Die Reichen und die “Freien” – Wer kann sich das leisten? – Öffentliche Medien jedenfalls keine weiteren 40 Jahre

Diese aktuelle, anständige, faktengerechte, gut lesbare Reportage von Larena Klöckner/taz Junge Jour­na­lis­t*in­nen wünschen Veränderung: Wertschätzung? Fehlanzeige – Junge Jour­na­lis­t*in­nen arbeiten oft in unsicheren, freien Anstellungsverhältnissen. Wie erleben sie die aktuellen Skandale beim ÖRR?” löste in mir folgende Gedankenkette aus. Wohlgemerkt ist nicht die Autorin dafür zu kritisieren: die von ihr wahrheitsgemäss geschilderten und realistisch eingeschätzten Verhältnisse, sie sind jetzt rund 40 Jahre alt. Und sind erschienen in einem Medium, das sich “tageszeitung” nennt. Das ist nicht witzig.

Damals, im vorigen Jahrhundert war es, als sich Beschäftigte öffentlicher Rundfunk- und TV-Anstalten mit Hilfe ihrer Gewerkschaften erfolgreich in Festanstellungen hineinklagten. Die Lehre daraus war keine Verhandlungsbereitschaft, sondern das Gegenteil. Alle Zugbrücken wurden hochgezogen. Die Personalabteilungen und Lohnbuchhaltungen wurden dazu angehalten, peinlichst darauf zu achten, dass das Hineinklagen keiner Person – meistens ohne Ansehen ihrer journalistischen Leistungen – mehr gelingen möge. Daraus entwickelte sich eine gewisse Arbeitgebervirtuosität: Outsourcing erlaubte einerseits erhöhte Profitmöglichkeiten für die TV-berühmten Celebrities, andererseits kostengünstige Prekarisierung für all die Doofen, die die Arbeit machten. In den Anstalten sassen nur noch die, die dafür die entsprechenden Strippen zogen. Die Besten entwickelten sich zu “Möglichmacher*inne*n” – aber die waren die Ausnahmen.

Allerdings, das wird seltenst hervorgehoben, schleppen die Anstalten aus den alten “guten” Zeiten Pensionslasten mit sich, die heute den fettesten Brocken der allgegenwärtigen Milliardenetats ausmachen. Es wäre ein politischer Job, sie davon zu befreien. Altersversorgung ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die auf “betrieblicher” Ebene – mit allen Privilegien und Diskriminierungen – völlig falsch angesiedelt ist. Doch Politiker*innen – oder gar “Intendant*inn*en” – die sich das öffentlich anzufassen trauen, gibt es nicht (mehr). Der Letzte war wahrscheinlich Norbert Blüm.

Zuständige Verwaltungsdirektorin des WDR war zuletzt Katrin Vernau, die jetzt in einem umstrittenen Verfahren umstrittene RBB-Intendantin wurde. Friedrich Küppersbusch urteilt über sie überraschend milde. In einer öffentlichen Anstalt – ich weiss, eine naive Fantasie meinerseits – wäre es ihr Job gewesen, sich kreativ mit ihren Beschäftigtenvertretungen und Gewerkschaften zu verbinden und zu verbünden, um unser öffentliches Medium gegen die Angriffe von Rechts und vom Verlagsgrosskapital gemeinsam zu verteidigen. Davon war Frau Vernau, ähnlich wie es alle ihre Senderkolleg*inn*en handhaben, so weit, wie es nur denkbar ist, entfernt.

Die Kunst des Verhandelns, die Identifikation gemeinsamer Interessen, der Entwicklung von Konsens, das Unterscheidenkönnen zwischen wichtigen und unwichtigen Unterschiedlichkeiten – das wird leider nirgends gelehrt und gelernt. Es wäre die Aufgabe öffentlicher Einrichtungen und Medien, die Menschen darin auszubilden. Binäres Denken – nicht in der sondern gegen die Herde der Konzernmedien  – bekämpfen, Ambiguitätstoleranz lehren, Kriegspropaganda verweigern. Das zu unterlassen führt zum Selbstmord dieser Institutionen. Ihre Aufsichtsgremien zu “stärken” ohne sie grundlegend zu verändern, wäre nicht die Lösung sondern Teil des Problems.

Der Gesetzgeber, der in diesem Fall die Länderparlamente sind, müsste eigene personelle Macht abgeben und demokratisieren. Schaffen die das? Zweifel sind berechtigt. Ohne Druck wird sich nichts bewegen, jedenfalls nichts Gutes. Gewerkschaften der Beschäftigten und engagierte Teile des Publikums müssten sich organisieren und verbünden. Wer kümmert sich drum?

Über den/die Autor*in: Martin Böttger

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
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