mit Update nachmittags

Missionarismus ist mir lebenslang zuwider. Eliminatorisches, Schlussstriche, Todesurteile, alles Endgültige: darum bin ich als Jugendlicher Liberaler geworden. “Der menschliche Erkenntnisprozess ist prinzipiell unabschliessbar.” (Jungdemokraten, Leverkusener Manifest 1971). Darum fremdele ich, seit es ihn gibt, mit dem Nahostkonflikt. Wie mit jedem Krieg. Heute fand ich den ersten Text, in dem ich meine aktuelle Suche nach den richtigen Gedanken wiederfinde.

Zafer Şenocak/taz: Krieg im Nahen Osten: Keine Parteinahme – Auf beiden Seiten des Nahostkonflikts gehören Fanatiker zu den Regierenden. Die Guten und die Bösen schlechthin gibt es hier nicht.”

Friedrich Küppersbuschs taz-Kolumne ist, gemäss ihrer Veröffentlichungsstrategie “Online last” noch nicht in der Online-Ausgabe, aber, wer sie dort sucht, im Archiv. Er kommentiert die deutsche Debattenlage so: “Das normalste an Deutschland ist, dass wir nicht normal sind. Und keine größere Sehnsucht haben, als es zu sein. Inzwischen leben hier Millionen ‘Deutsche ohne Nazivergangenheit’ – ein Geschenk, das wir lange nicht annehmen wollten. Sie müssen unsere Lehren aus unseren Verbrechen an Jüdinnen und Juden mittragen, ohne die als Scham fortgepflanzte Schuld. Das ist ganz schön kompliziert und verlangt allen Beteiligten etwas ab. Leichter ist es da, uns für genesen, geläutert und normal zu erklären, und alle anderen für bescheuert. Das endet so, dass wir unsere Last auf andere schieben und den Schizo, der uns im Spiegel anschaut, normal finden. Na endlich.”

Eine ausgezeichnete Analyse der nicht minder hitzigen Debatten an US-Universitäten von Frauke Steffens hat die FAZ digital eingemauert. “Aufruhr an amerikanischen Unis: Massenmord ist auch keine Metapher – Studenten an amerikanischen Unis reiben sich in der Auseinandersetzung um den Krieg in Gaza auf, der ihnen vor allem ihre Ohnmacht zeigt – und, wie schnell Antisemitismus und Hass auf Muslime um sich greifen.”

Formierung ohne Fundament

Mein Verdacht: diese Debatten veröffentlichter Meinungen, fast vollkommen bereinigt von materialistischer Analyse und dialektischem Prozessdenken, umso mehr aufgeladen mit Gut-und-Böse-Moralisierung, dienen längerfristigen bekämpfenswerten Zwecken.

Jegliche Überreste linker Umtriebe oder gar Organisationen – oder gar: Bündnisse, gibts die noch? – werden damit zerstäubt, die bestehenden Herrschaftsverhältnisse dagegen gesichert.

Die Aufladung der – noch von absterbenden “Leitmedien” beherrschten – veröffentlichten Diskurse dient einer inneren Formierung der Gesellschaften der an Macht verlierenden reichen kapitalistischen (“westlichen”) Gesellschaften, in denen ein Bewusstsein für einen Endkampf (für die “Freiheit”, für “das Gute”, die (Überreste der) “Demokratie”) erzeugt werden soll. Klappt nicht wirklich. Soll aber so aussehen, und wird zunehmend einheitlich so dargestellt. Eine Verzweiflungsstrategie der Herrschenden? Besonders unwitzig: die Opfererzählung der Rechten, dass das alles von den “Woken” kommt. Die Klimakleber*innen, Schwarzen, Feministinnen, Behinderten und alle aus Minderheitenposition um Emanzipation Kämpfenden sind “schuld”. Und wenn diese sich ohne eigene gesellschaftliche Bündnisstrategie derartig in Sektierer*innen-Ecken drängen lassen, tragen sie selbst dazu bei.

Vor dem aufgeflammten Nahostkonflikt waren diese Formierungen bereits in der Corona-Krise und im Ukrainekriegsdiskurs scheinerfolgreich ausprobiert worden. Selbst wenn Israelis und Palästinenser einen Friedensschluss fänden – woran auch die real existierenden Deutschen sie zu hindern wissen werden – dann fände die deutsche Mediendiskursarena andere Gegenstände der Erhitzung. Ohne Hitze dreht sich die Zirkulation des Medienkapitals nicht. It’s the economy, stupid!

Update nachmittags

Zur Formierungsstrategie in Russland mehr bei Roland Bathon/telepolis und Florian Rötzer/Ulrich Heyden/overton. Sehr aufschlussreich ausserdem die Entwicklung in Frankreich, beschrieben von Bernhard Schmid/telepolis.

Über Martin Böttger:

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
Sie können dem Autor auch via Fediverse folgen unter: @martin.boettger@extradienst.net