Wie Argentinien mit dem Krieg in der Ukraine umgeht

Wie anderswo auf der Welt auch wurden die Nachrichten vom Ausbruch des russisch-ukrainischen Krieges in der argentinischen Öffentlichkeit mit echter Bestürzung aufgenommen. Während Medienberichterstattung unterschiedlichster Couleur die Titelseiten füllte und fast ununterbrochen über das Auf und Ab des Konflikts berichtet wurde, dauerte es nicht lange, bis sich die Sprecher*innen verschiedener politischer Zusammenhänge in den sozialen Netzwerken äußerten, formal den Einmarsch von Putins Regierung in die Ukraine bedauerten und es in einigen Fällen sogar wagten, Stellung zu beziehen. Im Laufe der Tage wichen die Stimmen der Politiker*innen den Stimmen der Intellektuellen und Fachjournalist*innen. Im Zuge der Debatten kristallisierten sich bei den Beteiligten, oft ohne es einzugestehen, Präferenzen für die eine oder andere Seite heraus, Zu- und Abneigungen begannen sich durchsetzen. (bis hierhin: redaktionelle Vorbemerkung ila)

Tenor und Schärfe der Diskussionen über den Krieg variieren beträchtlich, je nachdem in welchem Teil des politischen Spektrums sie sich verorten. Wie in anderen lateinamerikanischen Ländern auch wird die politische Landschaft Argentiniens seit fast 15 Jahren, seit dem Beginn der Regierung von Cristina Kirchner und ihrem Konflikt mit den Landwirtschaftsverbänden im Jahr 2008, in der Regel mit dem Bild des „Abgrunds“ dargestellt, der sich zwischen zwei verfeindeten Lagern auftut: das eine Lager unter der Hegemonie des Peronismus, und zwar seiner Mitte-Links-Version, das andere unter der Partei Juntos por el Cambio, die vom Unternehmer Mauricio Macri angeführt wird, der von 2015 und 2019 Präsident Argentiniens war. Doch während sich in dem Mitte-Rechts-Raum sowie in den Mainstreammedien, die mit ihm übereinstimmen, schnell ein Konsens über die entschlossene Verteidigung der ukrainischen Souveränität und die scharfe Verurteilung von Putins Feldzug einstellte, kamen bei den Mitte-Links-Kräften und der Linken (sowohl kirchneristisch als auch nicht-kirchneristisch) hitzige Debatten darüber auf, welche Positionen einzunehmen sind.

Was war der Grund für die unterschiedliche Intensität der Debatten? Meiner Meinung nach lag das nicht nur daran, dass es in der Linken eine längere Tradition von Polemik und Diskussionen über internationale Fragen gibt. Bestimmte Elemente im Konfliktverlauf führen bei der Rechten zwar nicht zu ernsthaften Divergenzen (außer bei einigen der neuen „libertären“ Rechtsradikalen), aber bei der Linken und in progressiven Sektoren haben sie erbitterte Diskussionen ausgelöst. Obwohl ich mich hauptsächlich auf den argentinischen Fall beziehe, glaube ich, dass dieses Phänomen auch in anderen lateinamerikanischen Ländern zu beobachten ist.

Um es auf den Punkt zu bringen: Ich glaube, dass die offensichtlichsten und unmittelbarsten Aspekte, die den Krieg ausgelöst haben, also quasi der Rubikon, den die Regierung von Wladimir Putin mit der Invasion und der Bombardierung des souveränen Staates Ukraine überschritten hat, für die Rechte und die rechte Mitte mit ihren allgemeinen ideologischen Orientierungen übereinstimmen. Die Phänomenologie der Kriegsereignisse steht im Einklang mit ihren tief verwurzelten Überzeugungen. Deshalb herrschte in den Reihen von Juntos por el Cambio fast automatisch Einigkeit über die zu vertretende Position. Bei der Eröffnung der Legislaturperiode, in Anwesenheit von Präsident Alberto Fernández am 1. März, schwenkten ihre Abgeordneten ukrainische Fahnen. Sogar die aufstrebende neue libertäre Rechte hat sich distanziert von dem Kokettieren mit Putin, wie es andere rechtsextreme Gruppen und Persönlichkeiten auf dem Kontinent und weltweit betreiben, etwa der brasilianische Präsident Jair Bolsonaro, und zeigt sich inbrünstig mit den Regierungen der wichtigsten westlichen Länder verbündet. Ihr aufstrebender Medienstar, der Abgeordnete Javier Milei, beschränkte sich darauf, Joe Biden im Hinblick auf seine Reaktion gegenüber Russland Zaghaftigkeit vorzuwerfen, und lobte im Gegensatz dazu Donald Trump.

„Imperialistischem Antiimperialismus“

Im Gegensatz dazu fiel es den linken, fortschrittlichen und national-popularen Kräften (und deren Gefühlszustand, schließlich werden identitäre und gefühlsmäßige Dimensionen durch Kriege häufig besonders mobilisiert) in Lateinamerika schwer, die unmittelbaren Ereignisse einzuordnen.
Ein Land mit kommunistischer Vergangenheit, das während des Kalten Krieges den Gegenpol zur US-Welthegemonie bildete, ist in ein anderes souveränes Territorium eingefallen (ein kurioser Fall von „imperialistischem Antiimperialismus“, wie es jemand bezeichnete). Daher wurden die Nachrichten über den russischen Angriff schnell in einen breiteren Kontext eingeordnet. Das Wort „Geopolitik“ begann die Runde zu machen und wurde dazu missbraucht, diese Zusammenhänge zu konstruieren. Vor allem wurden Ausflüge in die Geschichte unternommen, um Erklärungen für den Konflikt anzubieten.

„Nutzen der Geschichte“

Dieses „Nutzen der Geschichte“ variiert in den jeweils betrachteten Zeiträumen sowie ihren Analyseschwerpunkten. Sie können bis ins zaristische Russland zurückgehen, zur Politik Lenins und der Bolschewiki und ihrem Verhältnis zur Frage der Nationalitäten in der damals neuen Sowjetunion, zur Rolle der Russen und Ukrainer gegenüber dem Nationalsozialismus, zur NATO-Osterweiterung nach dem Fall der Berliner Mauer, zur Geschichte des US-Imperialismus und seinen Untaten oder zur jüngsten Vergangenheit, dem Euro-Maidan von 2013/2014 und der anschließenden russischen Annexion der Krim. Je nach Schwerpunktsetzung werden unterschiedliche Positionen artikuliert, die von der Anprangerung des „zwischenimperialistischen Krieges“ (die Position der in der Frente de Izquierda zusammengeschlossenen trotzkistischen Parteien Argentiniens, die ein bedeutendes Wählerpotenzial haben) bis hin zur mehr oder weniger hinterhältigen und beschämenden Verteidigung des Putin-Regimes reichen.

Die Position des frisch gewählten chilenischen Präsidenten Gabriel Boric, der die russische Invasion unmissverständlich verurteilt hat (ohne zu relativieren oder abzuwägen), die wohlmöglich das Aufkommen einer neuen linken Linie ankündigt, die eine klare Alternative zur bolivarischen Achse darstellt (die in Lateinamerika in den letzten zwei Jahrzehnten vorherrschend war), scheint sich in Argentinien auf einige wenige Kommentatoren und Intellektuelle zu beschränken (etwa den Psychoanalytiker Jorge Alemán, Schüler von Ernesto Laclau, der normalerweise die Debatten der lateinamerikanischen Linken befeuert, dies aber nicht zufällig von Spanien aus tut).

Diese Ambivalenzen und Zweideutigkeiten spiegeln sich in der regierenden Mitte-Links-Koalition wider. Seit einigen Monaten durchläuft sie wegen unterschiedlicher Spannungen zwischen den Anhänger*innen von Präsident Alberto Fernández und den Anhänger*innen von Vizepräsidentin Cristina Kirchner eine kritische Phase. Obwohl Präsident Fernández die Invasion Putins zunächst verurteilt hatte, enthielt er sich später bei der Verurteilung durch eine große Mehrheit der OAS-Länder, einen Tag nach Beginn des Konflikts. Im Allgemeinen lässt sich sagen, dass eine diffuse antiimperialistische und Anti-Yankee (oder sogar anti-europäische)-Stimmung die meisten Regierungsmitglieder daran gehindert hat, sich offen gegen Putin auszusprechen. Das zeigt sich noch krasser in den sozialen Medien, wo die allermeisten Regierungsanhänger*innen ihre Sympathien für das russische Handeln kaum verhehlen können.

Kurzum, die Schwierigkeit, Putins Kriegstreiberei ohne Wenn und Aber zu verurteilen, hat die Büchse der Pandora für historische Hilfsmittel geöffnet, je nach Geschmack und Vorliebe der jeweils interpretierenden Person. Wie Eric Hobsbawm zu betonen pflegte, ist die Geschichte der Kriege und Nationalismen notwendigerweise die Geschichte der Auswahl und/oder der Erfindung von Erzählungen oder Berichten über die Vergangenheit, die zu einem Schlachtfeld und einem bevorzugten diskursiven Raum für die Positionierung in der Gegenwart werden. Viele Linke und Intellektuelle in Argentinien und Lateinamerika haben sich dieser Aufgabe verschrieben, um ihre Positionen zum aktuellen Krieg zu untermauern.

Martín Bergel forscht am Centro de Historia Intelectual de la Universidad Nacional de Quilmes und ist Professor an der Universidad de San Martín, Argentinien; aus: CALAS, La guerra en Ucrania. Miradas desde América Latina, 15. März 2022, 60 Seiten; Übersetzung: Charlotte Rimbach und Britt Weyde

Dieser Beitrag ist eine Übernahme aus ila 454 April 2022, hrsg. und mit freundlicher Genehmigung der Informationsstelle Lateinamerika in Bonn. Zwischenüberschriften wurden nachträglich eingefügt.

Über den/die Autor*in: Martin Bergel (Gastautor)

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