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… und auch demonstrieren – Eine Edition von Ulrich Frey

Am 26. Mai 2022 diskutierten Ulrich Frey und Martin Böttger in der großen Ausstellung zu den Bonner Friedensdemonstrationen der 1980er Jahre im Vorum Viktoriabad aus Sicht der damaligen Veranstalter nicht nur darüber, wie es dazu kam, sondern auch, warum es so friedlich blieb – ganz im Gegenteil zu dem, was die Bonner Bevölkerung, von der lokalen Presse ordentlich aufgeputscht, erwartete. Die von Julia Krings und Michael Stockhausen lebendig moderierte Diskussion litt einmal mehr unter dem mangelnden Interesse insbesondere der jüngeren Bonner Bevölkerung, war aber gerade angesichts der russischen Aggressionen in der Ukraine überaus zeitgemäß. Während der Debatte blieben die Protagonisten strikt bei der Darstellung der historischen Fakten und Zusammenhänge; für die Grundlagen und heutige Folgerungen verwies Ulrich Frey auf sein Buch, das er gerade veröffentlicht hat. Es enthält 28 kürzere oder längere Texte, die im Zusammenhang seiner umfassenden Tätigkeiten für die deutsche Friedensbewegung stehen.

Ulrich Frey war jahrzehntelang Geschäftsführer der Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden (AGDF), die parallel zur Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste (ASF) zu den ersten Bündnissen für Friedens-Aktivist*innen in der Bundesrepublik gehörten. Seine vielfältigen Aktivitäten hat er in einer Synopse am Ende des Buchs zusammengefasst, aus der sich ein spannender Blick auf die Geschichte der 1970er, 1980er und 1990er Jahre destillieren lässt – die drei großen Friedensdemonstrationen in Bonn spielen darin eine eher nachrangige Rolle, sind aber doch der Kern der Wirksamkeit diesen Mannes. Frey ist studierter Jurist und fest in einer protestantischen Theologie verwurzelt, was ihn zu einem Vorreiter der Deeskalationsstrategien zwischen Politik, Polizei und Demonstrant*innen werden ließ, wodurch die Demonstrationen überhaupt erst gelingen konnten. Sie spielen im Rückblick der hier versammelten Texte jedoch eine verhältnismäßig kleine Rolle.

Der älteste Text im Buch stammt aus dem Jahr 1993 und gehört zum zweiten, dem kleinsten Textblock des Buchs, der sich mit zivilen Friedensdiensten beschäftigt und in erster Linie aus Aufrufen besteht, die flämmende Plädoyers für derlei Dienste halten. Der erste Textblock enthält zwölf Betrachtungen zum Verhältnis Krieg / Frieden und protestantische / ökumenische Theologie; sie dienen der Grundlegung einer persönlichen Moral, die die friedenspolitischen Aktivitäten zusammenhält. Man mag diesen Begründungen folgen oder auch nicht, kann aber zur Kenntnis nehmen, dass sie in ihrer rigorosen Haltung jene Ideologeme formen, die sich auch in heutigen Friedens-Debatten zum Ukraine-Krieg und den weltweiten Konflikten wiederfinden.

Von lokalem und historischem Interesse sind dagegen die zwölf verschiedenen Rückblicke, die Ulrich Frey aus unterschiedlichen Anlässen auf die (vornehmlich bundes-)deutsche Friedensbewegung und ihr Agieren speziell in den 1980er Jahren formuliert hat. Hier spiegelt sich bis in landes- und parteipolitische Verästelungen hinein sowie durch Dutzende von Vereinigungen, Aktionsbündnisse und Gruppierungen hindurch eine Subgeschichte des Zeitgeschehens, das an der Schwelle zum historischen Komplex steht, als dem, was dereinst über die Geschichte der späten Bundesrepublik – also dem, was im TV-Sprech immer die „Bonner Republik“ genannt wird – zum gesicherten Wissen gehören wird. Wer sich in diesen Texten zurechtfinden will, sollte öfter die angehängte Synopse konsultieren; sie ist obendrein eine sehr komprimierte Form der Autobiografie, wie man sie von einem durchaus strengen, eben protestantischen Juristen erwarten kann.

Einziger Mangel an diesem façettenreichen Buch: Es fehlen ein Glossar für die Dutzenden von Abkürzungen und ein Register für das Auf- und Abtauchen einzelner Menschen von Bedeutung. So war meine Lektüre doch allzu oft durch heftigen Gebrauch von Suchmaschinen unterbrochen, was den Lesefluss gelegentlich ins Stolpern brachte. Aber für einen sehr speziellen Einblick in die Geschichte der Bundesrepublik und vor allem für einen guten Überblick zu den Friedensaktivitäten der 1980er Jahre ist dies ein unverzichtbares Standardwerk.

Über den/die Autor*in: Rolf Sachsse (Gastautor)

Unter der Kennung "Gastautor*inn*en" fassen wir die unterschiedlichsten Beiträge unterschiedlicher Quellen zusammen, die wir dankbar im Beueler-Extradienst (wieder-)veröffentlichen dürfen. Die Autor*innen und Quellen sind, soweit vorhanden, jeweils im Beitrag vermerkt und/oder verlinkt.

Ein Kommentar

  1. Annette Hauschild

    Schade, dass diese Diskussion so gar nicht beworben wurde. Oder hab ich da was übersehen?

    Wenn man das jüngere Publikum ansprechen will, muß man es auf dem Hofgarten machen, und dahin gehen, wo sich z.B. Fridays for future trifft.

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