Der traditionelle Industrialismus ist in vielen entwickelten Ländern bereits Geschichte. Die alten Industrien schrumpften. In den entwickelten Ländern künden oft nur noch rust belts von ihnen. Teile der Produktion wurden in den globalen Süden verlagert. Gleichzeitig dehnte sich der nicht-industrielle tertiäre Sektor aus. Und die verbliebenen Industrien veränderten mit der Automatisierung und Digitalisierung ihr Gesicht. Die industrielle Welt ist in einem tiefen Umbruch – eine Situation voller Chancen und Probleme.

Die Ökologisierung ist eine der großen Chancen. Und ihr Ausbleiben eine der großen Gefahren. Die grünen Parteien wissen das. Und auch traditionelle Akteure und Parteien aus der alten Trias von Konservatismus, Liberalismus und Sozialismus modifizieren inzwischen ihre Positionen. Ökonomie und Ökologie werden dabei nicht länger als strikter Gegensatz, sondern eher additiv gefasst, meist in der halbherzigen Form, wonach Ökologie eben auch noch zur Ökonomie hinzukommen sollte – wo es denn möglich ist. Dabei hätten auch die traditionellen Parteien gute Chancen, den ökologischen Anspruch viel radikaler zu formulieren. Konservative könnten sich auf den vergessenen Anspruch eines „Erhalts der Schöpfung“ besinnen. Liberale könnten die Marktkräfte identifizieren, die eine ökologische Wende vorantreiben. Und Sozialisten könnten das Akkumulationsregime kritisieren, das einer solchen Wende entgegensteht.

Es geht darum, die Stellschrauben so zu verändern, dass die Ökologisierung zu einem entscheidenden inneren Vektor von Wirtschaft und Industrie wird – das Feld, auf dem der Wettbewerb um die Techniken und Produkte von Morgen ausgetragen wird, und nicht bloß ein Nebenschauplatz, der nur additiv in Betracht gezogen wird. Kluge Unternehmer und weitblickende Gewerkschafter haben diese Aufgabe längst begriffen. Auch für viele Wissenschaftler und Ingenieure ist der Anspruch der Ökologisierung längst Teil ihres Berufsethos. Sie sind deutlich weiter als die Parteien des alten Industrialismus.

Extraktivismus und Zombie-Industrialismus

Doch inzwischen gibt es neben Ökologismus und Altindustrialismus noch eine dritte Position. Sie will die These vom Gegensatz Ökologie oder Ökonomie nicht überwinden oder abschwächen, sondern zuspitzen und brutalisieren. Sie will ökologische Ansprüche mit einem Zombie-Industrialismus übertrumpfen und konterkarieren. Mächtige Vertreter dieser Politik saßen in der Trump-Administration und sitzen in den Administrationen anderer populistisch und autoritär regierter Länder. Und zahlreiche weitere Vertreter rüsten sich weltweit für einen antiökologischen roll back. Populisten machen sich zu Lautsprechern der Kohlenstofflobby und des ungezügelten „Drill, baby drill!“. Sie kämpfen für einen radikalisierten Extraktivismus und gegen die Dekarbonisierung der Wirtschaft. Kein Wunder, das Putins Russland, dessen Exporteinnahmen ganz weitgehend auf dem Extraktivismus gründen, ihnen großzügige Unterstützung gewährt. Und eine industrialisierte Landwirtschaft und Massenviehhaltung im Gefolge trägt das ihre zum Klimawandel und zum größten Artensterben seit dem Ende der Dinosaurier bei. Ein Bündnis für Demokratie und Nachhaltigkeit und gegen die neuen Barbaren aus Extraktivismus und Zombie-Industrialismus ist eine der großen Aufgaben unserer Zeit. Dabei ist auch darauf zu achten, dass die Energieschwierigkeiten, die aus Putins Krieg resultieren, dieser Gruppe gerade keinen zusätzlichen Auftrieb gibt. Bei allen kurzfristigen – und für ÖkologInnen sehr schmerzlichen – Massnahmen zur Überbrückung von Energielücken gilt es, die Energiewende dramatisch zu beschleunigen. Wir sehen erst jetzt in aller Deutlichkeit, was in den letzten Jahren verschlafen worden ist.

Doch auch die soziale Frage erscheint vielerorts wieder als ein vernachlässigbarer Faktor. Auch etwa beim Abbau Seltener Erden in Ländern des Südens, wo archaisch ausgebeutete Arbeitskräfte Grundstoffe für die avancierten Produkte der High-Tech-Länder fördern. Und auch in den reichen Ländern wird wieder völkisch differenziert und ausgegrenzt. Die „Fremden“ sollen raus, damit für das „eigene Volk“ genug übrig bleibt. Nicht nur die Mensch/Natur-, sondern auch die Mensch/Mensch-Beziehung wird brutalisiert. Aber gibt es hier einen tieferen Zusammenhang? Ist es Zufall oder hat es Methode, dass beide Brutalisierungen heute zusammenfallen?

Noch einmal Herr/Knecht

Zur Antwort lohnt ein erweiterter Blick auf Hegels Herr/Knecht-Dialektik. Die Abstraktion von der Widerständigkeit der Dinge, mit der ja auch die ökologische Frage aus dem Blick gerät, erweist sich bei Hegel als Teil einer sozialen Beziehung. Es handelt sich um den Standpunkt des Herrn, der, anders als sein Knecht, mit der konkreten Einarbeitung der Zwecke in die Dinge nicht viel zu tun hat. Hegels Herr ist kein innovativer Unternehmer, sondern einer, der – wie einst Sklavenhalter und Feudalherren – Mensch und Natur gewaltsam knechten und unterwerfen will. Tatsächlich ist die archaische Unterwerfung von Mensch und Natur in der Moderne nicht einfach verschwunden. Sie war sogar Teil ihrer Heraufkunft in der sogenannten „ursprünglichen Akkumulation“. Der Kolonialismus, die Geschichte der Sklaverei in den USA oder die Arbeitsbedingungen in vielen heutigen des globalen Südens sind weitere Beispiele dafür. Ebenso die – von Ernst Jünger bewunderte – Militarisierung von Arbeit in der Stalinschen Industrialisierung. Oder ihrer Militarisierung im Nationalsozialismus, der an einer industriellen „Arbeitsfront“ mit der Natur kämpfte, wo er nicht eine Vernichtung von Leben durch Arbeit praktizierte.

Der Zombie-Industrialismus unserer Tage verbindet ökologische und soziale Rücksichtslosigkeit mit besonderen Feindbildkonstruktionen und Gewaltphantasien. Ökologische Aktivisten werden nicht mehr nur als naive „Postmaterialisten“ verniedlicht, sondern sollen nun „Klimanazis“ sein, wie eine deutsche Populistin es formulierte – Ausgeburten des Bösen, die zusammen mit Migranten, Flüchtlingen oder Muslimen verdrängt und ausgegrenzt werden müssen. Der brasilianische Präsident Bolsonaro, der mit einer rücksichtslosen Politik der Abholzung und Brandrodung die verbliebenen Regenwälder bedroht, schlug in die gleiche Kerbe, als er unterstellte, dass Umweltschützer die brasilianischen Urwälder angezündet hätten.

Ein populistisch bemäntelter und befeuerter Industrialismus rüstet so zu seinem Endkampf. Er will weiterhin alle ökologischen und sozialen Gestehungskosten aus den eigenen Kosten herausrechnen. Mit der Art, wie er Natur zerstört und Gesellschaften spaltet und desintegriert, folgt er dem Prinzip „Nach mir die Sintflut“: Die Umwelt und die Nachwelt sollen bezahlen! Für den kurzfristigen Profit riskiert er so das Ende der Welt, wie wir sie kennen. Deshalb macht er einen Widerstand erforderlich, der soziale, wirtschaftliche und ökologische Vernunft engagiert zusammen bringt. Ein Bündnis für Demokratie und Nachhaltigkeit und gegen die neuen Barbaren aus Autoritarismus, Extraktivismus und Zombie-Industrialismus ist eine große Aufgabe unserer Zeit.

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Über den/die Autor*in: Reinhard Olschanski (Gastautor)

Geboren 1960, Studium der Philosophie, Musik, Politik und Germanistik in Berlin, Frankfurt und Urbino (Italien). Promotion zum Dr. phil. bei Axel Honneth. Diverse Lehrtätigkeiten. Langjährige Tätigkeit als Wissenschaftlicher Mitarbeiter und Referent im Bundestag, im Landtag NRW und im Staatsministerium Baden-Württemberg. Zahlreiche Veröffentlichungen zu Politik, Philosophie, Musik und Kultur. Mehr über und von Reinhard Olschanski finden sie auf seiner Homepage.