“Das Ticket ist in diesem Zug nicht gültig” – Wundersame Bahn XCVII

mit Update 28.5.

“Ja, is scho’ wieder erster April?” fragte ich mich, als ich das las. Carola Tunk schreibt das, die in Siegen mal was-mit-Medien studiert, und tatsächlich danach eine Stelle (bei der Berliner Zeitung) gefunden hat. Über die Prekarität dieses Berufes gibt es heute Nachmittag ein “Spezial” von @mediasres, dem was-mit-Medien-Magazin des DLF: “Traumberuf mit Armutsrisiko – Journalismus zwischen Ideal und Selbstausbeutung”. Bis dahin lasse ich mal offen, wer hier die*der Prekärste ist: Journalist*inn*en oder die Deutsche Bahn.

Was können Sie als 9-Euro-Ticket-Inhaber*in nun tun? Mein Rat: tun sie nichts. Für den Tarifdschungel des DB-Konzerns sind nicht Sie verantwortlich. Angefangen hatte das Unheil in den 90ern mit einer Frau Brunotte, die ein Herr Mehdorn, der ein FroG war (“Friends of Gerd” Schröder), von der Lufthansa mitgebracht hatte. Als die Öffentlichkeit wahrnahm, was sie angerichtet hatte, wurde sie als Sündenziege geopfert – sie wars natürlich nicht allein, aber musste für Mehdorn den Kopf hinhalten. Wirklich besser wurde am Tarifsystem trotzdem nichts mehr.

Ausgetragen wird dieser Unsinn nun schon seit Jahrzehnten auf dem Rücken der Bahnbeschäftigten, die sich in den Zügen den ganzen berechtigten Ärger der Fahrgäste anhören müssen – und darum immer unsichtbarer werden. Immer weniger denkende Menschen melden sich für solche Jobs freiwillig. Die Sicherheit in Regionalzügen ist dadurch auch nicht besser geworden. In den Ostländern gelten sie für Nicht-Weisse schon als “No-Go-Area”.

Ich trug seinerzeit eine Privatfehde mit einem Zugbegleiter namens Marx aus. Der Mann kam aus Rheinland-Pfalz und arbeitete im RE5 von Koblenz nach Emmerich. Ich fuhr mit einem VRS-Abo (gültig bis Leverkusen/Langenfeld) und einer Ergänzungskarte der DB bis Düsseldorf. Herr Marx verstand die Karten nicht, und erklärte mich zum Schwarzfahrer. Ich korrespondierte sogleich per Email mit der DB, immer in Kopie/CC an die Schlichtungsstelle Nahverkehr NRW, die wir in der rot-grünen Koalition in Zusammenarbeit mit der Verbraucherzentrale gegründet hatten – und die als Modell für ähnliche Institutionen in anderen Ländern und auf Bundesebene diente.

Als erste Reaktion bekam ich sogleich zur Entschuldigung einen Reisegutschein über 25 Euro zugesandt.

Einschub: In jener Zeit war Katja Dörner, heutige OB unserer Stadt, nicht nur Betriebsratsvorsitzende und meine Arbeitskollegin, sondern entpuppte sich auch als besonders leistungsstark in der Disziplin Beschwerdetelefonat-mit-anschliessendem-Gewinn-eines-Reisegutscheins. Einschub Ende

Den trug ich dann mitsamt der schriftlichen Entschuldigung immer bei mir, weil ich Herrn Marx noch öfter begegnete. Einmal sass ich zufällig daneben, als Kirsten Bialdiga (bis Feb. 22 Rheinische Post, jetzt beim Spiegel-eigenen Manager-Magazin, alles hinter Paywall) von Herrn Marx genauso angepampt wurde, wie ich. Ich haute sie raus (s. Disclaimer unter dem Text hier).

Wenn Sie also in einem Regionalzug sitzen, in dem ein*e Zugbegleiter*in meint, Ihr 9-Euro-Ticket sei “in diesem Zug nicht gültig” – stellen Sie sich doof, und schreiben bei erster Gelegenheit so an die Bahn wie ich damals. Die werden in den drei Monaten mit den Nerven so runter sein, dass sie über jeden abgeräumten “Vorgang” glücklich sein werden.

Und ehrlich: als ich das aus Berlin gelesen habe – so bekloppt können die doch nur dort sein (noch nicht mal im Saarland). Die haben um sich rum nichts als Dürre. Da dreht mann schon mal durch. Wir Rheinländer und Westfalen bauen solchen Mist nicht. Oder was glauben Sie denn?

Update 28.5.: der Spiegel in Handlungseinheit mit dem DB-Konzern und den Bundesländern dreht das Durcheinander hier weiter. Den Clickzahlen wird das nützen, einem ökologischeren Verkehr sicher nicht. Merke: niemand ist verpflichtet, solche unseriösen Medien zu konsumieren. Verpflichtet ist die Deutsche Bahn zu klarer Verständlichkeit, als öffentliches Unternehmen. NRW ist am Rande betroffen, in der Heimat von Friedrich Merz (sauerländisches Westfalen). Das muss uns im Rheinland nicht jucken.

Über den/die Autor*in: Martin Böttger

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
Sie können dem Autor auch via Fediverse folgen unter: @martin.boettger@extradienst.net