Mein Selbstversuch mit vielen Verspätungen – Der Bruder will nach Frankreich. Doch unser Autor, 69 Jahre alt, fliegt nicht mehr. Er bucht eine Zugreise – und lernt, wie kompliziert die Verkehrswende ist. Wundersame Bahn CXI

Mein Bruder fragt mich Ende Januar, ob ich mit ihm in Korsika eine Woche wandern würde. Eine gute Idee, finde ich, eine schöne Insel, aber ich wollte doch nicht fliegen. Also schlage ich vor, nach Südfrankreich zu fahren, in den Seealpen soll es auch schön sein zum Wandern. Wir einigen uns schnell auf die erste Juniwoche, mein Bruder bucht einen Flug. Von Köln/Bonn nach Nizza für 90 Euro, hin und zurück. Ich könnte ja vorher aus Berlin für 60 Euro zu ihm fliegen, schlägt er vor.

„Nein“, sage ich, „ich wollte doch nicht fliegen.“ Also fange ich an, Bahnverbindungen zu suchen, man soll ja rechtzeitig buchen, um sich günstige Angebote zu sichern. Anfang Februar ist es dafür aber zu früh, wie sich herausstellt: Die Strecken mit der Deutschen Bahn kann ich buchen, aber nicht die im Ausland. „Wenden Sie sich bitte an ein Reisezentrum der Deutschen Bahn“, ist auf der Internetseite zu lesen.

Dort frage ich nach, um die Auskunft zu erhalten, dass sie auch nichts tun können, wenn im Internet nichts angeboten wird. Nun gut – ich sehe im Internet auf den Seiten der Schweizer Bahn und der französischen SNCF nach, um so formidable Verbindungen zu finden wie 17 Stunden Gesamtfahrzeit, in Lyon umsteigen, Ankunft dort morgens um drei, Weiterfahrt um sechs. Oder über Paris, Ankunft aus Deutschland am Gare de l’Est, Weiterfahrt vom Gare de Lyon, dazwischen eine Stunde Fußmarsch, es sind fünf Kilometer.

Liegewagen Berlin–Paris, eine aufregende Erinnerung

Ich beschließe, lieber meine Tochter in Basel zu fragen, ob ich dort übernachten kann, das liegt ja auf dem Weg. „Na klar“, sagt sie, „ich hole dich vom Bahnhof ab.“ Das Ticket kann ich schon Anfang Februar buchen. Damit ich nicht jeden Tag im Netz wühlen muss, um die weiteren Verbindungen zu suchen, nehme ich den Ratschlag eines Freundes an und beauftrage ein bahnerfahrenes Reisebüro.

Am 4. Juni will ich morgens in Basel los, damit ich am Nachmittag in Nizza ankomme. Weil mein Bruder mit dem Flugzeug schon mittags da ist, holt er den Mietwagen ab und würde mich am Bahnhof aufgabeln. Zurück möchte ich mit dem Nachtzug von Zürich nach Berlin fahren. Nachtzüge – eine alte Erinnerung an den Liegewagen von Berlin nach Paris, der mich als Jugendlicher zu diesem aufregenden Ziel brachte.

Das Ticket für den ÖBB Nightjet von Zürich nach Berlin konnte ich im „Kopfbahnhof“ direkt mitnehmen. Der Name des Reisebüros sei hier erwähnt, ich fand es hilfreich dort. Die anderen Verbindungen würden sie mir raussuchen, sobald sie zur Verfügung stehen, und mich dann benachrichtigen.

Nach Ostern wurde ich doch ein klein wenig nervös, weil sie sich nicht gemeldet hatten, aber Anfang Mai war alles gebucht. Meine Ankunftszeit in Nizza sollte 18.37 Uhr sein. Frühere Ankunftszeiten waren von Basel aus nicht möglich, es sei denn, man wollte schon nachts losfahren. Mein Bruder meinte, das sei kein Problem, die anderthalb Stunden Fahrt ins Gebirge zu unserem Appartement würden wir schaffen.

Am 3. Juni fahre ich in Berlin los. Ich verlasse die Wohnung extrafrüh, um auf dem S-Bahnhof die Ansage zu hören, dass es eine technische Störung gebe. Auch der nächste Zug fällt aus. Die dritte Bahn hat keine technische Störung, ich komme fünf Minuten vor Abfahrt meines Zugs nach Basel am Südkreuz an. Der Zug fährt pünktlich los. In Frankfurt haben wir dann 15 Minuten Verspätung. Die Ansage der weiteren Zugverbindungen erwähnt, dass der TGV nach Paris nicht wartet. Meine bahnerfahrenen Mitreisenden meinen, dass man den nie kriege, weil der TGV halt pünktlich sei, die Deutsche Bahn aber nicht.

Anschlusszug: gestrichen, Verspätungen: Dauerzustand

In Mannheim muss ich umsteigen. Dort haben wir dann eine Stunde Verspätung, wegen „einer Baustelle“, laut Ansage. Meine Mitreisenden: „Ja, ja, die gibt es schon seit einem Jahr!“ Mein Anschlusszug ist gestrichen – wegen allgemeiner Verspätungen an dieser Baustelle. Der nächste Zug Richtung Zürich nimmt mich nach Basel mit. Dort bin ich mit mehr als einer Stunde Verspätung.

Am nächsten Morgen geht es zur angesagten Zeit los Richtung Nizza. Zunächst von Basel nach Mühlhausen, dann von Mühlhausen nach Aix-en-Provence. Die Anschlüsse klappen, in Aix-en-Provence habe ich etwa 45 Minuten Aufenthalt und lerne eine neue Art des Warteraums kennen: die nach außen gerichtete, luftige Lounge mit bequemen Liegesesseln und Blick in die Landschaft. Über den Gleisen eine Brücke mit Graffiti-Kunst, als Ausstellung gestaltet, mit Infotafeln. Der Bahnhof gefällt mir außerordentlich gut, eine moderne Holz-Stahl-Konstruktion.

Der TGV, mit dem ich weiterfahre, sieht allerdings recht unscheinbar aus, wie wohl alle TGV. Er ist voll, gut, dass ich reserviert habe, aber ohne Reservierung kommt man eh nicht mehr mit. „Ist es besser, wenn ich meinen Koffer mit einer Kette festbinde?“, frage ich meine ältere Sitznachbarin. Sie zuckt die Achseln. Die dahinter sitzende Dame beugt sich vor: „Auf jeden Fall, wir fahren ja nach Marseille!“ Mein Koffer passt nicht in das Ablagefach über den Sitzen, ich lege ihn an die Kette bei den anderen, nicht angebundenen. Ich hatte den Tipp mit dem Anbinden des Koffers in Berlin erhalten. Die Kofferablagen sind vom Sitzplatz aus nicht zu sehen.

In Marseille sind wir noch pünktlich, dann wird es langsam. Der vor uns fahrende Zug hat ein technisches Problem. Nun, Langsamkeit ist entlang der Mittelmeerküste durchaus von Vorteil, man sieht das Meer, die Buchten und Strände. Die Ansagen über die Entwicklung der Verspätung sind klar und verständlich. Ich erreiche Nizza mit etwa einer Stunde Verspätung. Mein Bruder ist natürlich schon da und schlägt vor, erst mal zum Strand zu fahren, um rasch zu baden. Tolle Idee, hätte von mir sein können.

Das Ticket gibt es nur am Bahnhof in Nizza

Am 11. Juni fahren wir zurück nach Nizza. Der kleine Mietwagen hat im Gebirge keine Mühe, schon gar nicht, wenn es bergab geht mit meinem Bruder am Steuer. Die vielen Kurven erfordern allerdings ihre Zeit. Eine Viertelstunde vor Abfahrt sind wir am Bahnhof. Ich muss noch eine Fahrkarte von Nizza nach Ventimiglia kaufen. Dieses Ticket konnte mir das Reisebüro vorher nicht besorgen. Die Schlange am einzigen Fahrkartenschalter ist etwa 50 Meter lang. Das ist in 15 Minuten nicht zu schaffen, aber es gibt ja noch Fahrkartenautomaten, dort sind die Schlangen kürzer.

Eine nette Dame erklärt mir, wie sie im Wesentlichen funktionieren. Es muss klappen, ohne Fahrschein kommt man nicht auf die Gleise. Ist das dem Terroranschlag in Nizza geschuldet oder Standard in Frankreich? Meinen Bruder hatte es nicht daran gehindert, mich auch ohne Ticket auf dem Bahnsteig abzuholen. Ich kam jedenfalls nicht durch die Schranke: Ich hatte zwar die richtige Karte ausgedruckt, aber nicht rechtzeitig meine EC-Karte zum Bezahlen in den passenden Schlitz gesteckt. Zum Glück sagte mir ein freundlicher Servicemitarbeiter, dass ich es noch mal versuchen müsse. Wieder anstehen, diesmal schneller die EC-Karte in den Schlitz.

Auf einer kaum leserlichen Infotafel, von der Sonne beschienen, identifiziere ich das richtige Gleis. In Ventimiglia umsteigen. Der Zug ist rappelvoll, ich finde einen Platz und habe ein nettes Gespräch mit zwei Kanadiern auf Europa-Reise, die nach Sizilien wollen. Leider steigen sie in Genua aus. Nun wird es noch voller und ich werde von meinem Platz verdrängt, von netten deutschen Mädchen, die eine Platzkarte haben. Ich hatte doch auch eine Reservierung. Aber wo ist mein Platz? Zum Glück nicht weit, schon im nächsten Waggon, aber mit Rucksack und Koffer kommt man kaum durch die engen Gänge. Nun muss ich wiederum denjenigen vertreiben, der auf meinem Platz sitzt.

Maskenpflicht gab es in der Schweizer Bahn und bei der SNCF nicht, in Italien dafür nach jeder Station die Ansage, dass man Maske zu tragen hätte, bei Nichtbeachtung werde die Polizei den Fahrgast am nächsten Bahnhof raussetzen. Das alles klar und deutlich in drei Sprachen. Richtung Mailand rast der Zug, wird dann immer langsamer. Die Ansagen verstehe ich nur so weit, dass es eine Verspätung geben wird. Zunächst sind es nur 15 Minuten, exakt meine Umsteigezeit in Mailand, um den Zug nach Zürich zu erreichen. Meine Nervosität steigt.

Ich stelle mich an die Tür, um notfalls spurten zu können. Neben mir ein Deutscher mit Wohnsitz in Zürich, der weiß, dass es auch drei Regionalzüge gibt, die von Mailand nach Zürich fahren. Ein wertvoller Hinweis, wenn ich auch unser sonstiges Gespräch eher kurios finde: Er habe sich in der Nähe von Zürich ein Haus gekauft mit einem Atombunker im Garten. Es werde ja bald Bürgerkrieg geben.

Wer nur eine Direktfahrt bucht, hat deutlich weniger Stress

In Mailand angekommen, stürmt er sofort los, er hat nur einen Rucksack, ich bin mit meinem Rollkoffer langsamer. Trotzdem höre ich noch die Worte eines Servicemitarbeiters, der ihn auf den Regionalzug nach Locarno verweist. Ich folge, nehme aber ein anderes Abteil und verpasse auch meinen Umstieg in Lugano nicht, weil die Schweizer Bahn immer pünktlich ist, wie mir gesagt wurde. Um 18.55 Uhr bin ich in Zürich, nur 28 Minuten nach Plan mit dem EC, der durch den Gotthardtunnel gefahren wäre. So hatte ich einige schöne Passagen an den Schweizer Seen vorbei. In Zürich ist genug Zeit, um einen Imbiss zu mir zu nehmen.

Der Aufenthalt auf dem Bahnhof verlängert sich. Der ÖBB Nightjet nach Berlin kann leider nicht fahrplanmäßig bereitgestellt werden, es gibt ein „technisches Problem“. Die Sache mit den Verspätungen kommt mir inzwischen bekannt vor. Bereitstellung in ca. 40 Minuten. In Basel ist es dann eine Stunde Verspätung.

Das mitreisende Pärchen im Liegewagenabteil ist nett und unkompliziert, sie haben eine Zugreise nach Sizilien hinter sich, mit Aufenthalt in Rom. „Wenn man nur eine Direktfahrt bucht, hat man keine Probleme mit Zugverspätungen“, sagen sie. Die Fahrt im Liegewagen ist trotz großer Hitze erträglich, blöd nur, dass in Frankfurt, das heißt mitten in der Nacht, jemand zusteigt, der zwei Cellos dabeihat, die auf die beiden mittleren Liegen bugsiert werden müssen, die normalerweise im Liegewagen nicht mehr belegt werden.

Ich schlafe nicht, aber allemal besser, als die ganze Strecke im Sitzen zu verbringen. Zum Frühstück gibt es sogar zwei Brötchen, Butter, einen kleinen Becher Marmelade und Tee oder Kaffee zur Auswahl. Das ist eine nette Überraschung. In Berlin angekommen, bleibt es bei der Stunde Verspätung – ich glaube, es waren 59 Minuten, sodass kein Erstattungsantrag möglich ist. Diesmal fuhr die S-Bahn pünktlich und ohne Zugausfall, sodass das Ankommen stressfrei war.

Mein Fazit: Wenn man keinen Anschlusszug braucht, ist die Unpünktlichkeit zu verschmerzen. Wenn man jedoch wegen der Anschlüsse hektisch auf den jeweiligen Bahnseiten wühlt und sich auf sein Smartphone konzentrieren muss, statt sich die Landschaft anzusehen, dann wird das angenehme Reisen mit der Bahn zu einem unangenehmen Erlebnis.

Mitreisende sind meist hilfreicher als das oft nicht aufzufindende Bahnpersonal. Solange noch Verbindungen angeboten werden, die fünf Kilometer Fußmarsch durch Paris als schnellste Verbindung beinhalten, und der ganze Reisespaß statt 150 Euro mit dem Flugzeug mich mehr als das Dreifache, nämlich 560 Euro kostet, ist es bis zur Mobilitätswende in Europa noch ein langer Weg.

Erwähnt sei auch: Der Rückflug meines Bruders nach Köln/Bonn fiel aus. Er flog nach Düsseldorf und hatte große Mühe, dort einen Zug nach Bonn zu finden. Auf dem Bahnhof herrschte Chaos, alle Züge waren verspätet oder fuhren auf anderen Gleisen, weil das 9-Euro-Ticket einen Run ausgelöst hatte, der die Bahn zumindest an diesem Tag völlig überforderte. Wenn Fliegen mit langen Wartezeiten und Flugausfall verbunden ist, dann muss es nur noch deutlich teurer werden, damit die Bahn attraktiver wird – und wenn sie dann noch pünktlich käme.

Der Autor, 69 Jahre alt, ist Rentner und Teilzeit-Hausverwalter in Berlin. Dieser Beitrag unterliegt der Creative Commons Lizenz (CC BY-NC-ND 4.0). Er darf für nicht kommerzielle Zwecke unter Nennung des Autors und der Berliner Zeitung und unter Ausschluss jeglicher Bearbeitung von der Allgemeinheit frei weiterverwendet werden.

Über den/die Autor*in: Martin Domschat / Berliner Zeitung

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