Im kleinen Bangladesch ist zu sehen, woran die Erde krankt: Egal ob Chinesen, Inder, Japaner, Russen oder Deutsche – alle machen des Profits wegen mit, die Zukunft eines Landes zu zerstören.
90 Km östlich von Kolkata hat die indische Regierung dem Bundesstaat West Bengalen eine etwa 500 Meter lange Halle in den Wald geknallt. Direkt neben der Grand Trunk Road die mit riesigen Banyan Bäumen gesäumt ist. Die Innenausstattung der Halle gleicht dem des Einreisebereichs des internationalen Flughafens in New Delhi. Mit dem Ausreisestempel aus der Halle kommend wird der Reisende gezwungen, die letzten 100 Meter mit einem Elektromobil bis an den Grenzzaun gefahren zu werden. Es fehlt nur noch, dass der Fahrer ausruft: „Schaut her Bangladesch, wir sind das große Indien.“
Beim pro Kopf Jahres-Einkommen liegen die selbsternannte Weltmacht und das Aschenputtel mit 2820 US-Dollar pro Jahr und 2730 übrigens nah beieinander
Auf der indischen Seite stehen mittlerweile etwa 200 Hindu-Aktivisten und brüllen für die Kameras der Medien ihren Hass auf das muslemische Nachbarland heraus. In der Mini-Halle des Immigration-Büros Bangladeschs sind die Beamten nicht gut gelaunt. Ein paar Stunden später bin ich zurück in Kolkata.
2024 – Mutiger Aufstand in Bangladesch
Im Juli 2024 brach in der Hauptstadt Bangladeschs Dhaka ein Aufstand angeführt von Studenten aus, der sich schnell auf das ganze Land ausbreitete. 1500 Menschen starben, 20.000 wurden verletzt – am 5. August floh die Autokratin Śekha Hāsinā nach Indien. Seit 2009 hatte die jetzt 78-Jähige als Premierministerin mit harter Hand das Land regiert. Für viele Medien im Westen kam der Aufstand überraschend, galt der flächenmäßig kleine östliche Nachbar Indiens doch zwei Jahrzehnte als wirtschaftliches Vorzeigeland des IWF.
Noch Ende 2022 wurde die Hāsinā-Regierung auch von deutschen Wirtschaftsmedien wie vom U.S -amerikanischen Thinktank Atlantik Council in höchsten Tönen gelobt: Dafür reicht Wirtschaftswachstum. Dabei war schon spätestens Jahr 2019 abzusehen, dass Bangladesch nicht nur auf eine ökologische Katastrophe zusteuert
Für mich, der noch im Februar 2024 durch Bangladesch gereist war, kam nur eins überraschend: Dass die Studenten den Mut gehabt hatten, gegen das Hāsinā-Regime zu rebellieren. Jahr zu Jahr regierte ihr Clan brutaler: 10.000e Menschen verschwanden in den Gefängnissen . Dazu hat Indien den kleinen Nachbarn mit einem 3200 Km langen Zaun quasi eingeschlossen .Die einzige andere Landgrenze, die zu Myanmar, brachte Bangladesch etwa 1,2 Millionen geflüchtete Rohingyas ein.
Dabei müssen in Bangladesch schon 170 Millionen Menschen auf einer Fläche leben, die weniger als die Hälfte von Deutschland ausmacht. Dazu noch jährlich überschwemmt wird. Obendrauf öffnet Indien genau dann die Schleusen seiner Dämme, aber hält das Wasser zurück, wenn Bangladesch es in den Dürremonaten am meisten braucht.
„Ein ökologisches Minenfeld.“
Nur der Aktivist Hasan Mehedi traute sich noch mit mir zu reden, alle anderen Kontakte sagten aus Angst ab. Ein Minister der Regierung wollte Hasan am liebsten im Gefängnis sehen. Doch ein anderer Minister schützte ihn und half heimlich, das Umwelt-Institut clean aufzubauen. Auch Mitgliedern des Hasina-Regimes war bewusst geworden: „Bangladesch ist ein ökologisches Minenfeld.“
Die Stimmung auf den Straßen Jessores, Khulnas, Dhakas und Kushtias war beängstigend – über Politik traute sich erst recht niemand zu reden. Dazu ging es mit den Staatsfinanzen bergab, denn nur wenige hatten mitbekommem, dass Hāsinā und ihr Familienclan das Land verkauft und in die nahe Zahlungsunfähigkeit getrieben hatten. Und alle großen internationalen Player bereicherten sich mit:
Im Juni 2024 hatte Bangladesch Kraftwerke mit einer Kapazität 30.000 MW Strom zu erzeugen. Doch der Verbrauch zu Spitzenzeiten im Sommer 2023 lag nur bei 15.164 MW, im Winter bei 10.733 MW. „Das sind offizielle Regierungszahlen”, erklärte Hasans Mitarbeiterin Rabeya und fügte hinzu, dass die Regierung dabei nicht an die Zukunft dachte, denn der Stromverbrauch der Wirtschaft ist rückläufig. Was machte also das Land mit dem vielen Strom, verkaufen? „Nein, wir kaufen noch Strom aus Indien dazu. Genauer gesagt von Gautam Adani. Sein Strom ist 56 Prozent teurer als Exportstrom und 191 Prozent teurer als indischer Solarstrom (etwa 2,5 Cent)”, sagte Rabeya.
Die Auflösung, durch Daten der Hasina-Regierung belegt: Mit Hilfe indischer, britischer, chinesischer, japanischer und US-amerikanischer Konzerne wurden vorwiegend Thermalkraftwerke gebaut (die mit Gas, Kohle oder Öl betrieben werden). Russland baut ein Atomkraftwerk. Bauern und Dorfbewohner wurden von ihrem Land vertrieben und das teuer an die Betreiber verkauft, deren eine Hälfte immer der Staat Bangladesch ist. Dann wurden die ausländischen Konzerne mit Hilfe der Kapazitätengebühr (capacity charge) vertraglich abgesichert, egal ob sie Strom produzieren oder nicht. In der Regel haben sie schon nach 6 Jahren ihr Investitionskapital heraus.
Schwabenkonzern verdient mit
Beim Bau des Thermal-Kraftwerks in Rampal, das von Indien finanziert wird, war die in Stuttgart ansässige Fichtner Gruppe mitbeteiligt. Wie auch beim Bau eines 1.200 MW Kraftwerks in Matarbari im Distrikt Cox-Bazar, das von Japan mitfinanziert wird. Trotz heftiger Proteste der lokalen Bevölkerung. In einer beeindruckenden Studie für die Heinrich Böll Stiftung zeigt Dieter Reinhardt auch die Beteiligung weiterer deutscher Firmen für umstrittene Kraftwerke in Bangladesch auf. Dazu viele andere internationale Akteure Ebenso beschreibt Reinhardt die zahlreichen Gefahren durch das Rampal-Kraftwerk für die im Ramsar-Abkommen geschützten Mangrovenwälder der Sundarbarns.
Das Groteske: Mehrere Studien weisen nach, dass Bangladesch bei 300 Sonnetagen im Jahr schon im Jahr 2024 das Potenzial hatte, 215.011 MW Strom alleine aus Sonnenenergie zu produzieren . Doch was machte die Hasina-Regierung: Sie erhöhte die Zölle auf Solarwechseltrichter, die in Bangladesch nicht hergestellt werden, auf 37 Prozent Die Bevölkerung sollte offensichtlich den teuren Kohlestrom kaufen, der dem Hāsinā-Clan und den ausländischen Investoren die Taschen vollmachte.
Obwohl es in Deutschland schon im Jahr 2020 zahlreiche Proteste gegen die Fichtner-Beteiligung am Bau des Rampal-Kraftwerkes gab, wurde das Unternehmen 2022 von der Kretschmann-Regierung in Baden-Württemberg und dem HRI des Handelsblattes mit Preisen ausgezeichnet.
Schwerer Neuanfang
Im August 2024 hat Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus den Vorsitz einer Übergangsregierung übernommen . Die geplanten Wahlen wurden vielfach verschoben und sollen nun am 12. Februar stattfinden. Die Probleme der Übergangsregierung waren und sind zahlreich und es ist ein Wunder, dass das Land nicht im völligen Chaos versunken ist. Anfangs übernahmen sogar Studenten in Dhaka die Aufgabe der Verkehrspolizei, da diese aus Angst vor Rache der Bevölkerung nicht zum Dienst antraten.
Die Yunus-Regierung gab kurz nach Übernahme der Amtsgeschäfte bekannt, dass alle Energieprojekte, die durch Hāsinā genehmigt wurden, erneut geprüft werden. Darunter auch das Projekt mit dem indischen Kohle-Milliardär und Modi-Freund Gautam-Adani. Der Vertrag hat Adani das 15fache seiner Investitionen garantiert, egal ob er Strom liefert, oder nicht . Für Narendra Modi war das der perfekte Grund einen Ersatzfeind zu präsentieren, um von den heimischen Problemen abzulenken. Immer mehr Experten zweifeln die hohen Wachstumszahlen an. Dazu steigt die Jugendarbeitslosigkeit .Auch die indische Rupie ist auf dem Tiefflug.
So warf die extreme Hinduregierung von Narendra Modi „Dhaka“ von Anfang an vor, dass die hinduistische Minderheit in Bangladesch nicht mehr sicher sei und reihenweise “Massaker” an Hindus stattfinden. Doch etliche Untersuchungen von Medien, darunter auch die Deutsche Welle, stellten fest, dass es sich bei fast allen Vorwürfen von Übergriffen auf Hindus, um Fakenews gehandelt hat .
Am 12. Dezember erreichten die Spannungen der beiden Nachbarn einen weiteren Höhepunkt, als der Studentenführer Sharif Osman Hadi in Dhaka ermordet wurde. Seine Anhänger machten Indien dafür verantwortlich und setzten die Büros zweier großer Zeitungen in Brand, denen sie vorwarfen zu indienfreundlich zu sein . Doch der betroffene Daily Star gilt allgemein als eine der besten Tages-Zeitungen Bangladeschs. Dazu versuchten Hadis Anhänger auch die stellvertretende Hochkommission Indiens im südlich gelegenen Chittagong zu stürmen. Zudem wurde am 21. Dezember ein weiterer Hindu in Bangladesch ermordet. Im neuen Jahr ein Hund verprügelt und dann in Brand gesteckt. Die Yunus-Regierung leugnet die Fälle nicht und ließ alle Tatverdächtigen verhaften.
Ausschreitungen auch in Indien
Auch in Indien kommt es mittlerweile zu Angriffen auf vermeintliche Menschen aus Bangladesch. Doch in der Regel handelt es sich dabei um Arbeitsmigranten aus West Bengalen. Dort versucht Modis BJP mit dem gestreuten Hass auf Bangladesch auch Wahlkampf zu betreiben und warf der hiesigen Chief Ministerin Mamata Banerjee vor, zu muslimfreundlich zu sein. Sie gilt als härteste Widersacherin von Narendra Modi. Schon jetzt treffen West-Bengalen die Auseinandersetzung zwischen Delhi und Dhaka wirtschaftlich hart: Der Bundesstaat galt für die Menschen Bangladesch als beliebtes Urlaubsziel. Alleine die Hotels und Restaurants in Kolkata haben in einem Jahr Umsatzeinbußen von umgerechnet 100 Millionen Euro erlitten.
In Kolkata konnten auch die Frauen aus Bangladesch mal den Schleier fallen lassen und sich frei fühlen. Bei meinem letzten Besuch in ihrem Land waren gefühlt sieben von zehn Frauen verschleiert. Bei meinem ersten Besuch 2007 war es höchstens eine Frau von zehn. Obwohl Delhi es gerne so darstellt, als wäre die Hasina-Regierung aktiv gegen den Islamismus vorgegangen, stellte sich die Realität anders dar: Hasina ging nur brachial gegen die Jamaat-e-Islami vor, da diese politische aktiv gewesen war, doch sie unterstütze die Hifazat-e-Islam finanziell, damit diese durch unpolitische Religion mithalf, die Bevölkerung ruhig zu stellen. Das wusste auch die indische Regierung.
Altlast Atomkraftwerk
Während aktuell auf beiden Seiten weiter aus strategischen Gründen von bestimmten Gruppen der Hass geschürt wird, hat die Interimsregierung von Bangladesch eine weitere Altlast der Hasina-Regierung zu stemmen: Das Atomkraftwerk in Ruppur, mit einer Nennleistung von jeweils 1200 Megawatt der beiden Reaktoren – gebaut wurde auf Schwemmland, das jedes Jahr überschwemmt wird. Finanziert zu 90 Prozent aus russischen Staatskrediten. Die Baukosten haben sich schon jetzt verdreifacht und betragen 12,65 Milliarden US-Dollar. ThyssenKrupp baute das Fundament, da nur sie die Maschinen hatten Bohrungen auf dem „speziellen Untergrund“ durchzuführen.
Seit 2019 besuchte ich die Baustelle drei Mal und kann immer noch nicht glauben, dass ein Atomkraftwerk auf Schwemmland an so einem Ort gebaut wird. Warum sie davon bis heute nicht gehört oder gelesen haben? Vielleicht aus ähnlichen Gründen wie bei Berichterstattung über die heimische Politik.
Wie sagte der der junge Wirtschaftsexperte und Youtuber Maurice Hoefgen neulich: “‘Die Anstalt schafft es in 50 Sekunden mehr Fakten zu nennen, als Lanz und Co. in allen Talkshows in einem Jahr .“ Diesen Eindruck bestätigte der Journalist David Goeßmann. In einem Artikel, den auch der Extradienst heraushob, zeigte der Kollege auf, dass sich nur ein Prozent aller Beiträge der TV-Talkshows (Lanz und Co.) von ARD und ZDF mit der Klimakrise befassten.
Vom Klimawandel ist auch Bangladesch schon jetzt hart getroffen: Studien sagen voraus, dass das Land bis 2050 durch den steigenden Meeresspiegel 30 Prozent seines Ackerlandes verlieren wird. Ebenso hart getroffen wird das Land durch Umweltzerstörungen dank Billigindustrien wie Textilien für den Westen, oder dreckiges Leder für China.
Alle „Großen“ nutzen die „Kleinen“ als billiges Klopapier, damit der eigene Arsch sauber scheint.

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