Ein Besuch im Darknet ist für Freunde des Nervenkitzels ähnlich spannend wie eine Tour im Free-Fall-Tower im Phantasialand – Warmduscher bleiben zuhause.

Es hat den Hauch des Bösen, des Verruchten, des Kriminellen. Ein Ausflug auf die dunkle Seite mag auf den ersten Blick getragen sein von dem schmerzenden Gedanken die verbotenen Gewölbe des Untergrunds zu betreten. Die schiere Größe ist beeindruckend. Der Vergleich mit einem Eisberg, bei dem das sichtbare Internet nur die Spitze zeigt, wird oft benutzt. Mit der Lust auf Neuland tauchen wir ab, in die phantastischen Tiefen, die das Internet unter der Oberfläche bietet.

Entstanden ist dieses weite Feld, das vor uns liegt, weil es weltweit ein beträchtliches Interesse gibt, sich nicht nur intellektuell auszutauschen, sondern ebenfalls von wirtschaftlichen Interessen angetrieben wird.

Gleichzeitig sorgt das Darknet für ein Stückchen mehr Gerechtigkeit in der Welt. Wo sonst können z.B. afghanische Milizen ihre Feuerwaffen ankaufen? Amerika ist und bleibt Vorbild, dort sind die begehrten Dinge für den täglichen Schusswechsel problemlos im Supermarkt erhältlich.

Eine diskriminierende Ungleichheit empfinden islamische Glaubensverfechter, wenn sie im eigenen Land vor der Aufgabe stehen, aufständische Frauen zurückzuhalten, aber geeignete Verteidigungsmittel Mängel aufweisen.

Glücklicherweise gibt es Anbieter mit prall gefüllten Warenkörben, die aushelfen können – auch wenn sie keinen Supermarkt betreiben. Hinzu kommt, dass zu bestimmten Zeiten hochmoderne Systeme auf den Markt kommen – aber leider auch sehr schnell vergriffen. Der Markt ist groß und die Anbieter so vielfältig, wie die Qualität des Kriegsgerätes.

Derzeit steht modernes westliches Waffengut aller Art zu Verfügung, das schon auf dem Weg in die Ukraine geeignete Betreuer gefunden hat. Betreuer, die wissen, welcher Marktplatz die feinsten Ergebnisse verspricht – solvente Kunden sind reichlich an der Zahl, was, ganz nebenbei, einen direkten Einfluss auf die individuelle Preisgestaltung hat.

Den Kreuzungspunkt finden wir im Packeis unter der Spitze des Eisbergs – es wäre allerdings der völlig falsche Ansatz, das Darknet als reinen Handelsplatz für Militaria zu betrachten. Hier gibt es alles, was im Supermarkt um die Ecke offiziell keine Abnehmer findet.

Fündig wird zum Beispiel, wer auf eine bewusstseinserweiternde Medikation angewiesen ist. Ebenfalls hat sich ein sehr umfangreiches Entertainment etabliert. Für den Fall, dass Katzenvideos langweilen, bieten einschlägige Kanäle echte Leckerbissen in Bild und Ton von Menschen jeden Alters in eher sehr ungewöhnlichen, teils auch verstörenden Situationen und Positionen.

Hilfreich sind auch Seiten der Rubrik „Hilfe zur Selbsthilfe“, auf denen sogar technisch weniger versierten Usern Grundlagen und praktische Anweisungen zu vielen Herausforderungen geboten werden, die im täglichen Leben weniger oft nachgefragt werden.

Große Nachfrage unter den Geheimdiensten der Welt haben die Angebote zu Sicherheitslücken in Mircosoft-Produkten. Vorzugsweise diese, die noch von keinem der Schlangenölherstellern katalogisiert wurden. Unsere Steuergelder sind bei der russischen Internetmafia sogar gut angelegt. So lange die Lücken geheim bleiben – und das sollte bei Geheimdiensten selbstverständlich sein – ist der Zugriff auf sicherheitsrelevante Daten bei befeindeten Freunden ungesehen möglich. Ich habe mir allerdings (leider aus einer nicht ganz zuverlässigen Quelle) sagen lassen, dass Geschäft floriere momentan nicht mehr in Gänze. Es sei eine saisonale Schwankung, weil die Führung in Moskau derzeit sehr viele Staatsaufträge vergebe und die personellen Ressourcen begrenzt seien.

Naive Geister fordern, die Geheimdienste sollten dem Softwarehersteller unmittelbar die Lücken melden – das allerdings wäre Verschwendung von Steuergeld. Mit gleichem Recht könnte gefordert werden,  Sicherheitslücken an Microsoft zu melden, die die Geheimdienste selbst gefunden haben. Aber geheim bleibt geheim – so viel Vertrauen sollten wir haben.

Regelmäßig wird die Angebotspalette um üppig gefüllte Datenbanken erweitert, die sehr viel Detailwissen über Einzelpersonen zur weiteren Verwertung bereit halten oder nützliche Programmroutinen, die zum Erschließen von Datenquellen – und somit Einnahmequellen – genutzt werden können. OpenSource-Programme oder Freeware gibt es leider nicht, dafür aber kostengünstige Probeangebote.

Weil wir jetzt so viel über die Inhalte wissen, gibt es sicherlich die eine oder den anderen, der/die jetzt endlich in Ruhe die Kinderpornos runterladen will oder zum nächste Besuch bei der Bank die passende Knarre braucht.

Mit einer Suche bei Tante Google: „darknet, kalaschnikow günstig kaufen“ stoßen wir definitiv auf keinen seriösen Anbieter. Google hat keine Suchalgorhythmen, die helfen würden – wie alle anderen Suchmaschinen auch. (Übrigens: einfach mal eingeben, ist lustig…)

Wie wir über das Tor-Netzwerk die Suchmaschinen im Darknet finden und wie wir mit unseren wertvollen Bitcoins ungestört unsere Begehrlichkeiten befriedigen können, das hält nächste Folge unseres Kompendiums Digitale Brutale bereit.

Über den/die Autor*in: Christian Wolf

Christian Wolf (M.A.) ist Autor, Filmschaffender, Medienberater, ext. Datenschutzbeauftragter. Geisteswissenschaftliches Studium (Publizistik, Kulturanthropologie, Geographie), freie Tätigkeiten Fernsehen (RTL, WDR etc.) mit Abstechern in Krisengebiete, Bundestag Bonn und Berlin, Dozent DW Berlin (FS), Industriefilme (Würth, Aral u.v.m), wissenschaftliche und künstlerische Filmprojekte, Projekte zur Netzwerksicherheit, Cloudlösungen. Keine Internetpräsenz, ein Bug? Nein, Feature. (Digtalpurist)