#boycottqatar2022 habe ich schon gratuliert. In diesem Jahr war diese Bewegung radikaler Fussballfans in der Disziplin Agendasetting die erfolgreichste unserer Republik. Klassearbeit. Hier die Resultate von gestern:

14 h Dänemark-Tunesien: 2,7 Mio. – mit einem 0:0 gerecht bestraft
17 h Mexiko-Polen: 4,1 Mio. – ebenfalls mit einem 0:0 bestraft
20 h Frankreich-Australien: 5 Mio. – 4:1 könnte ein gutes Spiel gewesen sein.

Sehr interessant wird natürlich die Einschaltquote von BRD-Japan, die morgen gegen 10 h zu erwarten ist. Wenn sie unter 10 Mio., also etwa auf Tatort-Niveau, landet, bestätigt das den Desinteresse-Trend am DFB-Team, der schon länger zu beobachten ist. Ich werde beim Mittagessen (Lachsfilet) sein.

Zur WM-Begleitmusik noch drei sachdienliche Hinweise:

Ronald Reng beschrieb heute morgen im Deutschlandfunk (Audio 8 min; der DLF hat offensichtlich die Veröffentlichung von Mitschriften fast komplett eingestellt – arm) sehr gut, warum sich besonders deutsche Fussball-Fans gegen das Aufkaufen ihres Sports auflehnen. Nicht alles ist hierzulande schlechter als woanders.

Leon Goretzka gab Jan Christian Müller/FR ein Interview, das, anders als die boulevardisierte Überschrift suggeriert, ihn als geerdetes Ruhrpottgewächs ausweist – was schon daran zu erkennen ist, dass manche Frage länger als seine Antwort ist.

Martin Krauss/taz schlägt Ihnen ein Buch vor, das Sie während der von Ihnen boykottierten Spiele lesen können. Sind eh zum Einschlafen: auch Marokko-Kroatien endete 0:0. Ein heimlicher Streik gegen die Fifa? Gerecht und gerächt wäre es.

Update nachmittags

Während des Länderspiels: mein Mittagsbistro überbelegt, vor allem die beiden alten Lehnsessel, in denen ich gewöhnlich meinen Nachtisch-Espresso einnehme, und Ministeriumsreferentinnen oder Oberbürgermeisterinnen (immer wieder gerne) empfange. Die Konditoreiwaren sind um diese Zeit verständlicherweise stark nachgefragt. Zu meinem Lachsfilet von Bornschein mit Kartoffel-Kürbis-Stampf gab es eine sensationelle “Hexen-Rührling-Sauce”. Der Pilzlieferant des Bistros – nicht im Laden erwerbbar – ist ein persönliches Kidnapping wert.

In der Beueler City Normalbetrieb für die Tageszeit. Kein “Strassenfeger” spürbar. Auf der Kennedybrücke sogar Stau. Gartenparties, durch deren Geräusche ein Spielstand zu ermitteln ist – komplette Fehlanzeige. Auch keine Passant*inn*engespräche. Spielstandglotzen auf Handys? Null Hektik, sehr schöne Sonnenbeleuchtung einer angenehmen Beueler Szenerie.

Update am späten Nachmittag

Die Spieler des DFB haben sich zu dem Widerstand entschlossen, der ihnen im Angesicht der Mafiosi in den Organisationen des Weltfussballs noch bleibt: früh ausscheiden und ab nachhause. 1:2 gegen Japan. Bravo, weiter so! Ist auch das Beste für die eigene Gesundheit.

Über den/die Autor*in: Martin Böttger

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
Sie können dem Autor auch via Fediverse folgen unter: @martin.boettger@extradienst.net