Wundersame Bahn CXXXIV

Wenn in Deutschland eine Bahn auf Schienen nach Fahrplan fährt, dann ist das eine Meldung wert. Gestern, während des Deutschland-Spiels, war ich in der Kölner Südstadt verabredet. Die Fahrt mit der Stadtbahnlinie 16 führt zwar allzu langwierig durch urbanistisch verwüstetes “Durchfahrtsland”, endet aber immerhin nur wenige Meter entfernt vom angepeilten gastronomischen Ziel.

Mit der störanfälligen und ampelgebremsten 66 erreichte ich die U-Bahnstation Hbf. mit der gebotenen Planungsvorsicht vor der angepeilten Zeit. Zur Rushhour fährt die 16 nach Köln im 10-Minuten-Takt. Eine überfüllte verspätete Bahn liess ich wegfahren; die Folgende war angenehm besetzt, absolut coronakompatibel. Maskenpflicht gilt noch. So erreichte ich den Chlodwigplatz, der abends sehr abgerockt wirkt – ein Abbild unserer Gesellschaft, wie sie heute ist. Nach wenigen Metern war das “Haus Müller” erreicht.

Dort war ich jetzt zum dritten oder vierten Mal Gast. Meine Vorfreude und Freude steigt. Die Platzlage des Lokals wenige Meter östlich der Severinstrasse wirkt gemessen an den berühmt hässlichen Plätzen des hässlichen Köln geradezu puppenstubenhaft-idyllisch. Im Sommer dürfte es schwierig sein, von dort den Heimweǵ anzutreten. Jetzt im Winter lockt die Wildkarte. Hirschgulasch mit gebratenem Rosenkohl. Wie der Rotwein dazu hiess, wir probierten vor seiner Auswahl mehrere aus, habe ich vergessen. Es gab so viel zu besprechen.

Da ich Begleitung einer Stammgästin war, ergaben sich intensive Gespräche mit dem Servicepersonal, das das Haus neben der exzellenten Küche zu einer tollen Adresse macht. Der junge Sommelier ist hochengagiert und an meinen Meinungen und Neigungen als Gast ehrlich interessiert. Andere gehen auch anderen anstrengenden Berufen nach, und arbeiten in der Gastronomie als “Ausgleichssport”. Wer jung ist, kann das.

Um 23 h Rückkehr zum Chlodwigplatz. Ich hatte im Tagesverlauf zuvor emsig Wechselgeld gesammelt, denn die KVB-Automaten in Köln nehmen nur Münzen – auch beim Luxus-Fahrpreis 8,20 €. Bis endlich das 49(oder mehr)-€-Ticket kommt, sollen noch viele Monate vergehen. Die 16 erscheint pünktlich, abends im 15-Minuten-Takt, dünn besetzt. Beklagenswert die unkomfortablen aber wahrscheinlich kostengünstig zu reinigenden Plastik-Hartschalensitze der KVB. Sie geben dem Fahrgast das Gefühl, lästig zu sein, und bitte schnell wieder zu verschwinden. Die meisten Fahrgäste nicken ein, immer in Gefahr ihren Ausstieg zu verpassen. Bei mir ging alles gut. Am Hbf. war der Auf-/Abgang zur Thomas-Mann-Str. gesperrt. Warum nur? Dort sind alle Linien nach Beuel viel besser zu erreichen, als am Busbahnhof. Der Bus nach Gielgen nahm mich mit. Vor Mitternacht funktionieren die Anschlüsse noch.

Warum kann der Verkehrsverbund Rhein-Sieg (nicht immer, aber zum Glück oft), was die Deutsche Bahn und ihre privaten Mitbetreiber (National Express, Transregio) in unserer Region nicht mehr schaffen?

Über den/die Autor*in: Martin Böttger

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
Sie können dem Autor auch via Fediverse folgen unter: @martin.boettger@extradienst.net