Mal nichts zum Krieg, aber im weiteren Sinne Politik: Willemsen und Lakomy/Balthus

Hinter der digitalen Mauer der FAZ erinnert Harald Staun heute an Roger Willemsen. Warum? Weil der Rechtebesitzer an dessen Arbeit die TV-Werke Willemsens jetzt zugänglich mache – jedoch scheinbar nicht im Netz – Staun hat jedenfalls keinen einzigen Link gesetzt – sondern in irgendeinem Museum im deutschen Osten (Berlin). Pffft. Da denke ich als Leser und ehemaliger Fan von Willemsens Arbeit: verarschen kann ich mich selber.

Staun schreibt hinter der Bezahlmauer über Willemsen ganz richtig: “Und so wurde Willemsen damals auch bald gefeiert: als Ausnahmeerscheinung im miefigen deutschen Fernsehalltag, als hochsympathischer Menschenfreund, dem das irre Kunststück gelang, profunde Intellektualität und großes Charisma zu vereinen.” Mit anderen Worten: er machte “damals” – ich erinnere mich noch, als wenn es gestern gewesen wäre – deutsches Fernsehen, wie es heute völlig unbekannt ist. Es war die Zeit, als auch Küppi noch zu sehen war, mit Haaren. Und hier ist noch seine schöne Frau zu sehen, Sabine Brandi, die wie Willemsen bei damaligen Ausbund des Medienbösen, Leo Kirchs “Premiere”, die uns den Fussball stehlen wollten, jobbte. Es kam alles anders.

Staun hebt in seiner vermauerten Abhandlung zutreffend hervor, dass es eine kurze Zeit im deutschen Fernsehen gab, in der sich Frauen und Männer, wie eben Brandi und Willemsen, trauten offen und direkt über Sex zu sprechen. Hätte sich das als völkstümliches Brauchtum ausgebreitet, hätten wir heute nicht nur ein anderes TV, sondern auch weit weniger Probleme in privaten Beziehungen. Selbstermächtigte Menschen – das könnte Probleme bei der Herrschaftsausübung machen. Und: eine riesige Ratgeber- und Therapeut*inn*en-Industrie müsste sich eine andere Aufgabe suchen. Ist halt alles ambivalent. Die Krankenkassen könnten wiederum u.U. billiger werden …

Frau Lakomy

Ich weiss nicht, ob es sie wirklich gibt. Oder ob sie eine intelligent designte öffentliche Person ist. Immerhin hat sie einen Wikipedia-Eintrag, der echt aussieht. Einen bedeutend älteren intelligenten Mann hat sie sich genommen: Hanna Lakomy alias Salomé Balthus. Beim Anblick ihres Fotos hoffe ich sehr für sie, dass sie nicht essgestört ist. Wenn doch, ginge es ihrer Selbstdarstellung zufolge wohl als Berufskrankheit durch.

Ihre Kolumnen in der Berliner Zeitung lese ich, sofern sie nicht eingemauert sind (die ebenfalls sehr gute “Der Wille zum Krieg – Der dritte Weltkrieg im Spiegel deutsch-deutscher Befindlichkeiten” vom Juni ist es). Hier die jüngste sehr gelungene, die sich zum Glück fast überhaupt nicht mit dem irrelevanten Gaga-Thema beschäftigt, das die Überschrift andeutet. Zielsicher markiert sie hier vieles, worüber bis heute selbst im Privaten nicht wirklich öffentlich gesprochen, aber von fast allen gedacht wird. Und sich selbst positioniert sie inhaltlich dabei so, wie es viele denken, aber kaum jemand zu artikulieren traut. Als publizistisches Geschäftsmodell einer Selbstständigen kenne ich wenig, was intelligenter ist.

Die Jungs beim FAZ-Feuilleton sind schon ganz wuschig.

Über den/die Autor*in: Martin Böttger

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
Sie können dem Autor auch via Fediverse folgen unter: @martin.boettger@extradienst.net