Hier formuliert von John Mearsheimer
“Und übrigens, ich denke, dass vieles davon damit zu tun hat, dass so viele Menschen, die heute über dieses Problem nachdenken, in einer unipolaren Welt (nach 1991, Ergänzung von mir, KDK), und nicht während des Kalten Krieges aufgewachsen sind, in der wir lange und intensiv über den Atomkrieg nachgedacht haben.

Wir haben ebenfalls eine lange Zeit über die amerikanisch-sowjetischen Beziehungen nachgedacht und darüber, wie diese zu einem Atomkrieg führen könnten. Menschen, die in der unipolaren Welt aufgewachsen sind, verhalten sich viel unbekümmerter in Bezug auf diese Themen. Und ich denke, das bedeutet eine sehr gefährliche Situation.”

Das Zitat verdanke ich einer Zusammenfassung von Klaus Dieter Kolenda/telepolis von einer lesenswerten Mearsheimer-Präsentation am 18.4. Daraus ergeben sich weitere Fragen.

Die Nachkriegsgeburtsjahrgänge, die noch heute die grösste Wähler*innen-Kohorte sind, blicken entgeistert bis verzweifelt auf das aktuelle politische Geschehen. Das hatten wir so nicht bestellt. Entgegen der Darstellung der “68er” war die Mehrheit der Eltern kein Nazi. Viele waren Verbrecher und Täter, die Mehrheit hat sie mit mehr oder auch mal weniger Begeisterung machen lassen. Eine weitere Minderheit leistete Widerstand, viele nur inneren, wenige, zu wenige, aktiven.

Die Täter pflegten nach dem Faschismus zu schweigen – was für ein Fortschritt gegenüber den heutigen Rechten! – wie übrigens auch viele traumatisierte Opfer. Die Mehrheit jedoch erzählte ihren Kindern von den Schrecken des Krieges. Diese starken Eindrücke (“oral history”) wurden Ende der 60er und Anfang der 70er noch verstärkt durch die Live-Übertragungen des US-Fernsehens vom Vietnamkrieg – und durch die jährliche Erinnerung Japans an die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki 1945. Das war verhältnismässig exzellente politische und historische Bildung. Die sitzt.

Irgendwas muss jedoch passiert sein, dass die Nachkriegsjahrgänge darüber mit ihren eigenen Kindern nicht mehr sprechen wollten. Sie haben sich als Kind genervt gefühlt, und wollten die eigenen Kinder nicht wiederum nerven, sondern “es” besser machen. Die Kinder sollen in einer heilen Welt glücklich werden. Eine Lüge. Die die Kinder längst selbst bemerkt haben. Die sind ja nicht blöd.

Dennoch wissen sie nicht, was Krieg ist. Für europäische Kinder bis vor kurzem ein Abstraktum, für die meisten. Von den Ausnahmen abgesehen: Balkan, Nordirland, diverse Terrorismen. Die Bundesregierung agiert nun wie Auszubildende frisch von der Berufsschule. Erfahrung mit solchen Elementarkrisen: keine. Das ist die maximale Panne, die bei der Weitergabe von Erfahrungswissen passieren konnte.

Wie wird der Schnellkurs der Nachgewachsenen nun nachgeholt? Ich weiss es nicht. Sie müssen sich nur klarmachen: das Klima wartet nicht auf Waffenstillstände, Kriegsende und Friedensverhandlungen – oder gar Regimewechsel. Es macht einfach weiter. Und für Euch liebe Kinder wird das bedeuten: Euer Leben wird nicht länger als unseres, sondern kürzer. Es sei denn … jemand findet die richtige Antwort auf Waffenlieferungen und Krieg. António Guterres immerhin arbeitet daran – wer hilft ihm?

Über den/die Autor*in: Martin Böttger

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
Sie können dem Autor auch via Fediverse folgen unter: @martin.boettger@extradienst.net