Der Mann der vielen Eigenschaften – Vor 100 Jahren wurde der deutsche Außenminister ermordet. Kurz zuvor hatte er seine folgenreichste Entscheidung getroffen – sie wird heute kritisch gesehen.

Der Vertrag von Rapallo zwischen Deutschland und dem noch jungen Sowjetrussland vom 16. April 1922 war eine politische Sensation. Die beiden größten Außenseiter der damaligen Weltordnung nahmen diplomatische Beziehungen zueinander auf, verzichteten gegenseitig auf Kriegsentschädigungen und stärkten ihre wirtschaftlichen Kontakte. Damit sprengten sie nicht nur die Konferenz von Genua, das erste große internationale Treffen seit dem Ersten Weltkrieg, zu dem auch Russland und Deutschland geladen waren. Der Vertrag war ein offener Angriff auf die gesamte Nachkriegsordnung. Frankreich und Großbritannien als dominierende Mächte waren geschockt. Das Deutsche Reich kam aus der Defensive, indem es sich Russland öffnete – und umgekehrt.

Rapallo findet aktuell wieder viel Beachtung. Denn das Abkommen gilt als Ausgangspunkt undurchsichtiger, auf wirtschaftlichen Verflechtungen beruhender deutsch-russischer Sonderbeziehungen auf Kosten anderer europäischer Staaten. Insbesondere Polen musste alarmiert sein, auch ohne die Aussage des Chefs der deutschen Reichswehr, General von Seeckt, zu kennen. Der hatte die deutsch-sowjetische Annäherung vorangetrieben, einschließlich geheimer militärischer Kooperation, und dies so begründet: „Polens Existenz ist unerträglich. Es muss verschwinden und wird verschwinden durch eigene Schwäche und durch Russland, mit deutscher Hilfe.“ Man denkt bei diesen Worten unweigerlich an den Hitler-Stalin-Pakt und die Aufteilung Polens keine zwanzig Jahre später. Manche Publizisten ziehen diese historisch-politische Linie sogar bis zu Nord Stream durch. „Das Fiasko der Russlandpolitik“ der letzten Jahre erneuere „das Trauma von Rapallo“, hieß es etwa kürzlich in der FAZ.

Antisemitische Vorurteile aus allen politischen Himmelsrichtungen

Der Vertrag von Rapallo trug die Unterschrift des deutschen Außenministers und ist dadurch untrennbar mit dem Namen Rathenaus verbunden. Dabei hatte dieser sich bis zuletzt gegen das Abkommen gesperrt und stattdessen auf eine Übereinkunft mit England gesetzt. Er musste von den Berufsdiplomaten des Auswärtigen Amtes und von Reichskanzler Wirth massiv unter Druck gesetzt werden, bevor er unterschrieb. Der von ihm nicht wirklich gewollte Vertrag wurde zwar in Teilen der deutschen Öffentlichkeit durchaus begrüßt. Aber dem Minister schlug wegen des Abkommens mit den Sowjets von der politischen Rechten auch blanker Hass entgegen. Der „Völkische Beobachter“ bezeichnete ihn, antisemitische Vorurteile aus allen politischen Himmelsrichtungen zusammenfassend, als „Börsen- und Sowjetjuden“. Wenige Wochen nach Vertragsabschluss wurde er in der Nähe seiner Villa im Grunewald ermordet.

Walther Rathenau war die vielseitigste, schillerndste Persönlichkeit des öffentlichen Lebens seiner Epoche. Schon immer hat er polarisiert, Bewunderung ebenso hervorgerufen wie abgrundtiefe Ablehnung. Den einen erschien er das letzte Universalgenie zu sein, für die anderen war er nur ein reicher Universaldilettant. Er hatte so viele Talente, Wirkungskreise, Eigenschaften und Positionen, dass er unfassbar blieb. Stefan Zweig bezeichnete ihn als „amphibisches Wesen zwischen Kaufmann und Künstler, Tatmensch und Denker“. Robert Musil hat ihn im „Mann ohne Eigenschaften“ verarbeitet. Rathenau war die Vorlage für die Figur des Industriellen Paul Arnheim, „ein Phänomen wie ein Regenbogen. Er spricht von Liebe und Wirtschaft, von Chemie und Kajakfahrten, er ist ein Gelehrter, ein Gutsbesitzer und ein Börsenmann. Mit einem Wort: Was wir alle getrennt sind, das ist er in einer Person“. Dieser alle Rahmen sprengende Mensch war neben vielem anderen auch ein stolzer Ur-Berliner, der mit seiner Familie bis heute sichtbare Spuren in der Stadt hinterlassen hat.

Geboren wurde Walther Rathenau 1867 in der Chausseestraße in Feuerland. So wurde damals jener Teil des heutigen Berlin-Mitte genannt, der von den Borsig-Werken und anderen Unternehmen der Schwerindustrie geprägt war. Sein Vater Emil Rathenau hatte hier eine kleine Eisengießerei gekauft. Er wuchs jedoch schnell aus dem Mittelstand heraus, gründete die Allgemeine Elektricitäts-Gesellschaft, AEG, die maßgeblich die Elektrifizierung Deutschlands vorantrieb und zu einem der bedeutendsten Unternehmen des Landes und der Elektroindustrie weltweit wurde. Bis heute sind AEG-Bauten aus der Rathenau-Zeit im Berliner Stadtbild präsent. Mit der AEG wurde der schier unermessliche Reichtum begründet, der das Leben Walther Rathenaus prägen und ihm viele Möglichkeiten eröffnen sollte. Er beschrieb sein eigenes „Schwanken zwischen Malerei, Literatur und Naturwissenschaft. Entscheidung für Physik, Mathematik und Chemie als Grundlagen neuzeitlicher Wissenschaft und Technik“. Am Ende bespielte er alle diese Felder.

Walther Rathenau übernahm wichtige Funktionen bei der AEG und entwickelte sich zu einer Schlüsselfigur der Berliner und deutschen Wirtschaft. Man nannte ihn wegen seiner zahlreichen Mandate im In- und Ausland – zeitweise waren es an die hundert – auch „Aufsichtsrathenau“. Seine wirtschaftlichen Kontakte ebneten ihm später den Weg in die Politik und ins Außenministerium. Aber damit nicht genug. Er publizierte, malte, lebte sein Interesse an Architektur aus und wurde auch in kulturellen Kreisen Zentrum eines kaum überschaubaren Netzwerks.

Seine Villa in der Koenigsallee im Grunewald ließ er nach sehr detaillierten eigenen Vorstellungen 1910 bauen. Sie steht noch heute. Ins Auge springt die für ein herrschaftliches Haus auffällig schmale Eingangstür – sie wurde auch als enger Zugang zum Innersten, zur Seele Rathenaus interpretiert. Das Haus ist stattlich, wirkt gleichwohl bescheiden, insbesondere angesichts des Reichtums Rathenaus. Und das war gewollt. Rathenau war ein Mann der Moderne, nicht nur des wirtschaftlichen, sondern auch des gesellschaftlichen und kulturellen Aufbruchs. Mit den sozialen Verkrustungen im wilhelminischen Kaiserreich setzte er sich kritisch auseinander.

Der berühmteste deutsche Impressionist war sein Onkel: Max Liebermann

Gleichwohl war er ein leidenschaftlicher Preuße, und dazu gehörte eine gewisse Bescheidenheit bei Äußerlichkeiten. Seine Preußenliebe verwirklichte er, indem er 1907 das kleine Schlösschen in Freienwalde vor den Toren Berlins kaufte und zu seinem Sanssouci machte. Wo früher Angehörige der königlichen Familie gelebt hatten, ging der Großindustrieelle nun seinen kulturellen Neigungen nach, schrieb, malte und empfing seinen riesigen Freundes- und Bekanntenkreis. Die Namen, auf die man hier stößt, lesen sich wie ein Who’s Who der kulturellen Moderne, alle Kunstformen sind vertreten. Die Liste reicht, um nur wenige zu nennen, vom norwegischen Maler Edvard Munch über den Literatur-Nobelpreisträger des Jahres 1912, Gerhart Hauptmann, den Architekten Peter Behrens und die Schauspielerin Tilla Durieux bis zum Theater-Mann Max Reinhardt. Der berühmteste deutsche Impressionist war sein Onkel: Max Liebermann. Rathenau war eine Art Inkubator des kulturellen Lebens seiner Vaterstadt, die er liebte, die er aber auch nüchtern und spöttisch betrachtete.

„Die schönste Stadt der Welt“ – so überschrieb er 1902 voller Ironie einen Essay über Berlin. Berlin war für ihn nicht Spree-Athen, sondern „Spreechicago“, eine damals explodierende „Parvenüpolis“ in historisierendem Gewand: „Man fühlt sich wie im Fiebertraum, wenn man eine der Hauptstraßen des Westens zu durcheilen gezwungen ist. Hier ein assyrischer Tempelbau, daneben ein Patrizierhaus aus Nürnberg, weiter ein Stück Versailles, dann Reminiszenzen vom Broadway, von Italien, von Ägypten – entsetzliche Frühgeburten polytechnischer Bierphantasien.“ Als Mann der Moderne musste er sich einfach lustig machen über „Bahnhofsvorhallen, die sich als Thermen drapierten“. Und die Einwohner? „Was die Berliner betrifft, so weiß ich nicht genau, ob es keine mehr oder noch keine gibt.“ Er glaubte, „die meisten Berliner sind aus Polen und die übrigen aus Breslau“. Bauwerke und Bewohner seien wie „Topfpflanzen“, abgestellt ohne Wurzeln im Boden.

Schon vor dem Ersten Weltkrieg begab Rathenau sich, zunächst publizistisch, immer mehr in die Sphären der Politik. Er wurde ein wichtiger Vordenker der europäischen Einigung. „Verschmilzt die Wirtschaft Europas zur Gemeinschaft“, schrieb er im Jahr vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges, „so verschmilzt auch die Politik.“ Darin lag für ihn die Chance für „Milderung der Konflikte, Kräfteersparnis und solidarische Zivilisation“. Dementsprechend lehnte er den Krieg 1914 als Verhängnis entschieden ab, was ihn dann aber nicht davon abhielt, die deutsche Wirtschaft überhaupt erst kriegsfähig zu machen. Sein Aufbau einer Rohstoffabteilung im Kriegsministerium war eine bedeutende administrativ-politische Management-Leistung.

In der Presse bezeichnete man Rathenau als „wirtschaftlichen Generalstabschef hinter der Front“. Am Ende forderte er sogar einen Volksaufstand gegen die Sieger, was den Krieg nur unnötig verlängert hätte. Seine Haltung zum Krieg und den anzustrebenden Zielen blieb also ebenso inkonsistent und schillernd wie seine Aussagen zur Zukunft von Wirtschaft und Staat. Für die einen blieb er immer nur ein Großkapitalist, für die anderen war er eine Art Staatssozialist – und alle konnten auf entsprechende Stellen in Rathenaus Schriften verweisen. Dass er Jude war, verstärkte das Misstrauen gegen ihn.

„Der Feind steht rechts“

Nach dem Zusammenbruch der Monarchie 1918 kam die junge Republik aber an jemandem wie ihm und seinen international wertvollen Verbindungen nicht mehr vorbei. Rathenau schloss sich der liberalen, die junge Republik tragenden Deutschen Demokratischen Partei an. Im Mai 1921 wurde er Wiederaufbauminister, im Januar 1922 Außenminister. Er stand für den Kurs der „Erfüllungspolitik“. Dabei ging es darum zu zeigen, dass die Reparationsforderungen der Alliierten beim besten Willen und aller Kooperationsbereitschaft für Deutschland einfach nicht zu erfüllen waren. Damit zog er endgültig den tiefen Hass der nationalistischen, rechtsextremen Kreise auf sich. Diese verachteten die Erfüllungspolitik, waren allein auf Revanche für den verlorenen Krieg aus. Und dann unterzeichnete Rathenau auch noch den Vertrag von Rapallo. „Schlag tot den Walther Rathenau, die gottverdammte Judensau“ – solche Parolen wurden danach an Hauswände geschmiert.

Als Rathenau am 24. Juni 1922 durch die schmale Eingangstür sein Haus in der Koenigsallee verließ, wusste er, dass sein Leben bedroht war. Man hatte ihn immer wieder gewarnt, aber Personenschutz lehnte er ab. Für seine Mörder war er leichte Beute. Junge Rechtsextremisten überholten seinen offenen Wagen, erschossen ihn und warfen eine Handgranate hinterher. Die Nazis verehrten sie später als Helden.

Der Mord an Rathenau wurde zum Weckruf für die Weimarer Republik. Im Reichstag kam es zu Tumulten. Der „Feind steht rechts!“, rief Reichskanzler Wirth. Die „Republik ohne Republikaner“, wie man die Demokratie von Weimar später nannte, raffte sich einmal zu überraschender Einigkeit auf. Schon im Juli 1922 wurde ein „Republikschutzgesetz“ verabschiedet. Dafür gab es im Reichstag sogar die erforderliche verfassungsändernde Zweidrittelmehrheit – zum letzten Mal vor der Machtübernahme Hitlers 1933. Von Hamburg über Breslau und Essen bis München: In vielen Städten kam es zu Trauerkundgebungen. Allein in Berlin sollen eine Million Menschen auf den Straßen gewesen sein, um ihre Trauer, Wut und Solidarität mit der Republik zu bekunden. Der Mann der vielen Eigenschaften bewirkte Erstaunliches, wie einem Journalisten damals auffiel: „Der Leiter eines der größten kapitalistischen Unternehmen der Welt war getötet worden – kommunistische Arbeiter weinten an seinem Grabe und fluchten seinen Mördern.“

Walther Rathenau bleibt noch heute so schwer greifbar, wie er es schon für seine Zeitgenossen war. Aber seine vielen Talente und Fähigkeiten, seine widersprüchlichen, schillernden Züge machen ihn noch immer zu einem Faszinosum. Er war ein herausragender Repräsentant seiner Zeit, einer besonders zerrissenen, dynamischen und dramatischen Phase der deutschen Geschichte. Zugleich war er ein Kritiker dieser Zeit und wurde ihr Opfer. Er war stets tief in ihr verhaftet, aber zugleich außerhalb von ihr. Um es in den Worten eines seiner Biographen „bewusst paradox auszudrücken“: Rathenau war ein „außenstehender Repräsentant“ seiner Epoche.

Dr. Ralf Gebel ist Historiker und lebt in Berlin. Dieser Beitrag unterliegt der Creative Commons Lizenz (CC BY-NC-ND 4.0). Er darf für nicht kommerzielle Zwecke unter Nennung des Autors und der Berliner Zeitung und unter Ausschluss jeglicher Bearbeitung von der Allgemeinheit frei weiterverwendet werden.

Über den/die Autor*in: Ralf Gebel / Berliner Zeitung

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