Indiens hohe Wachstumszahlen sind manipuliert. Dazu steht die Infrastruktur gerade in Sachen Wasser und Müll vor dem Kollaps und der Smog wird immer schlimmer.

Ich sitze gegenüber dem Busbahnhof – mit einem Durchschnittslärm von bis zu 89 Dezibel, der lauteste Ort in der Kleinstadt Berhampur. In Indien werden Hupen mit einer Lautstärke von 140 Dezibel verkauft und benutzt – 130 beträgt die menschliche Schmerzgrenze. Vor mir auf dem Bürgersteig zieht ein zerlumpter Bettler seinen beinlosen Rumpf mit Hilfe der Hände vorwärts. Seine Stümpfe stecken in dicken Gummistulpen. Nach sechs Wochen Straßen-Indien nehme ich ihn nur noch wahr, weil ich schreibe. Links von mir am Straßenrand hocken zwei „Gemüse-Frauen“ vor ihren ausgebreiteten Waren. Wenn Taubheit den Menschen vor Lärm schützt, so zeigt ihr Blick an, dass auch Stumpfsinn seinen guten Zweck haben kann.

Neben mir sitz Herr Prashad, Besitzer eines Hostels und einer kleinen Lodge vor der wir sitzen. Für 1,50 Euro kann der Gast für 24 Stunden bei ihm eine Schlafkoje mit Vorhang und Mini-Ventilator nutzen. Er ist vor 15 Jahren aus Südindien nach Odisha gekommen. „Weil es hier boomte und die lokale Konkurrenz ein wenig ‘schläfrig’ ist“, sagt Herr Prashad. Wer das Treiben hier vor dem Busbahnhof sieht, dürfte annehmen, dass es noch immer boomt, doch vom Hotelbetreiber bekomme ich etwas anderes zu hören.

„Die Geschäfte liefen sehr gut, doch dann kam Modi mit seiner Demonetisierung,“ bei den Worten muss Herr Prashad immer noch ungläubig den Kopf schütteln. Am 8. November 2016 hatte die Modi-Regierung über Nacht alle 100 und 500 Rupien Noten für ungültig erklärt.

Schlag gegen die “kleinen Fische”

 Im Bargeldland Indien kam das Wirtschaftsleben gerade im informellen Sektor, in dem bis zu 94 Prozent der arbeitenden Bevölkerung beschäftigt sind, quasi zum Erliegen. Die Modi-Regierung wollte damit dem Schwarzgeld herrwerden, doch diejenigen die er treffen sollte, schmunzelten auch mir gegenüber nur müde. Sie sollten recht behalten. Es traf nur die kleinen Fische – 99,3 Prozent der alten Geldscheine wurden in Neue umgetauscht. Millionen Arbeitsplätze wurden vernichtet, wie auch Herr Prashad bestätigt: „Plötzlich war kein Geld mehr da, um die Angestellten zu bezahlen. Gerade die kleinen Geschäftsleute überlebten nur dank Kredite und als sich alle langsam erholt hatten, kam Corona.“

Schon seit Jahren gibt es viele Experten, die die hohen Wachstumszahlen von Indien bezweifeln. Einer der schärfsten Kritiker ist der Wirtschaftswissenschaftler Arun Kumar, der das aktuelle Wachstum Indiens mit drei Prozent und nicht mit acht beziffert  Eines seiner Hauptargumente deckt sich mit meinen Eindrücken auf den Straßen: Es wachse nur der formelle Sektor in dem aber nur 6 Prozent der indischen Arbeitnehmer/innen beschäftigt sind. Die Modi-Regierung schätzt jedoch, dass der informelle Sektor genauso stark wachse. Das sind nämlich die Wachstumszahlen: Schätzungen der Modi Regierung. Zudem kritisiert Kumar die veralteten Daten, wie den Zensus von 2011/12, den die Regierung als Grundlage ihrer Berechnungen nimmt.

Auch der Internationaler Währungsfonds (IWF) hat große Zweifel an Indiens Daten mit der sich die Modi-Regierung die hohen Wachstumszahlen zusammenschätzt,  und listet viele der Argumente auf, die Kumar vorbringt. Doch der IWF geht nicht so weit, die indischen Wachstumszahlen manipuliert zu nennen, sondern gibt den Daten mit denen die Modi-Regierung arbeitet ein C. Das heißt: Veraltete Daten und Zahlen die schwer nachvollziehbar sind, so dass kaum zu beurteilen ist, wie es der indischen Wirtschaft wirklich geht.

Rich to get richer

Die Reichen werden in Indien trotzdem noch schneller reicher als woanders: Den oberen drei Prozent gehören 70% aller Vermögenswerte, 45% des Einkommens und 80% aller finanziellen Vermögenswerte. .

Der Unternehmer Gautam Adani ist einer dieser rasend schnell gewachsenen Superreichen. Während des Wahlkampf 2014 stellte er Narendra Modi einen Privatjet zur Verfügung.  Nach dessen Wahlsieg verdreifachte sich das Vermögen von Adani innerhalb von 8 Monaten auf 6 Milliarden US-Dollar . Heute beträgt sein Vermögen laut Bloomberg 79,8 Milliarden US-Dollar. Von Kohle, über Solaranlagen wie Flughäfen bis zu riesigen Überseehäfen kann keine Regierung der 28 Bundesstaaten auf Adanis „Investitionen“ verzichten, selbst wenn die Bürger demonstrierend auf die zerstörerischen Folgen hinweisen.

Weder eine laufendes Verfahren in den U.S.A wegen Bestechung , noch der Hindenburg-Report, der Adanis Vermögen über Nacht halbierte, können dem Mann etwas anhaben. Einen Monat vor den Hindenburg-Veröffentlichungen, warnte der bekannte Finanz-YouTuber Akshat Shrivastava seine 1,5 Millionen jungen Follower, dass die Aktien der Adani-Gruppe im Jahr 2023 einbrechen könnten. Als Hauptgrund nannte Akshat die Schulden der börsennotierten Firmen der Adani-Gruppe. Die indischen Leitmedien wie die meisten Aktionäre wurden von den Hindenburg-Veröffentlichungen getroffen, wie der sogenannte Blitz aus heiterem Himmel.

Dem Unternehmer Mukesh Ambani gelang es unter Narendra Modi 2025 zum reichsten Menschen der Erde aufzusteigen. Es war seine Firma Reliance, die bis Ende letzten Jahres das meiste Öl aus Russland gekauft hat, um es dann unter anderen an den indischen Staat weiter zu verkaufen. Auch Europa/Deutschland war einer der Kunden, die das weiterverarbeitete Öl in Form von Diesel und anderen Mineralölerzeugnissen kauften.Doch da Ambani die Sanktionen der U.S.A fürchtet, kauft der indische Staat Indien nun direkt von Russland .

Rafale-Affäre mit Frankreich

In Frankreich läuft ein Verfahren gegen Ambani wegen Korruption im Zusammenhang mit dem Kauf von 36 französischen Rafale Kampfjets, die die Modi-Regierung 2015 bestellt hat. Dabei wurde beschlossen, dass einige Teile des Kampfjets auch in Indien gebaut werden. Die Regierungen Macron und Hollande sind stark in den Fall verwickelt. Jahrzehntelang übernahm solche Aufträge das Staats-Unternehmen Hindustan Aeronautics Limited. Doch plötzlich bekam Ambanis Reliance Gruppe den Auftrag für die Rafale, ohne jegliche Erfahrungen in diesem Bereich. 

Im Mai letzten Jahres sollen diese Kampfjets sehr einfach von den chinesischen J-10 abgeschossen worden sein, mit denen die pakistanische Luftwaffe ausgestattet ist, als sich beide Ländern mal wieder vier Tage einen „Kurzkrieg“ gönnten. Als wenn zwei Länder mit einem pro-Kopf-Jahreseinkommen von etwa 1560 US-Dollar und 2800 US-Dollar keine anderen Probleme haben.

Indien bestätigte zwar die Abschüsse der Rafale nicht, doch die Experten und internationalen Märkte gaben nicht viel darauf: Die Aktie des chinesischen Unternehmens Avic Chengdu Aircraft stieg sofort um 40 Prozent – sie baut den J-10 . Reliance verkauft mittlerweile auch Präzisions-Munition an den deutschen Technologie-Konzern Diehl.

Doch andere Konzerne sind nicht mehr so geduldig mit der Modi-Regierung. Obwohl Nestle-Indien und Unilever schon den größten Teil des Lebensmittelsektors beherrschen, sprach Nestle-Indien Direktor Suresh Narayanan schon im Mai 2024 aus, was viele denken: Indiens Mittelklasse schrumpfe, dazu zweifelte er die hohen indischen Wachstumszahlen an. Zudem leben mindestens 800 Millionen Menschen in Indien von Lebensmittelhilfen der Regierung.

Bei seinem Amtsantritt 2014 verkündete Modi noch, dass er mit diesen „freebies“ Geschenken der Vorgänger-Regierung aufräumen wird. Mittlerweile baut Modis Bharatiya Janata Party (BJP) bei allen Wahlen in den Bundestaaten doch genau auf diese „freebies“, die er damals so verteufelt hat. Den Wählerinnen werden sogar direkte Geldzahlungen auf ihre Konten angeboten.

Auch die politische Opposition hat mittlerweile zu diesem Mittel gegriffen. Doch mit 85 Millionen US-Dollar pro Jahr allein an Wahlspenden bekommt die BJP 13-mal mehr finanzielle Zuwendungen, als ihr größter politischer Gegner, die Kongress Partei.

Jeden Tag eine Flasche Schnaps

Auf lokaler Ebene sieht der „Freebie-Wahlkampf“ dann so aus, wie bei den Kommunalwahlen 2025 in Uttarakhand. Für einen Monat wird die Bevölkerung im Wettbewerb von Wahlveranstaltungen mit reichlich kostenlosen Essen umgarnt. Selbst einfache Menschen wie ein Obstverkäufer in Rishikesh werden fürsorglich behandelt. Da er das Oberhaupt eines 40-köpfigen Familienclans ist und ein stadtbekannter Trinker, bekam er von der BJP und der Kongress Partei jeden Tag jeweils eine Flasche besseren Schnaps. Am Ende des Wahlkampfes war der Obstverkäufer völlig aufgedunsen und kam zu der Erkenntnis: „Ich bin froh, wenn das bald vorbei ist“. Überall in Indien steigt der Alkoholschmuggel zu Wahlen rapide an, so auch 2025 in Uttarakhand .

Gleichzeitig beschwerten sich die Menschen in Rishikesh drei Jahre lang, dass es ihre Regierung nicht geschafft hatte, wegen des Neubaus der Laxman-Jhula Brücke, für einen staatlichen, günstigen Bootsverkehr zu sorgen. Klar: Die Wahlausgaben müssen auch wieder reingeholt werden. So bekam ein Unternehmer den Zuschlag, die Bürger 100 Meter über den Ganges zu schippern und drei Jahre lang mit unverschämten Preisen auszunehmen. 

Zeitbombe Wasser-Infrastruktur

Seit 11 Jahren ist Narendra Modi an der Macht. Dazu regiert seine BJP in mehr als der Hälfte aller Bundestaaten mit. Trotzdem fällt die alte Wasserinfrastruktur auseinander und ist zur Zeitbombe geworden. Die Müll-Infrastruktur kann nur als ein Desaster beschrieben werden, denn von Delhi bis Kolkata besteht sie aus ständig kokelnden Müllbergen, die regelmäßig in Flammen aufgehen.

 Auch die Jugend-Arbeitslosigkeit bekommt die Modi-Regierung nicht in den Griff, außer dass sie auch da die Zahlen drücken kann: In Indien gilt nicht als arbeitslos, wer in der Woche eine Stunde zu tun hat. Deswegen sind laut Statistik immer noch 46 Prozent der arbeitenden Bevölkerung in der Landwirtschaft beschäftigt, die der große Friedhof für die Arbeitslosenzahlen Indiens ist.

Migranten als “Termiten” beschimpft

So ist der Brain-Drain der jungen gebildeten Menschen Indiens im vollen Gange: Auch Russland, dessen Bevölkerung wie im Westen im älter wird , macht mittlerweile mit, im Wettbewerb um die hellsten, indischen Köpfe. Da bleibt der Modi-Regierung nichts anderes mehr übrig, als die Wähler zu bestechen. Dazu garniert mit Hass gegenüber Minderheiten im eigenen Land und gegen seine Nachbarländer, dessen Menschen zum Beispiel als Termiten beschimpft werden, anstatt die große Schwester zu sein, die ihnen auf die Sprünge hilft, so dass alle gemeinsam gewinnen. Da ist es kein Wunder, dass China neben zwei Beinen in Pakistan auch mehr als ein Bein in Bangladesch und auch Nepal hat. Das Modi-Indien hat fertig.

1,7 Mio. Umwelt-Tote im Jahr

Die Menschen Indiens müssen halt wie aktuell in Delhi noch etwas länger riechen, wie das ist, wenn ihre BJP-Stadt-Regierung erklärt, dass die Luft 2025 so sauber war, wie lange nicht mehr. Die Wissenschaft bestätigt eigentlich, was die Menschen riechen: 2025 herrschte die schlimmste Luft in Delhi seit fünf Jahren. Der durchschnittliche AQI, der alle Feinstaubpartikel in einem Kubikmeter Luft misst, stieg unter der BJP-Regierung um sieben Prozent im Vergleich zu 2024. Auch der Januar ist bisher der mit Abstand schlimmste seit fünf Jahren. Die medizinische Fachzeitschrift The Lancet veröffentlichte im letzten Jahr eine Studie, nach der die Luftverschmutzung Indien 9,5 Prozent des Bruttosozialproduktes kostet und 1,7 Millionen Menschen im Jahr das Leben.

Aber nun sind die Menschen in Delhi nicht die einzigen auf der Erde, die lieber Populisten glauben, als der Wissenschaft.

Über Gilbert Kolonko:

Avatar-FotoGilbert Kolonko reist seit über 25 Jahren durch Indien, Pakistan, Nepal und Bangladesch. Er hat ein Buch über den Bürgerkrieg in Nepal geschrieben und eines über Pakistan. Dazu Artikel und Reportagen über den Subkontinent für deutsch- und englischsprachige Medien.