Wer (so wie ich) als Endmoräne von 1968 groß geworden ist und intellektuell in die 1980er Jahre hineinwuchs und auch nicht unmittelbar auf Foucault oder Derrida anspringen wollte, hatte wenig Auswahl bei der Suche nach geistigen Vorbildern. Da waren noch übrig: Walter Benjamin – und mit ihm das, was noch interessant war an der Frankfurter Schule – oder auch Antonio Gramsci, der der westdeutschen Linken damals etwas mehr zu versprechen schien als die SPD, aber auch etwas anderes als der dogmatische Realsozialismus-Marxismus.

Tatsächlich habe ich selbst in Italien studiert – als früher Erasmus-Stipendiat – und irgendwie die Überreste davon mitbekommen, was Gramscis „organischer Intellektueller“ hätte sein sollen, nämlich ein Intellektueller/eine Intellektuelle, die nicht abgehoben in ihrer Bücherwelt lebt, sondern als Lehrerin, Arzt, Rechtsanwältin, Arbeiterpriester oder Stadtverordneter viel weiß vom Leben in den Vorstädten und Fabriken, und der/die hier auch den positiven Kontakt hat und Nöte aufgreift und artikuliert.

Ich habe auch mitbekommen, wie sehr das in einer breiteren Bevölkerung akzeptiert und gewünscht war. Es war klar: Da gab es Leute, die hatten studiert und wollten und konnten helfen, wenn man/frau selbst nicht so gewandt war im Umgang mit den Arbeitgebern und Bürokratien. Und irgendwie verlässlich waren sie auch.

Das war der Gramscianismus in seinem Kern. Aber in den 1980ern war es auch eine Art Endgefühl, spätestens seit der Ermordung von Aldo Moro 1978, der ein christdemokratisches Komplement zum Gramscianismus hätte sein können („Historischer Kompromiss“) – etwas, das dann mit dem Machtantritt Berlusconis 1994 auch medial ganz brutal gekillt wurde.

Zum Niedergang Gramscis gehörte auch Peter Glotz, der ihn für die SPD in Deutschland in Ihrem Kampf gegen Helmut Kohl nutzen wollte und der Gramscis „kulturelle Hegemonie” in „Meinungsführerschaft“ umtaufte, sonst hätte das ja keiner verstanden. Dieser sozialdemokratische Gramsci war nett und harmlos, mehr ein Versuch, die rosaroten Blumen der damaligen europäischen Linken auch bei der SPD blühen zu lassen.

Nicht so harmlos war der Gramsci der Neurechten in Europa um Alain de Benoist. Der versuchte, die Idee der kulturellen Hegemonie für rechtspopulistische und neofaschistische Projekte auszunutzen – was sich heute zu einer allgemeinen Hintergrundtheorie für die Rechtspopulisten ausgewachsen hat. Nicht ganz unähnlich waren Versuche, Gramsci für einen Linkspopulismus zu nutzen. Dabei kam es zu kruden Mischungen mit Carl Schmitt. Kulturelle Hegemonie sollte rund um ein Freund/Feind-Denken aufgebaut werden, etwa bei Chantal Mouffe. Sahra Wagenknecht wäre eine deutsche Variante hierzu.

Neuerdings gibt es aber wohl auch einen „liberalen Gramsci“, jedenfalls wenn man dem FDP-Minister Marco Buschmann glauben darf. Er will den „liberalen organischen Intellektuellen“, der sich dem Volk zuwendet und dort Gehör findet. Mir schwant nichts Gutes. Buschmann meint das, was Gerhart Baum als neuen Populismus der FDP kritisiert, vor allem in der Corona-Politik, aber auch in manch anderem Versuch, sich als AfD-light zu gerieren.

Da sage ich nur: Weia Antonio, wenn Deine von Pasolini besungene Asche in ihrer Urne rotieren könnte, sie würde es heftig tun. Wozu ist Antonio Gramsci – dieser luzide, hochsensible und tragisch gestorbene Intellektuelle – nicht alles missbraucht worden. Eigentlich müsste man/frau einmal in gesammelter Form tabula rasa machen mit all den absurden Fehlinterpretationen, die im Umlauf sind.

Aber mir kommt auch ein anderer Gedanke. So viel ich weiß, hat Robert Habeck bisher nichts zu Gramsci gesagt (?). Muss er auch nicht. Aber er wäre einer der gegenwärtig ganz wenigen Intellektuellen, der einen Anhauch von dem verkörpert, was man in breiten italienischen Bevölkerungsschichten in den Jahrzehnten nach dem 2. Weltkrieg von einem Intellektuellen tatsächlich erwartet hat: Jemand, der sich kümmert, erklärt, Widersprüche darstellt und der glaubhaft und nicht populistisch vereinfachend herüberbringt, wie schwierig es ist, in der Politik das Richtige zu tun.

Vielleicht liegt hier ja ein role model dafür, was ein Intellektueller/eine Intellektuelle heute sein kann. Da muss man gar nicht komplizierte Gramsci-Theorien bemühen. Wenn man es dennoch tun will – und es mit einem gewissen Tiefenblick tut – würde es auch nicht schaden. Bei der FDP sehe ich jedenfalls nichts, was mich irgendwie an Gramsci erinnert.

Friede seiner Asche!

Bezugnahme auf “Wie Marco Buschmann zum Kampf um kulturelle Hegemonie aufruft.” von Mark Siemons/FAZ (Paywall)

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Über den/die Autor*in: Reinhard Olschanski (Gastautor)

Geboren 1960, Studium der Philosophie, Musik, Politik und Germanistik in Berlin, Frankfurt und Urbino (Italien). Promotion zum Dr. phil. bei Axel Honneth. Diverse Lehrtätigkeiten. Langjährige Tätigkeit als Wissenschaftlicher Mitarbeiter und Referent im Bundestag, im Landtag NRW und im Staatsministerium Baden-Württemberg. Zahlreiche Veröffentlichungen zu Politik, Philosophie, Musik und Kultur. Mehr über und von Reinhard Olschanski finden sie auf seiner Homepage.