BILD findet in Davos Kronzeugen für die deutsche Schuld am Ukraine-Krieg

Putins Feldzug gegen die Ukraine sei auch „Merkels Krieg“, schrieb BILD und bezog sich auf Aussagen von George Soros und Bill Browder. Beide wurden ausführlich zitiert.

BILD notierte: „Die europäische Abhängigkeit von russischen Energielieferungen sei ‘größtenteils auf die merkantilistische Politik der früheren Bundeskanzlerin Angela Merkel zurückzuführen’, so Soros. ‘Ich glaube, dass Putin Europa sehr geschickt erpresst hat, indem er damit drohte, den Gashahn zuzudrehen’, fügte Soros hinzu.“

Merkels merkantilistische Politik? Der Merkantilismus war die vorherrschende Wirtschaftsform im 16. bis 18. Jahrhundert, also zur Zeit des Absolutismus. In übertragenem Sinn wird mit „merkantilistisch“ das Ziel umschrieben, die Wirtschaftskraft zu stärken. Seit wann ist das anrüchig?

Was Soros in Davos hinlegte, war eine politisch motivierte Verteufelung deutscher Wirtschaftspolitik der letzten Jahre.

Wohlweislich verschwieg BILD, was genau Soros kritisierte:

“She had made special deals with Russia for the supply of gas and made China Germany’s largest export market. That made Germany the best performing economy in Europe but now there is a heavy price to pay. Germany’s economy needs to be reoriented. And that will take a long time.”

Übersetzung

Sie machte Sonderverträge mit Russland für die Lieferung von Gas, und sie machte China zu Deutschlands größtem Exportmarkt. Das machte Deutschland zur leistungsstärksten Volkswirtschaft in Europa, aber jetzt ist ein hoher Preis zu zahlen. Deutschlands Wirtschaft muss neu ausgerichtet werden. Und das wird lange dauern.

Denn hätte BILD das hinzugefügt, wären sehr wahrscheinlich ihre Leser ins Grübeln gekommen, was Soros mit dem „hohen Preis“ gemeint haben könnte, der jetzt zu bezahlen wäre und vor allem, ob es nicht am Ende bei ihnen hängen bleiben würde und sie zur Kasse gebeten werden.

Die folgenden Charts zeigen im Übrigen sehr eindrücklich die gewaltige Umbauleistung in der Energieversorgung Deutschlands der vergangenen Jahre: den Zuwachs an erneuerbaren Energieträgern, die Senkung der CO2 Emissionen und eine gleichzeitige Steigerung des Bruttosozialproduktes.

Dass diese beachtliche Wohlstandsmehrung nicht gleichmäßig allen Deutschen zu Gute kam, ist eine zentrale soziale Frage, die selbstverständlich bei „Philanthropen“ wie Soros überhaupt keine Rolle spielt.

Unter der Regierung Merkel verteidigte Deutschland seinen Rang als viertstärkstes Land der Welt. Das nehmen hierzulande viele zum Anlass um von mehr „globaler Verantwortungsübernahme“ zu schwärmen. Das wird wohl nichts werden, wenn Deutschland nunmehr tapfer die ökonomischen Grundlagen seiner Wettbewerbsfähigkeit untergräbt.

Auf der Habenseite Deutschlands stehen die gut gebildeten Arbeitskräfte, ihre Ideen, Innovationen, die Forschung und die starke industrielle Tradition, die bis tief in den Mittelstand reicht, ein starkes Bildungs- und Ausbildungssystem, eine gute Infrastruktur und starke Gewerkschaften. Aber an Rohstoffen ist das Land eher arm und vor dem Ukrainekrieg galt als gesichert, dass eine sichere und erschwingliche Energie die Lebensader einer Gesellschaft ist.

Aber Soros reichte der Angriff auf die energiepolitischen Entscheidungen nicht. So wie das dem NATO-Generalsekretär in Davos auch nicht reichte: Es geht perspektivisch um den chinesischen Markt.

Während Präsident Biden darüber nachdenkt, den Handel mit China durch den Abbau von Zöllen der Trump-Ära weiter anzuheizen, schießt man auf die deutsche Präsenz in China. Man darf gespannt sein, ob und wann in Deutschland der Hase im Pfeffer gerochen wird.

Nun hat das World Economic Forum eine gute Tradition, ehemalige Finanzspekulanten und skrupellose Plutokraten zu Kronzeugen der „richtigen“ Politik zu machen, wenn sie ins Stiftungswesen eintreten, sich als Philanthropen, Humanisten oder Menschenrechtsverteidiger präsentieren.

BILD schloss sich dieser Tradition sehr gerne an und untermauerte ihren Merkel-Angriff auch mit Aussagen von Bill Browder.

Dieser war mit 25 Millionen Dollar Startkapital im Russland der 90er Jahre zu Gange und hat dort gierig und lange auch sehr erfolgreich die Goldgräberzeit genutzt: Er wurde Milliardär und später zum Stichwortgeber für die US-Sanktionen gegen Menschenrechtsverstöße in Russland, dem sogenannten Magnitzky Act.

Aber das ist eine eigene Geschichte, die mich an den entzückenden Ringelnatz`schen Reim aus seinem „Hafenlied“ denken lässt:

„… Zwar der Bruder war kein Bruder

Doch die Schwester ist ein Luder…”

Jedenfalls ist Bill Browder seit vielen Jahren selbsterklärter erster Staatsfeind Putins, mit oberem Platz auf der Mord-Liste Putins.

Man muss also dankbar sein, dass er noch nach Davos reisen und dort reden kann, denn wir „wissen“ ja, wie Putin mit seinen Feinden zu verfahren pflegt.

Besagter Bill Browder also wird in BILD mit dem Kommentar zitiert, dass die 5%, zu denen der Westen am Krieg gegen die Ukraine mitschuldig geworden wäre, vor allem an Deutschland lägen. Merkel habe „der Gier der deutschen Konzerne nach billiger Energie und Geschäften mit Russland nachgegeben. Sie hat Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um die Gaspipeline Nord Stream 2 durchzusetzen. Dabei hätte das Pipeline-Projekt einzig und allein ein Ziel gehabt: „die Ukraine zu zerstören““, so Bill Browder.

Das ist bösartig, und es ist himmelschreiender Blödsinn. Aber es passt ins Bild.

BILD kann sich dennoch nicht genau entscheiden: Hat Merkel nun die Tür geöffnet für Putins Energieerpressung, ist sie der Gier der deutschen Unternehmen erlegen oder wollte sie die Ukraine zerstören oder alles zusammen, oder ist sie potentiell auch noch schuld an einem Dritten Weltkrieg, der Soros ebenfalls besorgt (und der deswegen schnell Putin besiegen will)?

Der guten Ordnung halber sei hinzugefügt, dass aus Gründen, die nur Putin selbst kennt, der EU bisher nicht der russische Gashahn abgedreht wurde, aber die EU sehr wohl weiß, dass ihre Sanktionspolitik, die Russland „ruinieren soll“ (Baerbock), von Moskau beantwortet werden könnte/ wird.

Das ist natürlich ein Zustand, der niemanden gefallen kann. Normalerweise war es so, dass der Westen die Sanktionen verfügte und dann die sanktionierten Länder bis ins Mark leiden und sonst niemand. Diesmal ist das anders, Russland ist nicht isoliert, und damit ist diese schöne Ordnung der Dinge von einst auch dahin.

Damit die aktuelle deutsche Regierung trotzdem fein Männchen macht und die deutsche Bevölkerung auf künftiges Leiden einschwört, schlug BILD auf Merkel drauf. (Scholz war ja Mitglied der Merkel-Regierung, Steinmeier früher auch.)

Und ganz nebenbei frönte sie ihrem Russenhass. Schon 2012 machte sie im Blumenstrauß aus Putins Händen für Merkel „charmante Herablassung“ aus. Aber ausweislich BILD stand schon damals das Stimmungsbarometer auf „Eiszeit“.

2021 wurde der Putin-Blumenstrauß (in weiß und rosa) nicht erwähnt.

Diesmal bestand die unerhörte Kränkung unter anderem darin, dass Merkel eine ganze Strophe der deutschen Nationalhymne vor dem Grabmal des unbekannten Soldaten in Moskau („an der Kreml-Mauer“) auszuharren hatte. „Super Bilder für die Putin-Propaganda“, schrieb BILD und vergaß den Anlass des Gedenkens vollständig.

Ich glaube, die meisten Deutschen (Kanzler eingeschlossen) würden sich liebend gerne zig Male die deutsche Nationalhymne anhören, auf Knien den Weg vom nördlichen Eingangstor des Alexandergartens in Moskau bis zum Mahnmal rutschen, oder zur Gedenkstätte Yad Vashem, wenn das die deutsche Geschichte ungeschehen machen könnte. Wenn das möglich wäre.

Möglich allerdings ist, Vergangenes für sich auszulöschen, aus der Erinnerung zu tilgen, sich aus deutscher Verantwortung zu schleichen. Dem hat der russische Angriff auf die Ukraine zweifellos Vorschub geleistet. Was schon vorher nicht ordentlich aufgearbeitet worden war, wird nun noch schwieriger.

Die Tendenz, die Vergangenheit zu begraben oder selektiv zu betrachten, bestand bereits. Jetzt liegt sie nur offener zutage. Jetzt gräbt sich der „Fliegenschiss“ in den Mainstream. So geht „Knallhart Abrechnung“ heute.

Ich finde das hochgefährlich.

Dieser Beitrag ist eine Übernahme aus dem Blog der Autorin, mit ihrer freundlichen Genehmigung. Die Autorin hat zum Beleg ihrer Zitate Links auf bild.de gesetzt, die mit den datenschutzfreundlichen Einstellungen meines Firefox-Browsers nicht zugänglich sind. Sie fehlen darum an dieser Stelle, sind aber in ihrem Blog auffindbar.

Über den/die Autor*in: Petra Erler / Gastautorin

Unter der Kennung "Gastautor*inn*en" fassen wir die unterschiedlichsten Beiträge unterschiedlicher Quellen zusammen, die wir dankbar im Beueler-Extradienst (wieder-)veröffentlichen dürfen. Die Autor*innen und Quellen sind, soweit vorhanden, jeweils im Beitrag vermerkt und/oder verlinkt.