“Der Russe” ist überall: Krieg und Menschenhandel

Mit der Corona-Pandemie kam die Zoom-Pandemie mit dem Home-Office. Aus Menschen wurden Bildschirm-Kacheln. Manche trugen keine Hosen, viele tun nur so, als seien sie anwesend. Es werden Statements ausgetauscht. Auf Diskussion und Argumentation wird aus Zeitnot verzichtet. Und weil mensch nie weiss, wer alles dabei ist und mitlauscht. Da ist Offenheit nicht angebracht. Zumal niemand sehen und fühlen kann, wie etwas ankommt, was in den virtuellen Raum geworfen wird. So nebenbei hat sich hier mehr Demokratieabbau ausgebreitet, als den vordergründigen Corona-Massnahmen der Regierungen vorgeworfen wurde. Diskurs und Demokratie beim Selbstmord durch Digitalisierung.

Die Digitalisierung ist keine Täterin sondern Technik. Die Täter*innen sind die, die sie falsch und ahnungslos anwenden. Sie ist in der grossen Politik längst angekommen. Und führt dort zur Abschaffung von Empathie und Diplomatie, im Ergebnis zu Krieg. Erlernte Techniken der informellen Kommunikation zur Konfliktbearbeitung verlieren ihre Wirksamkeit, sterben aus. Ein menschengemachter und bewusster Kulturverlust, der sich längst brutal rächt. Es bleibt nur relevant, was sich von Nullen und Einsen erfassen lässt. Der Rest fällt weg.

Damit soll nicht behauptet werden, dass früher alles besser war. Michael Brie/Berliner Zeitung weist zutreffend darauf hin: Wir wähnten uns im Frieden und lebten umgeben von Kriegen – Der Krieg in der Ukraine ist nicht der erste in Europa. Durch Umbrüche entstehen Konflikte und jetzt müssen wir einen Weg finden, im Krieg den Frieden vorzubereiten.”

Im gleichen Medium wird gleichzeitig reportiert, wie unfähig die angebliche intellektuelle Elite in der Hauptstadtblase bereits ist, um noch überhaupt zu diskutieren, Meinungen – mit Interesse für das Gegenüber – auszutauschen.

Putins Wirkung in Togo

“Der Russe” und sein Krieg wirken derweil bis Togo, aber ganz anders als von deutschen Werteleitungen gedacht. Das berichtet Udo Norden/Berliner Zeitung: Flucht aus Togo: ‘Wir kriegen ein größeres Boot’ – In Westafrikas Küstenregionen wächst der Wunsch zu fliehen, aber nicht vor dem Klimawandel. Die deutsche Flagge weht über Bretterbuden als Sehnsuchtssymbol.

Während der Autor dort über Subjekte, ihre Träume, ihr Denken, ihr Handeln berichtet, ergeht sich die hiesige veröffentlichte Meinung in hitzigem und aufgebrachtem Moralisieren, das in der Regel die materiellen Fakten vernebelt. Warum tut sie das? Es sind die Mechanismen der Aufmerksamkeitsökonomie, die über die asozialem Medien hinaus sich der gesellschaftlichen Wirklichkeit in durchtechnisierten Gesellschaften (s.o.) bemächtigt. Und klare Sicht beeinträchtigt.

So beklagt sich Sonia Dolinsek von menschenhandelheute.net aus Greven, dass nicht sie, sondern die gutverdienende Salomé Balthus von Kurt Krömer (und Friedrich Küppersbusch) zum TV-Schwatz eingeladen wurde. Es ist zwar verschachtelt geschrieben, und bei weitem nicht so gut zu lesen wir die Texte von “Balthus”/Lakomy selbst – aber Dolinseks Darstellung leuchtet mir ein. Anregung: die 7. “Chez Krömer”-Staffel hat aufmerksamkeitsökonomisch erfolgreich maximalen Radau verursacht. Jetzt wäre es schön, wenn das diskursstrategisch weitergedreht würde – ins Inhaltliche. Wofür sonst soll Multimedia gut sein?

In diesem Fall wäre zu durchleuchten, was für ein Konjunkturprogramm für den Menschenhandel das deutsche Ausländerrecht ist. Doch Vorsicht: aus der Aufregung um das Für und Wider der Prostitution wäre dann allzu schnell die Luft raus. Klicks und Quoten streben gegen Null. Wer will das? Mann muss auch an die was-mit-Medien-Arbeitsplätze denken.

Über den/die Autor*in: Martin Böttger

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
Sie können dem Autor auch via Fediverse folgen unter: @martin.boettger@extradienst.net