It´s all over now, Vladimir Blue

Krieg hat eigentlich drei Bestandteile:

1) Kampfhandlungen,

2) Politik und Diplomatie,

3) die öffentliche Meinung incl. „Heimatfront“.

Letztere ist ein großes Thema seit dem „Steckrübenwinter“ 1916/17, als der WK I zuhause im Deutschen Reich ankam. Die Stimmung in kriegführenden Ländern ist tatsächlich ein zentraler Faktor. Und auch im Nichtkriegsland Deutschland ist er nicht ganz unwichtig. Schauen wir mal, was der Gasmangelwinter anrichtet.

Hitler baute einen großen Teil seiner Propaganda nach dem 1. Weltkrieg darauf auf, dass ein “Dolchstoß“ die deutschen Heere – „im Felde unbesiegt“ – von hinten erdolcht hätte, von der Heimatfront und von sozialistischen Aufwieglern her. Es verwundert nicht, dass Hitler im WK II den Noch-Schärfer-Machern wie Goebbels eine zeitlang widerstand, als sie den „Totalen Krieg“ früher ausrufen wollten – also jenen Krieg, der zuhause, im Alltag richtig spürbar wird.

Klar ist: wenn man keinen Totalen Krieg hat, hat man als Diktator gute Chancen, die Unzufriedenheit der eigenen Bevölkerung einigermaßen zu kanalisieren, um sie nicht allzu groß werden zu lassen. Aber wenn die „Heimatfront“ einmal erschlafft – weia. Im Fall der Nazis ist das nicht geschehen. Der Terror im Zusammenspiel mit der Propaganda und dem Zufall (der 20. Juli hätte auch gelingen können) hat das verhindert.

Putin hat jetzt den halbtotalen Krieg ausgerufen – eine Teil-Mobilmachung, durch die der Krieg für die russische Bevölkerung mehr sein wird als nur ein Fernsehkrieg, aber vielleicht noch kein „totaler“? Allein diese Mobilmachung ist schon ein Anzeichen dafür, dass es nicht allzu gut steht um den russischen Feldzug in der Ukraine. Und hunderttausende russischer Männer haben sich bereits aus dem Staub gemacht.

Eigentlich kann man die Uhr stellen, wie lange die Sache dauern wird, wenn die Unzufriedenheit in Russland anwächst und die USA und andere westliche Staaten anfangen, ihre Waffenindustrie auf die Erfordernisse des Ukrainekriegs einzustellen (Biden hat entsprechendes heute angekündigt) – und konsequent auf dieser Spur bleiben. Die wirtschaftliche Unterlegenheit der Nazis den USA gegenüber war ca 1 zu 4 – und technologisch waren sie nicht auf einem anderen Stern. Die Unterlegenheit der Russen dem Westen gegenüber ist ca. 1 zu 20 – und sie sind technologisch auf einem anderen Stern …

Durch all das Gerede hindurch sind diese basalen Fakten eigentlich ziemlich klar – für die, die genau hingucken wollen. Aus meiner Sicht kommt es darauf an, ruhig zu bleiben (im Unterschied zu manchen aus der deutschen Öffentlichen Meinungs-Szene) und klar zu machen, dass der Westen den eingeschlagenen Weg Schritt für Schritt weiter gehen wird. Die, die den Krieg vom Zaun gebrochen haben, können dann ihre eigene Zeit-Berechnung anstellen. Das ist der Weg, um Putins Restverstand anzusprechen. Alles andere lässt nur die Illusion erstarken, dass er noch irgendeine Droh- und Wunderwaffe aus dem Ärmel zaubern könnte, mit der die Erpressung doch noch gelingt.

Von daher: Gute Wochen und Monate noch im „Bonker“!

P.S. Ich glaube übrigens nicht, dass mit dem möglichen und vielleicht bereits absehbaren Sieg der Ukraine die heile Welt ausbrechen wird. Aber dieser Sieg ist jetzt das Erste, was man in der Abwehr des Putinschen Imperialismus anstreben muss. Dass es dann noch andere Fragen gibt, auch an die Geopolitik der USA, steht auf einem weiteren Blatt. Niemand, der bei klarem Verstand ist, hätte sich im 2. Weltkrieg gegen Churchills Kampf gegen die Nazis gestellt, obwohl der Mann auch tief in den britischen Kolonialismus verstrickt war. First things first – und Second things second. Diese kleine, aber extrem wichtige Unterscheidung sollte auch einer teilweise sehr politikvergessenen deutschen Linken verständlich sein.

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Über den/die Autor*in: Reinhard Olschanski (Gastautor)

Geboren 1960, Studium der Philosophie, Musik, Politik und Germanistik in Berlin, Frankfurt und Urbino (Italien). Promotion zum Dr. phil. bei Axel Honneth. Diverse Lehrtätigkeiten. Langjährige Tätigkeit als Wissenschaftlicher Mitarbeiter und Referent im Bundestag, im Landtag NRW und im Staatsministerium Baden-Württemberg. Zahlreiche Veröffentlichungen zu Politik, Philosophie, Musik und Kultur. Mehr über und von Reinhard Olschanski finden sie auf seiner Homepage.