Beueler-Extradienst

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Kameras retten nicht – nur Menschen

Trauer um Serkan C. – Wundersame Bahn CCXLII

Ich weiss nicht, wie es Ihnen geht. Ich kriege immer zuviel, wenn ich mehr oder weniger prominente Nasen sehe, die sich vor Tagesschau-Kameras stellen, um Trauer zu demonstrieren (oder zu simulieren). Mehr Respekt habe ich vor solchen, die handeln. Dazu ein paar Vorschläge – wobei offenbleiben muss, ob sie diesen Mord/Totschlag/Unfall verhindert hätten. Kameras jedenfalls nicht.

Kameras befriedigen das Voyeur-Interesse von Medien und Öffentlichkeit, und zwar immer, wenn es zu spät ist. Mit einer Ausnahme: wenn die Kamera in kürzester Frist/Distanz Hilfe auslöst. Dann verliert sie freilich den Spareffekt, für diesen Zweck wurde/wird sie installiert: menschliche Arbeitskraft ersetzen. Das rettet niemanden. Für Rettung muss ein Mensch die Kamerabilder sehen, erkennen und sofortige Hilfe durch echte Menschen auslösen. Das ist Personalaufwand, und nicht -ersparnis.

Das ginge u.U. auch billiger, und zwar um den Betrag, den die Kamerainstallation kostet. Ich bin jetzt noch ein paar Tage 68. Ich habe noch die vielgescholtene Deutsche Bundesbahn erlebt, überwiegend in der West-BRD. Sie betrieb kleine und grosse Bahnhöfe.

Wenn ich nur mal den hier in Beuel nehme, von dem einst Fernzüge nach ganz Europa verkehrten. Er hatte nicht nur Fahrkartenschalter, sondern auch Gepäckabfertigung, Bahnsteigaufsicht, Bahnhofsgaststätte, Kiosk, Stellwerk und individuelle Bahnsteigdurchsagen. Mann nennt es “Infrastruktur”. Die gab es in jeder Kleinstadt, so wie es dort Postämter gab, die auch ausserhalb der Landenöffenungszeiten mit echten Menschen besetzt waren.

Und tja, es gab in den Zügen “Schaffner*innen”, und in der Regel nicht nur eine*n. Heute ziehen es die Betreffenden in überfüllten Nahverkehrszügen vor, sich in ihren Dienstkabinen unsichtbar zu machen, bis das Schlimmste vorbei ist. Dafür habe ich grösstes Verständnis – auch wenn es die Wut der Fahrgäste eher eskaliert als eindämmt.

Ich selbst hatte in den letzten 25 Jahren zwei schwerwiegende Clashs mit Zugbegleitungen. Die Ältere, mit einem Zugbegleiter aus Rheinland-Pfalz, dem gleichen Zwergstaat in dem Serkan C. jetzt sein Leben verlor, im RE5 (Koblenz-Wesel/Emmerich), den zweiten 2017 in der Mittelrheinbahn (Köln-Deutz bis Koblenz/Bingen/Mainz), also ebenfalls sehr Rheinland-Pfalz.

Ich bin erfahrener Pendler, und gut ausgebildet in sachlichem Argumentieren. So verliefen beide Konflikte ohne menschliche Schäden. Sie wurden sogar konstruktiv gelöst, wenn auch mit einigem nervlichen Aufwand. Die wenigsten Fahrgäste haben die Bahnkenntnis, die sie 250-teilige Serien publizieren und über 1.000 Folgen “Eisenbahnromantik”, die frevelhafterweise vom SWR (= Rheinland-Pfalz!) eingestellt wurden, betrachten lässt. Was wären nun mögliche Lösungen?

1. Das Tarifsystem

Das Tarifsystem der vielgescholtenen Deutschen Bundesbahn war nachvollziehbar und (für fast jede*n) verständlich. Digitalisierung gab es nicht. Herr Mehdorn und seine damalige Sündenziege Brunotte haben das Chaos ausgelöst, das die heutige Deutsche Bahn AG immer weiter auf die Spitze treibt. Die Fahrkarten waren aus Pappe und wurden von klobigen mechanischen Geräten in Sekundenschnelle an einem von Menschen besetzten Fahrkartenschalter ausgespuckt und von*m Schaffner*in mechanisch abgeknipst und entwertet. Der Clou: sogar das Nachlösen im Zug war möglich! Es kostete zunächst 3, später 5 MARK!

2. Menschen an Bahnhöfen (und Monitoren)

Rat, Hilfe, Rettung wird immer benötigt, überall, wo Menschen sind und aufeinandertreffen. Die Forderung von NRW-Verkehrsminister Krischer, dass Zugbegleitungen immer (mindestens) zu zweit besetzt werden sollen, allein schon zum Zwecke der “Eigensicherung”, ist richtig. Ob sein Wunsch nach mehr “Bundespolizei” durch einen Landespolitiker zielführend ist, ist dagegen eine offene Frage. Mitunter laufen in so manchem Hauptbahnhof mehr breitschultrige, skinheadartige Privat-Seciurities herum, die sich mit der Vertreibung von Obdachlosen beschäftigen, während nirgends mehr ein DB-Service(!)-Personal zu finden ist. Nur mal so als Beispiel: für Gehbehinderte, die in Beuel auf einen anderen Bahnsteig als den mit der 1 wollen.

3. Ausbildung

Nahezu gleichzeitig mit dem Mord/Totschlag/tödlichen Unfall von Serkan C. erschien diese lobens- und sehenswerte NDR-Doku, auf die ich sogleich hingewiesen habe. Wenn wir den Vorlauf eines solchen Filmes berücksichtigen, dann prophezeit dieser Film genau das, was nun passiert ist. Und die berechtigte Frage von immer mehr Menschen lautet absolut richtig: WARUM muss es erst so weit kommen? Die Politiker*innen wissen das genau – darum posieren sie ja so (s.o.). Die Mehrheit der Menschen verliert dagegen die Lust, noch an demokratischen Wahlen teilzunehmen.

Hier also dieser Film:

Heike Schieder, Sebastian Vesper, Desiree Marie Fehringer/NDR: Bus und Bahn: Die Angst fährt mit – Busse und Bahnen gelten als wichtige Verkehrsmittel der Zukunft, weil sie umwelt- und klimafreundlicher sind als Autos. Doch in den vergangenen Jahren ist es auch ungemütlicher geworden in öffentlichen Verkehrsmitteln. Laut Statistiken haben Übergriffe und Gewaltdelikte zugenommen. Das bekommen besonders die Mitarbeitenden im ÖPNV zu spüren. Umfragen zeigen: Die Angst, verbal oder tätlich angegriffen zu werden, fährt mit.”  (Video 44 min: Red. Gabi Bauer, als die ARD-Tagesthemen noch sehenswert waren, 1997-2001, prä-Gniffke) 2 Jahre verfügbar.

In diesem Film wird ein Selbstverteidigungs- und Deeskalationstraining demonstriert. Von dem befürchte ich, dass es eine intervenierende Sondermassnahme ist. Stattdessen gehört es in die Regelausbildung, nicht nur von Zugbegleitungen.

Allgemein gilt: menschenleere Bahnhöfe sind Angsträume – Öffentlichkeit schützt.

Ob Serkan C. unter solchen Umständen noch am Leben wäre, weiss ich selbstverständlich nicht. Gesünder für die Bahn, ihre Beschäftigten und Fahrgäste wäre es auf jeden Fall.

Über Martin Böttger:

Avatar-FotoMartin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
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Ein Kommentar

  1. Avatar-Foto
    Roland Appel

    Die Szene gleicht einem inszenierten Schmierentheater: Der brutale Angriff passiert, und bevor irgendwer überhaupt weiss, wer der Täter, wer das Opfer waren, welcher Tathergang zum Ergebnis führte und welche Motive der Täter hatte und was zur Eskalation geführt haben könnte – also alle wissen garnichts – schwafeln alle los: Angriff auf den Staat, auf die Institution Bahn, Verrohung der Öffentlichkeit, Natürlich ein Ausländer, jetzt braucht es endlich schärfere Strafen, denn das Leben von Schaffnern und Polizisten ist wertvoller als das von Omma Meier, oder Sandra Vergewaltigungsopfer und wir brauchen endlich konsequente Abschiebungen….gehts noch?
    Die Bahnchefin ruft zum Gipfel zusammen, ohne zu wissen, was eigentlich passiert ist – symbolischer Aktionismus! Und die AfD fprdert sowieso Remigration als einzige Lösung?

    Was ist das für eine populistische Idiotenrepublik?

    Früher – ich bin uralt und meine die 60er, 70er Jahre – gab es in jeder Straßenbahn Schaffner, die Lümmel an den Ohren zogen und dann war gut. Dann kamen in den 80ern Jahren die Fahrkartenautomaten und nur noch Kontrolleure. Und in S-Bahnen in den 90er Jahren private Wachdienste mit Kampfhunden. Die Löhne sanken und die Eskalationsspirale stieg an. Und die gesellschaftlichen Kosten: Wo eine Schaffnerin kostengünstig früher einen Lümmel zusammenstauchte, kamen jetzt Körperverletzung, Beleidigung, Strafverfahren, Gefängniskosten, Heilkosten für Bißwunden hinzu. Und nun sollen die Gefängnisse mit noch mehr Beförderungserschleichern gefüllt werden.
    Was da passiert ist, ist schlimm, aber warum kann nicht einfach die Polizei ihre Arbeit leisten und die Justiz rechtstaatlich urteilen?
    Vielleicht was ja alles ein bisschen anders?
    Der Täter soll Grieche gewesen sein, der Schaffner Deutschtürke. War danicht was – könnte da etwas im Wortwechsel an Eskalation abgelaufen sein, eine eskalierende Feindbildentwicklung, von der wir nicht wissen? Oder völlig anders – hat der Schaffner die Kontrolle schon mit mulmigem Gefühl durchführen MÜSSEN, weil ihm das Gesetz keinen Entscheidungsspielraum lässt, seiner eigenen Sicherheit den Vorrang davor zu geben, putativ gefährliche Zeitgenossen um jeden Preis zu kontrollieren. Die Gesetzeslage verlangt von den Schaffner:innen, auch allein gegen Beförderungserschleichung unbedingt einzuschreiten. Das ist unzumutbar! Wer seine Mitarbeitenden zwingt, einzuschreiten, auch wenn möglicherweise sie und ihr Unterbewusstsein Alarm schlagen, der Typ da könnte ein unberechenbar aggressives Arschloch sein, dem man lieber deeskalierend aus dem Weg gehen sollte, handelt verantwortungslos und trägt eine Mitschuld an solchen Vorfällen. Gefragt werden muss, in welche Situation zwingt man das Begleitpersonal damit?
    Polizist:innen wird als wichtige Kompetenz Eigensicherung empfohlen und antrainiert. Werden Schaffner und Kontrolleure ohne dieses wichtige Element auf die Realität der fahrenden Menschheit losgelassen?
    Klar ist, dass die Personalpolitik der Bahn ihre Mitarbeiter in Gefahr bringt. Sparpolitik bei den Beschäftigten setzt diese zusätzlich zur Arbeit hilflos der Gewalt aus,. Aber die bisher kommunizierten Schritte sind unzureichend, ungeeignet und symbolische Politik – allen Voran schon wieder die abgeschmackte Forderung nach einer Strafrechtsverschärfung.

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