Ich war 9, als die erste Fernseh-WM stattfand. Im sozialdemokratisch regierten Grossbritannien, vor Thatcher und weiteren Grausamkeiten, die das Land ruinieren sollten. Das zweite deutsche Gruppenspiel gegen Argentinien lief im Zweiten. Das ging auf unserem von den Grosseltern geerbten Fernseher nicht. Wir hatten nur ein Programm, mussten also runter zu unseren Vermietern, die übrigens lustigerweise Höttger hiessen. Es entstand eine regelrechte Pogromstimmung gegen Argentinier – es wurde viel gefoult, ein hässliches Spiel, das 0:0 endete.

Dafür brauchten wir keinen neuen Fernseher. Gegen Uruguay drohte es später ähnlich zu laufen. Der Schiri stellte zwei Urus vom Platz; 11 gegen 9 endete 4:0, aber Sympathien für Südamerikaner konnten nicht entstehen (Brasiliens Pelé wurde seinerseits bei dieser WM kaputtgetreten). Und am Ende wurde England Weltmeister gegen “unsere”, vor allem “Uns Uwe”, durch ein fälschlich gegebenes Tor sowie ein weiteres irreguläres (zwei Personen liefen illegal übers Spielfeld; Axel Springer jr., der später Selbstmord beging, wies alles in einem umfangreichen Fotoband nach).

Wie komm ich drauf? Seit gestern Abend steht fest: das Wembley-Finale wird wiederholt, am Sonntag um 18 h, von den Frauen. Zwei Teams treffen aufeinander, die am unbarmherzigsten – oder wahlweise am coolsten – ihre Torchancen nutzten. Spielerisch beeindruckendere Teams wie Frankreich oder Spanien waren durch Ausfälle starker Spielerinnen geschwächt, und brauchten zu viele Chancen für ihre Tore. An der Performance des DFB-Teams ist die freudvolle Solidarität beeindruckend fürs Publikum und furchteinflössend für Gegnerinnen. Sie sind aber auch einzeln beeindruckende Persönlichkeiten, worauf ich in “Doch lieber kein ‘Equal Pay’?” hinweise.

Weniger beeindruckt mich die Sommerloch-Performance der grossen deutschen Medien: “Versetzung gefährdet”. Es geht dort darüber hinaus um sinkende Profitraten der asozialen Netzwerkkonzerne, einen schlecht organisierten RBB, sowie zwei beachtenswerte Betrachtungen zum Ukrainekrieg.

In Beuel sind Wolken am Himmel. Aber nichts fällt runter. Versprochen ist für die nächsten zwei Wochen kein Tropfen. Rheinpegel Bonn 119 cm. Der Schiffsverkehr schleicht vorsichtig nur zentimeterweise voran. Der Corona-7-Tage-Index steigt auf 610, die Krankenhausbelegung stagniert bei 145, auf Intensiv jetzt 26.

Meine Stammgastronomen sind jetzt alle in Betriebsferien. Nur das Momo-Bistro und das “Protea” sind noch da. Meine Rettung.

Freundliche Grüße

Martin Böttger

Über den/die Autor*in: Martin Böttger

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
Sie können dem Autor auch via Fediverse folgen unter: @martin.boettger@extradienst.net