Es gibt sie wirklich. Aber mit einer merkwürdigen Dialektik der Gefühle: was selten ist, fällt mehr auf. Was alltäglich ist, wird zur Gewohnheit. Früher, als nur wenige Rad fuhren, konnte mann die Uhr danach stellen: wenn im “Express” (gibts den eigentlich noch?) die “Rüpelradler” auftauchten, war nachrichtenarme Sommerpause. Die Berliner Polizei, die bislang nicht für ihre Fortschrittlichkeit bekannt ist, hat Zahlen vorgelegt, die Peter Neumann/Berliner Zeitung berichtet. Ist Objektivität zu langweilig?

Wenn Neumann sich auf diese stützt, die sind schon drei Monate alt. Aber egal. Bemerkenswert, wenn die Zahlen sich im für seine Rüpelpopulation weltberühmten Berlin verbessern. In der Sache bestätigt sich ein weiteres Mal eine Riesendiskrepanz zwischen gefühlter und tatsächlicher Sicherheit. Wobei “gefühlte Sicherheit” für sich genommen dennoch ein – produzierbares! – politisches Faktum ist. Anlass für viele Lokalredakteur*inn*e*n wie Neumann, sich selbst Fragen zu stellen.

Und dann bleiben noch die Fragen zur Dunkelziffer. Selbstverständlich gibt es ein Vielfaches an Risikosituationen, als am Ende der Polizei gemeldet werden. Sie bestimmen weit stärker die Gefühle der Verkehrsteilnehmer*innen. Mein Gefühl als Radfahrer und Fussgänger: um Rüpelradler*innen wahrzunehmen, genügt mir eine einzige Überquerung der Kennedybrücke. Das Verkehrsverhalten – Überholen oder nicht bei Gegenverkehr – unterscheidet sich in absolut Nichts von dem, was ich einst als Kind auf dem elterlichen Rücksitz auf zweispurigen Bundesstrassen erlebte.

Ich kann mich da ganz bei den Sylter*innen einordnen, die Uli Hannemann/taz durchaus angemessen auf den Arm nimmt. Ein spürbares Weniger von bekloppten Radfahrer*inne*n wäre auf meinen persönlichen Verkehrswegen eine grosse Erleichterung.

Und noch ein Geheimtipp: egal welches Verkehrsmittel Sie nutzen, Sie erreichen im Alltag eine magische Verzauberung Ihrer Mitmenschen, wenn Sie ihnen den Vortritt/die Vorfahrt lassen. Was selten ist, ist wertvoll. Garantie: Sie selbst fühlen sich danach augenblicklich viel besser! Ein ausparkender Autofahrer in der Beueler Professor-Neu-Allee schraubte extra sein Seitenfenster runter, um sich bei mir als wartendem Radfahrer höflich zu bedanken. Das hatte er wohl noch nie erlebt. Die in den Blechkisten sind schon merkbar eingeschüchtert. Nicht alles ist schlecht.

Und jetzt zu den ganz grossen Rüpeln

Der Krieg. Er ist furchtbar. Und ist ermüdend. Vor allem für die, die ihn nicht wollen. Kriege werden immer von den Mächtigen geführt. Sie fragen ihre Untertanen nicht, ob die ihn wollen. Nie. Die binäre Vereinnahmung ganzer Länder für dieses und gegen jenes, ist Vereinfachung, Kriegspropaganda. Weder “die” Russ*inn*en noch “die” Ukrainer*inne*n werden irgendetwas ernsthaft gefragt. Sie werden benutzt, für Präsentationen von Interessenpolitik der Mächtigen. Dass die Mächtigen im Streit miteinander sind, ist der objektive Kriegsgrund. Die Feststellung von Gut und Böse, gar die Verherrlichung einer Kriegspartei als “die Guten”, ist abwegig.

Es gibt erstaunlich viele Menschen, die das ähnlich sehen. Weit mehr, als in Massenmedien egal welcher Orientierung zu sehen und zu hören sind. Wenige in den Medien selbst. Aber auch die gibt es, zum Glück.

Ich nenne heute:

Raul Zelik/Freitag: Debatte um Waffenlieferungen: Denkbar schlechte Verbündete – Ukraine-Krieg Linksliberale und Grüne überschlagen sich plötzlich mit Forderungen nach Waffenlieferungen in die Ukraine. Für den Kampf gegen autoritäre Regime ist das aber eine intellektuelle Bankrotterklärung”. Den Autor habe ich vor ca. 15 Jahren in Bonn bei einer Lesung – es ging um Kolumbien – kennengelernt. Ein ausnehmend freundlicher radikaler intellektueller Kopf.

Harald Welzer im taz-Interview: ‘Die Gewaltlogik unterbrechen’ – Er halte die Eskalation des Mitteleinsatzes für die Ukraine für problematisch, sagt Harald Welzer. Gewaltprozesse stoppe man so nicht”.

Knut Mellenthin/Junge Welt und noch prägnanter Eric Bonse/lostineurope kennzeichnen die politische Sackgasse, in die Flinten-Uschi und ihre Kumpan*inn*e*n die EU führen.

Und ein Grünes Regierungsmitglied schwimmt nicht mit.

Den Emma-Brief an Olaf Scholz haben derzeit über 226.000 Menschen unterschrieben. Leider auf einer etwas berüchtigten Datenhandelsplattform. Ob und wie die sich in den letzten sechs Jahren “gebessert” hat, ist mir nicht bekannt. Normalerweise ist eine Marke nach so einem Vorgang “verbrannt”.

Über den/die Autor*in: Martin Böttger

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
Sie können dem Autor auch via Fediverse folgen unter: @martin.boettger@extradienst.net