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Buchmesse oder Buchmasse?

Ein Rundgang in knapp zwei Stunden – Die Frankfurter Buchmesse kann überfordernd sein, wenn man sie zu ernst nimmt. Schriftsteller und Filmemacher Dietrich Brüggemann wagt den ironischen Blick.

Es schüttet. Also nehme ich nicht das Rad, sondern die S-Bahn. Dass die Leute auf dem Fahrrad keine Bücher lesen, ist erfreulich, war aber schon immer so. Dass sie auch in der Bahn keine Bücher lesen, ist vergleichsweise neu. Sie glotzen in ihre Handys. Schrecklich. Das sei hier gleich festgestellt, damit diejenigen, die einen Grund suchen, diesen Text nicht weiterzulesen, einen bekommen. „Du garstiger Kulturpessimist!“, sollen sie ausrufen, „von Leuten wie dir wurde jede technische Neuerung stets als Untergang des Abendlandes verteufelt, auch das von dir hochgeschätzte Buch“! Was heute das Smartphone ist, war nämlich vor 150 Jahren der „Schundroman“, mit dem höhere Töchter ihre Väter zur Verzweiflung trieben!

Stimmt alles, aber die Smartphonezombies sehen trotzdem doof aus. Dennoch bin ich selber einer von ihnen, ich will mich nämlich vorbereiten, denn ich habe nicht viel Zeit, es ist schon kurz vor zwölf, und ich muss um zwei weiter.

Wir alle haben als Leser insgesamt keine Zeit

Die bittere Wahrheit ist aber viel umfassender. Kathrin Passig hat sie schon vor Jahren vorgerechnet, und sie lautet: Das Leben ist zu kurz, um auch nur einen Bruchteil der Bücher zu lesen, die die Menschheit jedes Jahr schreibt. Ganz zu schweigen von vielen Büchern, die ohnehin schon da sind. Man wird sterben, ohne „Die Brüder Karamasov“ oder den „Mann ohne Eigenschaften“ gelesen zu haben, und andernfalls müssen halt Karl Marx oder Karl May oder die Bibel dran glauben.

Nicht nur ich habe also heute keine Zeit, wir alle haben als Leser insgesamt keine Zeit. Deswegen mag ich Kunstbände und Fotobücher. Und Literatur aus vergangenen Tagen, da wirft man einen anderen Blick auf die alte und auf die eigene Zeit, das ist doppelter Nutzen. Ich war vor Jahren schon mal hier und fand zufällig eine Art Messe in der Messe mit Antiquariatsbüchern, das war wunderschön, da will ich wieder hin. Und ich will zum Stand eines Verlages aus Heidelberg, der Fotobücher macht. Ich suche im Ausstellerverzeichnis und finde weder das eine noch das andere. Dann will mir jemand per „AirDrop“ ein Foto senden. Her damit, denke ich, drücke auf „Annehmen“ und bekomme ein Bild, das offenbar vor wenigen Sekunden in derselben S-Bahn aufgenommen wurde. Es zeigt eine Hand mit ausgestrecktem Mittelfinger. Das kann ja heiter werden.

Weil ich einen Roman verfasst habe, bin ich hier

Die S-Bahn hält, ich steige aus, und da Sie, liebe Leser, mich trotz begrenzter Lebenslesezeit immer noch nicht verlassen haben, gehen wir jetzt zusammen da rein, und zwar erst mal in irgendeine Richtung, denn die Frankfurter Buchmesse muss eigentlich überall interessant sein. Auf dem Übersichtsplan stehen Orte namens „Devise“, „Brillanz“ und „Dimension“. Sind das neue Kategorien in der Buchbranche? Sagt man jetzt nicht mehr „Krimi“ und „Thriller“, sondern „Substanz“ und „Sentenz“?

Ich lande in der riesigen Halle, also im Pleonasmus, denn hier sind alle Hallen riesig, also: Ich lande in der Halle mit den internationalen Verlagen, wo enorm wenig los ist. An den Ständen sitzen Menschen und bewahren Haltung. Ich habe solche Büchermenschen in vielen Ländern getroffen, sie sind eine weltweite Gemeinde, sie sind jetzt nach Frankfurt gekommen, um sich zu treffen, und sitzen mutterseelenallein an ihren Ständen. Vielleicht passiert der Austausch abends bei wilden Partys, allerdings ohne mich, ich will mich mal bei meinem Verlag blicken lassen, ich habe nämlich einen Roman verfasst, deswegen bin ich ja überhaupt hier.

Hat die Frankfurter Buchmesse an Strahlkraft verloren?

Ich verlasse die Halle und lande unter einem ungeheuren Vordach aus Beton. Es ist so groß, dass man Zeppeline parken könnte. Drei Leute rauchen. Anscheinend war das der falsche Ausgang. Ich finde den richtigen, die Richtung stimmt, Leute, Gastronomie, Kaffee, und dann bin ich im Zentrum, also da, wo die Action ist, in Halle 3, da sind die deutschen Verlage, da ist Gedränge, da steht die Luft!

Die großen Verlage haben sich an ihren Ständen richtige kleine Paläste errichtet, und der beabsichtigte Effekt springt mir förmlich ins Gesicht: Ich bin beeindruckt. Der Unterschied von so einem Edelmessestand zu den Verschlägen, in dem die kleineren Verlage sitzen, erscheint mir größer als der zu völliger Abwesenheit. Mein Verleger sitzt in einem der Verschläge, aber da ist immerhin Leben in der Bude, da kommen dauernd Leute vorbei, setzen sich hin und essen Kekse.

Ein Rhetoriktrainer möchte ein Buch an den Mann bringen, und ich möchte von meinem Verleger wissen, ob das sein kann, dass der Fotobuchverlag nicht im Ausstellerverzeichnis steht. Wir suchen gemeinsam und finden nichts. Schließlich rufe ich den Verlag einfach an. Hallo aus Frankfurt, ich bin kein Fachbesucher, ich möchte einfach an Ihrem Stand in Schönheit schwelgen, wo finde ich den? Nirgends, sagt die Frau am Telefon mit silberheller Stimme, man habe keinen Stand, und die Frankfurter Buchmesse habe ja ein wenig, äh, an Strahlkraft verloren.

Ich bedanke mich und lege auf. Krasse Sache. Die sparen sich das einfach.

Die Frage nach den Fake News und ob sie manchmal richtig sein könnten

Einen Gang weiter gibt es E-Reader. So ein Gerät ist toll, wenn man eine lange Reise mit wenig Gepäck machen möchte. Sonst nicht. Das Buch ist ungefähr das einzige Ding, das sich erfolgreich der Digitalisierung widersetzt hat. Das Wort „Haptik“ kam erst in den allgemeinen Sprachgebrauch, als in den 90ern der eklatant unhaptische Computer sich ausbreitete. Die Leute, sagt man, lesen Bücher wegen der Haptik.

Um Haptik geht es auch nebenan bei den vielen Ständen mit vielen schönen Schreibwaren. Mit so was kann man sich ein Leben lang erfreuen, ohne einen einzigen sinnvollen Gedanken zu Papier zu bringen. Zwei sympathische Holländer haben bizarre Mutationen des altbekannten Rubik-Würfels im Angebot. Beides perfide Attentate auf mein Messe- und Lebenszeitkontingent, ich muss hier weg. Der Weg ins Obergeschoß führt über drei Rolltreppen, auf denen die Leute einfach so herumstehen und sich nach oben kutschieren lassen, als hätten sie alle Zeit der Welt.

Ich möchte sie packen und ihnen zurufen, wie sehr sie sich da irren. Die obere Halle wird beherrscht von einem riesenhaften Stand, einem gelandeten Raumschiff in zwei Teilen, einer taubenblau und einer senfgelb. Welcher Verlag mag das sein? Keiner. Es ist die Bundesregierung. Am taubenblauen Teil findet gerade ein Podiumsgespräch statt: Die stellvertretende Regierungssprecherin und der Geschäftsführer von „Correctiv“ unterhalten sich über „Desinformation und Fake News“.

Das Mikrofon geht durchs Publikum. Ein älterer Herr fragt, was man denn tun könnte, ob man für dieses „Debunking“ eine „schlagkräftige Truppe“ bräuchte oder vielleicht eine „Internetguerilla“. Die Regierungssprecherin erwidert, man würde das nicht zentral bündeln, sonst kriege man vorgeworfen, die Regierung schreibe den Bürgern vor, was sie zu denken haben.

Ich bin versucht, mich auch zu melden und zu fragen, ob man ein Prozedere habe für den Fall, dass Fake News und Desinformationen sich mit etwas zeitlichem Abstand als richtig herausstellen, das sei ja durchaus schon vorgekommen. Da aber vor mir noch drei Leute etwas sagen wollen und keiner sich kurzfasst und hinter mir zwei bewaffnete Polizisten aufgetaucht sind, zügle ich meine Zunge und spaziere weiter. Wenn schon der Fotobuchverlag durch Abwesenheit glänzt, will ich wenigstens auf die Antiquariatsmesse, zu den schönen alten Büchern.

Eine Halle wie ein Scientology-Konferenzraum

Verschärftes Googeln hat mir eine präzise Ortsangabe verschafft: Halle 4.1 N17. Ich gehe hin und stehe vor einer weißen Wand. Doch in der Wand ist eine offene Tür. Ich trete hindurch wie Truman, der die Truman Show verlässt, und sehe dahinter: nichts. Hundert Meter schwarzer Fußboden, Neonröhren in drei Reihen, hinten am Horizont ein winziger Mensch, der einen Rollwagen irgendwo hinschiebt.

Keine alten Bücher, kein Fotobuchverlag, ich bin enttäuscht und gehe bzw. stehe mit der Rolltreppe hinauf ins zweite Stockwerk zu „Wissenschaft und Fachbuch“. Hier herrscht die gesteigerte Form dessen, was ich schon unten vorfand und was ich ab jetzt mit dem von mir selbst erfundenen Begriff „Nixlosigkeit“ bezeichnen werde.

Hier sind Stände, an denen nicht nur keine Menschen stehen, sondern auch keine Bücher, nur zwanzigmal derselbe Flyer. Weiter hinten lässt die Nixlosigkeit nach, dort ist das Literaturagentenzentrum, da stehen zwischen endlosen grauen Stellwänden hundertmal dieselben grauen Tische, die Reihen sind alphabetisch beschriftet, das Licht ist feindselig. Vielleicht ist hier das eigentliche Zentrum der Messe, wo die wahre Ware gehandelt wird, nämlich die Bücher von morgen, aber für meine Begriffe sieht das aus wie ein Scientology-Konferenzraum, wo Menschen im Viertelstundentakt gehirngewaschen werden.

Man verlässt das Messegelände durch ein gefängnistaugliches Drehkreuz

Ich schreibe meiner Literaturagentin, ob sie hier ist, und sie antwortet postwendend: „Sind wir NIE“. Das richtet mich wieder auf, aber meine Zeit läuft ab. Ich will mich noch mal ins Getümmel stürzen. Ich brauche dafür nur ein Getümmel. Aber ich weiß, wo eines ist: Bei den Fantasy-Verlagen. Und hier, am Ende meiner zwei Stunden, finde ich endlich das, was mich schon als Kind zum Lesen schlechter und guter Bücher gebracht hat und dann zum Schreiben ebensolcher und was ich die ganze Zeit suche: echte, reine Leidenschaft.

Allein die Buchumschläge, vielfach neben- und übereinander, sind ein schönerer Anblick als sämtliche Großverlage und die Bundesregierung zusammen. Die Verlage heißen zum Beispiel „Sternensand“, die Bücher heißen „Aschenkindel“ oder „Der Immerjunge“ oder „Ein Engel für die Titanic“. Letzteres nehme ich zur Hand. Ein Schutzengel namens Lucine sieht da den Untergang der Titanic voraus und will ein paar Passagiere retten.

Lucine darf aber nur als Mensch an Bord. Nicht schlecht, sage ich dazu, unverzichtbares Element einer guten Handlungsidee ist eine gewisse Kühnheit der Erfindung, und die sehe ich hier reichlich gegeben. Diese Bücher erfüllen keinen gesellschaftlichen Zweck, sie tun nichts gegen Fake News, sie machen „den Planeten“ nicht „zu einem besseren Ort“, und gerade deswegen, behaupte ich, tun sie genau das nämlich doch. Auf jeden Fall machen sie einigen Leuten große Freude und sind garantiert nicht das Produkt von Marketingstrategien und dynamischen Innovationsbrainstormings, sondern von Hingabe und Begeisterung.

Der Regen hat aufgehört, der Fußweg zum Ausgang fühlt sich an wie zwischen Turnhalle und Parkplatz des schwäbischen Provinz-Betonklotz-Gymnasiums, dessen Nixlosigkeit ich damals mit vielen Büchern überbrückt habe. Man verlässt das Messegelände durch ein gefängnistaugliches Drehkreuz, über dem geschrieben steht: „Mit dem Verlassen des Geländes verliert die Tageskarte ihre Gültigkeit“. Irgendwie ist das auch Literatur. Oder Fantasy. Wanderer, halte inne! Wenn du dieses Tor durchschreitest, ist keine Umkehr mehr! Ich halte inne, dann gehe ich hinaus in den Rest meines Lebens, wo ich am Ende nur einen Bruchteil aller existierenden Bücher gelesen haben werde, einige davon aber äußerst gern und vielleicht sogar zweimal.

Dietrich Brüggemann, geboren 1976 in München, studierte Regie an der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam. Für „Kreuzweg“ erhielt er gemeinsam mit seiner Schwester Anna 2014 den Silbernen Bären für das beste Drehbuch. Brüggemann arbeitet auch als Schriftsteller. Sein neuester Roman heißt: „Materialermüdung“ (Edition W GmbH, Frankfurt am Main, 2022, 480 S., 25,- Euro). Dieser Beitrag unterliegt der Creative Commons Lizenz (CC BY-NC-ND 4.0). Er darf für nicht kommerzielle Zwecke unter Nennung des Autors und der Berliner Zeitung und unter Ausschluss jeglicher Bearbeitung von der Allgemeinheit frei weiterverwendet werden.

Über den/die Autor*in: Dietrich Brüggemann / Berliner Zeitung

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Ein Kommentar

  1. Rolf Sachsse

    Als Herr Brüggemann zwei Jahre alt war, bin ich das erste Mal mit einem eben u.a. von mir mit-gegründeten Fotobuchverlag auf der Messe gewesen, damals gab es noch keine Ecke für Fotobücher, sondern nur für Kunstbände, und da waren wir mit den Comics zusammen in einer Schmuddelecke, Abteilung Fleischeslust. Fotobücher wie Comics gibt es nicht mehr auf der Buchmesse, dafür haben die eigene Veranstaltungen, etwa in Kassel und Erlangen, muss man also extra hinfahren. Mit den Menschen aus Heidelberg (es gibt nur noch einen Fotobuchverlag dort, früher waren es einmal vier) habe ich auch schon mehrere Bücher gemacht, die waren das letzte Mal auf der Unseen-Fotobuchmesse in Amsterdam dabei, das lohnt mehr. Interessant waren dieses Jahr ganz andere Entwicklungen: Der chinesische Stand war um ca. 75% geschrumpft, der U.K.-Stand dafür um 50% aufgeplustert. In der Halle 3.1, also der mit den Kunst- und Fotobüchern waren dafür die Bundesregierung, drei Landesregierungen und die Bundeszentrale für politische Bildung mit riesigen Flächen vertreten, auf denen sich abgelegte Politiker*innen unendlich lange äußerten – immerhin konnte man zwei Stühle zusammenschieben und die Beine hochlegen, und niemand hat sich daran gestört, denn es saßen mit mir ohnehin nur zehn Leute dort.
    Die erste Literaturagentin meines Lebens habe ich am Abend vor meinem diesjährigen Buchmessenbesuch kennengelernt, bei der Vorstellung eines von mir herausgegebenen Fotobuchs – der Verlag war, selbstverständlich, nicht auf der Buchmesse vertreten. Der einzige Verlag mit einem Buch von mir aus dem Vorjahr hatte dafür “vergessen”, das Werk zur Buchmesse mitzunehmen. Das hat meine Freude an dieser Zusammenarbeit massiv erhöht.

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