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Sprache und Krieg

Das Rad des Seins und die russische Angst vor dem Kontrollverlust

Hier unten findet sich in voller „Schönheit“ der heutige Lagebericht des russischen Verteidigungsministeriums zum Ukrainekrieg. Er sieht genauso aus, wie die 200 vorhergehenden Lageberichte seit dem 24. Februar. Es ist der Form nach eine spätsozialistisch-bürokratische Auflistung der eigenen planmäßigen Erfolge an diesem Kriegstag. Die Form soll strenge und geradezu unterkühlte Sachlichkeit suggerieren: hier steht man auf der Seite der „Fakten“, nicht der „Hysterie“ – das ist Botschaft. Es ist eine Sprache der modernen, zweckrationalen, an Wissenschaft, Technik und Bürokratie orientierten Kontrolle.

Sie erinnert mich ziemlich an Kafka, aber auch an das buddhistische Bild vom „Rad des Seins“, auf das die Einzelexistenz gespannt ist, quälend und unabdingbar. Das Evozieren eines sich immer weiter drehenden Rads in diesen Berichten ist ein Machttrick der Bürokratensprache: Alles geht seinen Gang, man kann nichts dagegen tun – außer vielleicht vom Nirvana zu träumen. Aber in dieser von uns definierten Welt ist kein Entkommen, alles läuft nach Plan.

Faktisch weiß jeder (auch in Russland), der ein bisschen recherchiert, dass die planmäßig „siegreiche“ russische Armee gerade 3000 qkm besetztes ukrainisches Gebiet fluchtartig verlassen hat und weiter auf dem Rückzug ist – gar nicht planmäßig und unter Zurücklassung vieler intakter Waffen. Über Nacht sieht die Landkarte des Krieges ganz anders aus. Was die russische Militärführung hier schafft, ist es, in einer Sprache der Fakten die allseits bekannten Hauptfakten unter den Tisch fallen zu lassen.

Das ist auch der Grund, warum sie damit ziemlich bald einen ziemlich kapitalen Radbruch erleiden wird. Die absolute Inflexibilität der Sprache, gerade eben noch ein Machttrick, kehrt sich nun gegen die, die so sprechen, und entlarvt ziemlich blitzartig ihre Lüge. Ungefähr so wie die buddhistische Eleven ja einmal das „Maja“ durchschauen, die Oberflächentäuschung der Dinge.

Nun ja, hoffentlich wird es ein gutes Erwachen aus den Traumwelten der spätsozialistischen Sprache. Es ist vorher nie so ganz klar, wo die Ent-Täuschung dann hingeht.

„Fazit des Verteidigungsministeriums der Russischen Föderation zum Verlauf der militärischen Sonderoperation in der Ukraine, 13. September 2022.

Russlands Luftlandetruppen, Raketentruppen und Artillerie führen massive Feuerschläge gegen AFU-Einheiten in allen Einsatzgebieten durch.

Hochpräzise Luftangriffe trafen vorübergehende Aufmarschstellen von Einheiten der 95. Luftlandebrigade bei Slawjansk und Konstantinowka, der 115. mechanisierten Brigade bei Artemiwsk und der 53. mechanisierten Brigade bei Kurdjumowka.

Darüber hinaus wurden Einheiten der 35. Marinebrigade bei Bereznehovatove, der 57. motorisierten Infanteriebrigade bei MURAKHOVKA in der Region Mykolayiv, der 128. Gebirgsjägerbrigade bei Balabino in der Region Zaporozhye und der 14. mechanisierten Brigade in der Nähe der Stadt Kharkiv getroffen.

Bei den Angriffen wurden innerhalb von 24 Stunden mehr als 800 ukrainische Militärangehörige und ausländische Kämpfer getötet und verwundet.

Taktische und militärische Flugzeuge, Raketentruppen und Artillerie trafen zwölf Kontrollpunkte in den Gebieten SEREBYANKA, VERHNEKAMENSKOYE, IVANO-DARYEVKA, VESELOYE, SOLEDAR, Zaitsevo und PAVLOVKA in der Volksrepublik Donezk, Uspenovka und Huliaipole in der Region Saporoshje, Shyrokoe, KISELEVKA und NOVOGRIGOROVKA in der Region Mykolaiv, sowie 47 Artillerieeinheiten, AFU-Personal und militärische Ausrüstung in 152 Bezirken.

Fünf Waffen- und Munitionslager für Raketen und Artillerie in den Gebieten PAVLOVKA und TEMIROVKA in der Region Saporischschja, NOVOPOL in der Volksrepublik Donezk, VELIKOE ARTAKOVO und OLENOVKA in der Region Mykolaiv wurden zerstört.

Die russische Luftwaffe zerstörte einen Mi-8-Hubschrauber der ukrainischen Luftwaffe in der Nähe des Dorfes Ochakov, Region Mykolayiv.

Die russischen Luftabwehrkräfte schossen sechs unbemannte Flugzeuge in der Nähe der Siedlungen Barwinok und Petrowka in der Region Cherson, Kisseljowka in der Region Mykolajiw, Kamenskoje und Zaliznichne in der Region Saporischschja und Wladimirowka in der Volksrepublik Donezk ab.

Außerdem wurden sieben Raketen in der Nähe der Siedlungen Novaya Kakhovka und KISELEVKA in der Region Kherson aus der Luft zerstört.

Seit Beginn der militärischen Sonderoperation wurden insgesamt 293 Flugzeuge, 154 Hubschrauber, 1.944 unbemannte Luftfahrzeuge, 374 Flugabwehrraketensysteme, 4.900 Panzer und andere gepanzerte Kampffahrzeuge, 834 Mehrfachraketenwerfer, 3.385 Feldartillerie- und Mörsergeschütze und 5.506 militärische Spezialfahrzeuge zerstört.“

Mehr zum Autor hier.

Über den/die Autor*in: Reinhard Olschanski (Gastautor)

Geboren 1960, Studium der Philosophie, Musik, Politik und Germanistik in Berlin, Frankfurt und Urbino (Italien). Promotion zum Dr. phil. bei Axel Honneth. Diverse Lehrtätigkeiten. Langjährige Tätigkeit als Wissenschaftlicher Mitarbeiter und Referent im Bundestag, im Landtag NRW und im Staatsministerium Baden-Württemberg. Zahlreiche Veröffentlichungen zu Politik, Philosophie, Musik und Kultur. Mehr über und von Reinhard Olschanski finden sie auf seiner Homepage.

Ein Kommentar

  1. Rudolf Winzen

    Schön und gut. Ich bin gespannt auf eine kritische Analyse der offiziellen ukrainischen Verlautbarungen. Gelogen wird ja auf beiden Seiten, wie immer im Krieg. Allerdings hat Selenskiy einen großen Vorteil: Er ist Schauspieler und beherrscht PR perfekt. Bei den Russen dagegen sind lauter Apparatschiks zugange, anscheinend ohne jede Erfahrung mit PR.

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