Eine Woche vor dem Abschluss der Bundesligasaison ist klar, dass Bayern München wieder einmal Meister wird. Doch gibt es im deutschen Fußball etwas, was es noch nie gab. Ein Kulturwandel, eine „Zeitenwende“ auch dort? Erstmals steht an der Spitze des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), der mitgliederstärksten Organisation der Bundesrepublik, ein Sozialdemokrat – und zwar nicht einer, der von seinem Parteibuch wenig Aufhebens machte, sondern seit März einer, der beruflich in der Politik war: Bernd Neuendorf.

Bisher war das Amt des DFB-Präsidenten eine Domäne der CDU. Der frühere Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder (2002 bis 2006) war CDU-Kultus- und dann Finanzminister in Baden-Württemberg. Theo Zwanziger (2006 bis 2012) war CDU-Landtagsabgeordneter in Rheinland-Pfalz, Reinhard Grindel (2016 bis 2019) CDU-Abgeordneter im Bundestag. Die Vita Neuendorfs ist anders: Journalist, SPD-Mitglied, im Berliner Willy-Brandt-Haus Sprecher des SPD-Parteivorstands, danach Pressesprecher der SPD in Nordrhein-Westfalen, dort dann auch Staatssekretär im Familienministerium. Und noch eine Neuerung gibt es im deutschen Fußball, beim Verein Bayern München, der – politisch gesehen – als CSU-nah einzustufen ist. Der (aus Niedersachsen stammende) SPD-Vorsitzende Lars Klingbeil wurde in den Verwaltungsbeirat des schier ewigen Meisters berufen. Vorsitzender dieses Gremiums ist seit Jahren Edmund Stoiber, früher CSU-Chef und bayerischer Ministerpräsident. Ob es einen inneren Zusammenhang zwischen den Personalia Neuendorf/Klingbeil mit der Wahl von Olaf Scholz zum Bundeskanzler, der Berufung der früheren SPD-Vorsitzenden Andrea Nahles an die Spitze der Bundesagentur für Arbeit und der Wahl der ehemaligen SPD-Generalsekretärin Yasmin Fahimi zur (ersten weiblichen) Vorsitzenden des Deutschen Gewerkschafts­bundes gibt? Personalpolitik ist nicht alles, aber ohne sie ist vieles nichts. Großorganisationen legten schon immer Wert darauf, Zugänge zur größeren Regierungspartei zu haben.

Nichts ist weniger unpolitisch als der deutsche Fußball – im Sinne einer Win-Win-Situation. Die Politik profitiert von der Popularität des (männlichen) Profi-Fußballs, dieser von Einflussmöglichkeiten vielerlei Art. Abgeordnete treten als FC Bundestag bei Benefiz-Turnieren auf. Manche sind auch in Bundestagsfanclubs engagiert – besonders heftig derzeit der Grünen-Chef Omid Nouripour für Eintracht Frankfurt. Christian Seifert, bis vor kurzem Chef der Deutschen Fußball-Liga (DFL), die die Profi-Ligen vermarktet, war geschäftlich bei Angela Merkels Auslandsreisen dabei. Wie Merkel amtierte er von 2005 bis 2021. Aufsichtsratsvorsitzender der DFL ist Hans-Joachim Watzke, der nicht nur Chef von Borussia Dortmund ist, sondern auch CDU-Mitglied, das freilich dafür sorgte, dass sich der Verein auch mit SPD-Prominenz schmückt, vom ehemaligen NRW-Ministerpräsidenten Peer Steinbrück bis zu Gerhard Schröder, bis diesem – seiner Putin-Freundschaft wegen – wie auch bei Hannover 96 die Ehren­mitgliedschaft aberkannt wurde. Die Kanzler Kohl, Schröder und Merkel pflegten ihre Nähe zur Nationalmannschaft. Bei Scholz ist das anders.

Über den/die Autor*in: Günter Bannas (Gastautor)

Günter Bannas ist Kolumnist des Hauptstadtbriefs. Bis März 2018 war er Leiter der Berliner Redaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Seine Beiträge sind Übernahmen aus "Der Hauptstadtbrief", mit freundlicher Genehmigung.