Wie der alte Kanzler zu einem neuen Zitat kam

Nein, meinte der Redakteur vom Dienst, nein – er wolle, im Gegensatz zu seinem Vorgänger RvD aus der vergangenen Woche, kein ernstes Stück über die neue Bananenmarktordnung der Europäischen Kommission. Eine Glosse – das wär’s. Für uns, meine Kollegin Elke Bröder und mich, bedeutete dies: Neues Konzept, alles umstricken, die Interviewpartner austauschen oder auf ihre „Glossentauglichkeit“ hin überprüfen. Was, so die Frage der Autoren, wird mit dem historischen Aspekt – Adenauers Kampf für die zollfreie Banane? Den, so findet der Redakteur, wolle er auf jeden Fall, nur eben nicht so ganz ernst, mehr glossierend. Die freien Autoren gehorchen: Adenauer, Banane, Europäische Wirtschaftsgemeinschaft – alles ein bißchen lustig. Sollte er haben.

Neue Recherche – diesmal eben für eine Glosse. Bundeskanzler Konrad Adenauer- so wußte eine Sprecherin des Fruchthandelsverbandes – habe wie ein Löwe für jene Sonderregelung gekämpft, die den Nachkriegsdeutschen im Westen eine zollfreie Einfuhr der Bananen ermöglichte. Der Altkanzler soll sogar 1957 die Unterzeichnung der Römischen Verträge zur Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft um einen Tag verzögert haben, um gegen alle Widerstände der künftigen europäischen Partner doch noch die so heiß geliebte gelbe Frucht billig aus südamerikanischen Ländern importieren zu können.

Wie ein Zitat entstand

Darüber müßte es doch irgendeine Aussage geben, vielleicht ein Adenauer-Zitat aus einem Interview oder aus einer Rede im Bundestag. Die Suche dauerte Tage. WDR-Pressearchiv – Fehlanzeige, Schallarchiv – auch nichts. Filmarchiv? Wochenschau? Nur Aufnahmen von der Vertragsunterzeichnung in Rom und aus der danach folgenden Bundestagsdebatte. Die Suche nach möglichen O-Tönen Adenauers zu seinem heroischen Kampf für die billige Tropenfrucht blieb vergeblich. Pressearchiv Bundestag, Sach- und Sprechregister des Bundestages (wo alle Plenarreden erfaßt sind) – Fehlanzeige. Trotz der damaligen Halsstarrigkeit des Kanzlers – keine Aussage zur Banane auffindbar.

Letzte Hoffnung – die Konrad-Adenauer-Stiftung. Den Stiftungsarchivaren ist zwar der siegreiche Einsatz des CDU-Patrons geläufig. Zitate des Altkanzlers zur Banane sind jedoch keine zu finden.

Was bleibt – aus dem Vorhandenen das Mögliche machen – schließlich wird’s eine Glosse und kein ernstes Stück. Also etwa so: Adenauer in Rom, bei der Unterzeichnung der Römischen Verträge, anschließend im Parlament, „der Alte“ in seinem Rosengarten in Rhöndorf. Adenauer beugt sich über eine Pflanze – das ist es! Dazu der Hamburger Fruchthafen, damals wurden dort noch komplette Fruchtstauden ausgeladen. Und so wurde es gesendet : Adenauer im Garten, gebeugt über einen Setzling dazu der Text „Der eigene Anbau ging zwar daneben.“ Adenauer geht aus dem Garten – Schnitt – Bananenimport in Hamburg. „Also holte Konrad Adenauer die Bananen aus Lateinamerika – und zwar zollfrei.“ Vertragsabschluß in Rom. Kommentar: „Die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft wollte Adenauers zollfreie Frucht nicht. Da sprach der Kanzler ein Machtwort.“ Adenauer vor dem Bundestag – anlässlich einer Europa- Debatte O-Ton Adenauer: „Sie ist eine Hoffnung für viele und eine Notwendigkeit für uns alle“.

Adenauer sprach natürlich über ein anderes, wirklich wichtiges Thema – und nicht etwa über die Banane – diese Selbstverständlichkeit erschloss sich aus dem Gesamtbeitrag ebenso wie die Tatsache, daß Adenauer Rosen züchtete und nicht etwa versuchte Bananen anzubauen. Zudem enthielt der Beitrag Zeichentrick-Elemente und gespielte Szenen, in denen ein vermeintlicher EU-Beamter an seinem mit Bananenschalen überdeckten Schreibtisch sitzt und mit der Lupe Bananen auf ihre Herkunft hin überprüft. Kurzum – der Beitrag war als „nicht ganz ernst gemeint“ deutlich zu erkennen. Daß bei einem Film – bei einer Glosse – Text und Bild zusammengehören, könnte sich insbesondere unter Journalisten herumgesprochen haben. Eine Selbstverständlichkeit – so dachte ich.

Ein ZEIT- Redakteur redigiert

Weil das Thema „Neue Bananenmarktordnung“ gerade aktuell war, fragte als erster die Redaktion des Stern an. Der Grund: Wir hatten in unserer Glosse auch die offiziell von allen Seiten in ihrer Existenz gänzlich bestrittene, weil sehr verärgerte Korrespondenz zwischen dem „Enkel Adenauers“, Bundeskanzler Kohl, und dem damaligen EU-Kommissionsvorsitzenden Jacques Delors veröffentlicht. Die Sternredaktion bekam Kopien dieser Briefe ebenso wie den Text der Glosse.

Das hatte Folgen. Im Heft 46/1992 erschienen vier bunte Seiten über „Die Deutschen und ihre Kultfrucht – Alles Banane“. Auf der dritten Seite war zu lesen: „Adenauer erhob die Banane in einer zittrigen Bundestagsrede gewissermaßen zur Mutter Teresa unter den Südfrüchten: Sie ist eine Hoffnung für viele und eine Notwendigkeit für uns alle!“ Ein neues Adenauer-Zitat war geboren. Und wie das mit Zitaten so ist, sie werden halt zitiert. Beispielsweise im Beiheft der Hamburger Wochenschrift mit dem Anzeigenteil für Hochschulabsolventen – richtig: im Zeitmagazin. Darin widmeteten sich zwei freie Autoren ebenfalls auf vier Seiten „dem sauberen Früchtchen“. Auf der letzten Seite folgender Satz: „Im Zusatzprotokoll 10 des EWG-Gründungsvertrages ist – immer noch – ein zollfreies Kontingent für Bananen vorgesehen. ‚Die Banane ist eine Hoffnung für viele und eine Notwendigkeit für uns alle!‘, erklärte der volksnah-gewitzte Kanzler damals vor dem deutschen Bundestag…“

Nicht weil es sich bei dem „Deutschen Bundestag“ um einen Eigennamen handelt, der auch im „Zeitmagazin“ richtig – nämlich mit großem „D“ – geschrieben werden sollte, nein weil mir die Veränderung im ohnehin vermeintlichen Adenauer-Zitat so gut gefiel, begann ich am 11. Januar 1993 meine Recherche zur Nicht-Recherche meiner Berufskollegen und fragte, mit maschinengeschriebenen Briefkopf, als unbedeutender freier Journalist bei der Redaktion des Magazin an : „Sehr geehrte Damen und Herrn, sehr geehrter Herr K. (Name des Autors), in Ihrem interessanten Beitrag zitierten Sie den damaligen Bundeskanzler Adenauer mit dem Satz: ‚Die Banane ist eine Hoffnung für viele und eine Notwendigkeit für uns alle‘. Ich habe mich im Parlamentsarchiv auf die Suche gemacht, konnte aber im erwähnten Jahr 1957 diese Aussage vor dem Bundestag nicht finden. Könnten Sie mir bitte die Quelle für diese doch interessante Aussage des Alt-Bundeskanzlers nennen? Für Ihre Antwort danke ich Ihnen vielmals.“

Wochen vergingen – ohne Antwort aus Hamburg.

Am 27. Januar 1993 eine erneute Anfrage: „Ich möchte noch mal – ebenso höflich wie dringlich – um Beantwortung meiner Frage nach Angabe der Quelle für das von Ihrem Autor angeführte Adenauer-Zitat bitten. Ich habe mittlerweile wirklich alle denkbaren Bonner Archive durchwühlt: Weder im Bundestag, noch bei der Adenauer-Stiftung, noch im Adenauer Haus oder im Bundespresseamt, ist diese, ich muß schon sagen – vermeintliche – Aussage Dr. Adenauers bekannt…“ Als eine Antwort auch weiterhin ausblieb – ein telefonischer Versuch. Nein, man habe jetzt keine Zeit für mich, hieß es in der Redaktion des Zeitmagazin. Vertröstung auf die nächste Woche
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Erneuter Versuch – ein leicht genervt klingender Redakteur erklärt mir, der Beitrag stamme von einem freien Autor, die Quelle für das Zitat sei aber seriös – es habe im Stern gestanden… Wieso ich denn daran zweifle? Was ich denn eigentlich wolle? Wer ich denn sei?Nach Beantwortung dieser und weiterer, nicht gestellter Fragen, kam immerhin das Eingeständnis – nicht der Autor – nein er, der Redakteur, habe redigiert – und so wurde aus dem Adenauer Zitat (Sie ist eine Hoffnung für viele…) „Die Banane ist eine Hoffnung für viele…“ Nachdem ich mich im weiteren Gespräch als einen der beiden Autoren der WDR-Glosse geoutet hatte, fragte mich der Redakteur recht unvermittelt, worüber ich denn im Zeitmagazin schreiben möchte? Vielleicht sollte ich dieses Angebot doch einmal aufgreifen.

Denn daß das Zeitmagazin viel gelesen wird, war schon daran zu erkennen, daß diese neue, leicht redigierte Version des vermeintlichen Adenauer Zitats nun ebenfalls auf dem Markt der Abschreiber war. Im Sender VOX gab es im Juni 1993 noch mal die „Sie ist eine…“- Version. Dafür stand in einem Kommentar der taz am 16. Juli 1993: “‘Die Banane ist eine Hoffnung für viele und eine Notwendigkeit für uns alle‘…schmetterte der Kanzler seinerzeit durch den
Bundestag. Ein Satz, der 32 Jahre später wieder Geschichte machte, als die Bürger der DDR die Mauer durchbrachen und die rote Fahne gegen gelbe Bananen eintauschten…“

Es war nur die Kommentatorin der taz (heute beim Spiegel), die mich bei späterer Gelegenheit lachend aufforderte, die Geschichte des vermeintlichen Adenauer-Zitats doch bitte aufzuschreiben. Wer in Sachen „Bananen“ in diesem Land recherchiert, gelangt unweigerlich zum „Ersten deutschen Bananen-Museum“ in Sierksdorf bei Kiel. Von dort erhielt ich – leider erst einige Jahre nach Erscheinen eine weitere Verwendung des vermeintlichen Adenauer Ausspruchs.

Das „Zitat“ als Überschrift

Die „Neue Presse“ in Hannover überschrieb ihren Report in der Samstagsausgabe vom 20. Februar 1993: „Adenauer erkannte Bedeutung der Banane für die Deutschen: ‚Sie ist Hoffnung für viele und Notwendigkeit für alle‘“ Der Autor eines ganzseitigen Reports über das innige Verhältnis der Bundesbürger zu „ihren“ Bananen konnte sich offenbar genau erinnern : „Es war eine große Stunde der Deutschen. Zittrig erhob der Kanzler den Finger und sprach zum Bundestag: ‚Sie ist eine Hoffnung für viele und Notwendigkeit für alle‘. Es war nicht die Freiheit, die er meinte. Nicht die Demokratie, die beschworen wurde und auch nicht die Marktwirtschaft. Vielmehr erhob Konrad Adenauer unter dem Applaus von Regierung und Opposition ein völlig undeutsches Erzeugnis zum nationalen Symbol: die Banane. Spätestens seit diesem denkwürdigen Tag des Jahres 1957 mußte aller Welt klar sein: Die Deutschen und die Banane, das ist eine Beziehung der ganz besonderen Art…“

Allein schon wegen des Gebrauchs der Formulierung „undeutsch“ hätte ich gerne auch mit diesem Kollegen gesprochen – er war leider nicht auffindbar. Dafür durfte ich erleben, wie das Adenauer-Zitat im November 1996 erneut im WDR-Programm auftauchte. Doch diesmal nicht in einer Glosse – sondern ernstgemeint in einem Verbrauchermagazin namens „Kostprobe – Tests und Tips für Ernährung & Haushalt.“ Der Autor hatte unsere Glosse aus dem WDR-Archiv entnommen und nach eigenem Bekunden nicht feststellen können, daß die Glosse eine solche und deshalb nicht ganz ernst gemeint war. Also flimmerte Adenauers Rede aus dem Jahr 1957 abermals über den Bildschirm, nur diesmal ganz ernst gemeint und blieb – zum Nachlesen für Bildungshungrige – erhalten im Begleitheft zur Sendereihe, erschienen im Walter Rau Verlag. Dort heißt es, angefangen habe es im Jahre 1957. „Konrad Adenauer, damals Bundeskanzler, schätzte die Banane sehr und verkündete: Sie ist eine Hoffnung für viele und eine Notwendigkeit für uns alle“

(Leicht gekürzt aus Leidenschaft: Recherche: Skandal-Geschichten und Enthüllungs-Berichte / Thomas Leif (Hrsg.). – 2., erw. Aufl.. – 
Opladen; Wiesbaden: Westdt. Verl., 1999. – 244 S.; 23 cm
ISBN 3-531-13386-1 kart.: EUR 20.34