden sich ab von wissenschaftlichen Erkenntnissen, von unstrittigen Wahrheiten und von vernunftgeleitetem Denken. Natürlich gibt es ein Recht auf Fantasie, auf Illusionen und selbst auf Wahnvorstellungen. Die Freiheit des Glaubens wird sogar in Art. 4.1 der Verfassung garantiert. Selbst Idioten dürfen sich auf die Verfassung berufen. Aber gibt es ein Recht auf auf Ignoranz und Hetze?
An den Demonstrationen gegen Corona-Schutzmaßnahmen nehmen durchaus „normale“, ungefährliche Menschen teil. Die Mischung von friedlichen Protestierenden und fanatischen Extremisten erschwert jedoch ein Urteil. Querdenkende und Esoteriker/innen, die sich als Coronaleugner/innen outen, sind nicht zwangsläufig Reichsbürger/innen und Staatsgegner/innen, aber wohl besonders anfällig dafür. Ihnen fehlt das Gespür, dass sie gemeinsame Sache mit Rechtsextremisten machen und diese dadurch stärken. Laut Verfassungsschutz gibt es „eine geradezu auffällige Distanzlosigkeit nicht extremistischer Demonstrationsteilnehmer gegenüber den Extremisten.“
Ein bissiger Kritiker hat es kürzlich wie folgt formuliert: „Je weniger Ahnung jemand von einem Thema hat, umso vehementer vertritt er es“ Irgendwie leuchtet das ein: Er/sie ist einfach nicht schlau genug, um das Thema zu verstehen. Darf man das vielleicht auch auf die Globulimethode übertragen? Wenn wir den Verstand immer mehr verdünnen …. Oder befinden wir uns vielleicht in einer Übergangsphase zur alternativen Intelligenz – so wie es alternative Fakten gibt?
Zitat: Laut Verfassungsschutz gibt es „eine geradezu auffällige Distanzlosigkeit nicht extremistischer Demonstrationsteilnehmer gegenüber den Extremisten.“
Ist das jetzt schon Selbsterkenntnis?
apropo Globulli: Beruflich bedingt neige ich ja zu unfreiwilliger Selbstschädigung ( Quetschung, Fingernagel unter Hammer etc) Deshalb sind diesen Traubenzuckerperlen fester Bestandteil meines Werkzeugkastens! In meiner über 40 jährigen beruflichen Laufbahn haben sie mir immer gute Dienste erwiesen wenn ich sie im entscheidenden Moment dabei hatte. Wenn nicht, war es, aus der Erinnerung heraus, eigentlich immer ein längerer Leidensweg. Daraus habe ich für mich den Schluß gezogen: was hilft, wirkt 🙂
ach ja, noch was: “Manche Menschen wenden sich ab von wissenschaftlichen Erkenntnissen, von unstrittigen Wahrheiten und von vernunftgeleitetem Denken.”
ouhhh ja, davon konnte man ja letztens in einem hier verlinkten und gepriesenem Video ja volle Kanne hören. Die Vorstellung, das diese junge Frau sehr vermutlich den Rest meines Lebens im Parlament mein Leben tangiert, hat mich die halbe Nacht um den Schlaf gebracht.
Wer hier liest, liest aus freiem Willen 😉